Einweihung des Paul-Schneider-Hauses des CVJM Reichenbach/Fils und der Evang. Gesamtkirchengemeinde Reichenbach/Fils am 18. Juli 2010
Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
im Paul-Schneider-Haus in Reichenbach a. d. Fils
am 18. Juli 2010
Predigttext: 1. Petrus 1-9
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater durch unseren Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Festgemeinde!
Wir feiern heute die Wiedereinweihung des Paul-Schneider-Hauses. Ich sage bewusst „wir“, denn ich feiere mit Ihnen. In den Jahren 1967 bis 1978 verging wohl – außer wegen Krankheit oder Reise – keine Woche, in der ich nicht mehrmals ins Paul-Schneider-Haus gegangen bin. Jungschar, Kindergottesdienst, Gemeinschaftsstunde; Jugend-gruppe mit Siegfried Gübele war donnerstags. Da lernte ich Beten für andere und Bibellesen für mich. Ab etwa 1975 mussten die Frühgottesdienst-besucher mein Spielen auf dem Harmonium ertragen, abends in der Gemeinschaftsstunde spielte Gerlinde auf diesem antiken Instrument und ich sang aus voller Kehle die gefühlvollen Gemeinschaftslieder, die ich bis heute kann.
Ich gratuliere Ihnen, dass das Paul-Schneider-Haus noch viel einladender geworden ist, als es damals schon für mich war. 12.000 Stunden Eigenleistung bei diesem Bauprojekt, darüber hinaus 520.000 € teils hart erarbeitete Spenden – eine enorme Leistung. Ich freue mich mit Ihnen!
Doch, ein „Haus aus lebendigen Steinen“ ist es trotz aller Mühen nicht geworden. Das geht auch gar nicht. Denn ein Haus aus lebendigen Steinen sollen wir selbst sein.
Hören wir den Predigttext aus dem 1. Petrusbrief.
1 So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede
2 und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil,
3 da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.
4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar.
5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.
6 Darum steht in der Schrift: Siehe ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.
7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist „der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist,
8 ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses“; sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind.
9 Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkünden sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.
Liebe Festgemeinde!
Was mich zum einen freut an diesem großen Sanierungs- und Bauprojekt ist, dass es ein Gemeinschaftswerk von CVJM und Kirchengemeinde ist. Mancherorts gibt es – um Vers 1 aufzugreifen – „üble Nachrede“ zwischen Mitgliedern von CVJM und Mitgliedern der Kirchengemeinden. Das gibt es nicht nur in Württemberg, sondern auch in Bayern. Lasst das, „legt das ab“ sagt uns unser Predigtwort. Das gehört nicht zum Leben als Christen. Diese Welt braucht keine Christen, die schlecht übereinander reden, sondern die sich in Liebe annehmen. Ein Haus aus lebendigen Steinen können wir nur gemeinsam sein. Sonst gleichen wir einer Bauruine. Es ist beispielhaft, dass Sie hier in Reichenbach dieses Projekt gemeinsam geschultert haben.
Was mich zum anderen freut ist, dass die Christen in Reichenbach, in CVJM und Kirchengemeinde nun bessere Rahmenbedingungen für ihre Kinder-, Jugend- und Gemeindearbeit und ihre Pflege von Gemeinschaft haben. Wenn wir ehrlich sind, hören wir das Evangelium schon lieber in einem schönen Haus als in einer abgewetzten Bude. Freilich ruft unser Bibelwort gebäudeunabhängig in Vers 2 auf: „Seid begierig nach der vernünftigen, lauteren Milch“; damit ist das Evangelium von Jesus Christus gemeint, das „vernünftig“, ohne manipulierende Schwärmerei, und „lauter“ ohne synchretistische Pantscherei gelehrt wird. Danach sollen wir uns sehnen wie Neugeborene nach Milch.
Haben Sie schon einmal einem kleinen Baby zugeschaut, wie es seinen Mund hin und her wendet auf der Suche nach dem köstlichen Nass? So sollen wir uns nach dem Evangelium sehnen. Ich hoffe sehr, dass das einladende Paul-Schneider-Haus dazu beiträgt, dass Menschen auf den Geschmack des Evangeliums kommen, es genießen, schlemmen und zunehmen zu ihrem Heil. Das ist eine Form des Zunehmens, die gesundheitsförderlich ist, nicht nur für die Seele, auch für den Leib. Sie alle sind eingeladen ins Paul-Schneider-Haus zum Genießen der guten Botschaft von Jesus Christus.
Denn es geht ja nicht eigentlich darum, dass das Paul-Schneider-Haus mit Leben gefüllt wird. Es geht darum, dass Christus unser Leben erfüllt. Freilich kann ein einladendes Gebäude, wie das PSH dazu beitragen, dass Menschen nicht nur ins Haus, sondern zu Christus finden. „Zu ihm kommt als dem lebendigen Stein“, lädt unser Predigtwort in Vers 4 ein.
Das Bild eines lebendigen Steines ist bei uns nicht gebräuchlich. Gemeint ist ein Stein, auf den sich aufbauen lässt, ein Stein, der trägt. Christus ist solch ein Stein, der trägt.
Wir haben hier zwar einen typischen Hallenboden unter unseren Füßen; doch stellen wir uns vor, wir säßen auf Stühlen, die auf einem Steinboden stehen und unsere barfüßigen Sohlen würden den festen Stein fühlen. So fest wie solch ein Boden, so stabil und tragend für das Leben ist Christus für uns Christen. Er ist unser Lebensfundament.
Nun erwähnt unser Predigtwort, dass Christus, der feste, tragende Stein, „verworfen“ wurde. Er wurde ans Kreuz genagelt. Seine Lehre wurde verworfen. Er sollte weggeschafft werden. Für den Schreiber des Petrusbriefes lag dieses Geschehen nur einige Jahrzehnte zurück.
Heute haben wir ein christlich geprägtes Abendland. Heute wird Christus nicht mehr „verworfen“, so könnte man meinen. Aktiv verworfen wird Christus in der Gegenwart nur von wenigen, doch von vielen vergessen. Wie oft höre ich von Menschen: „Ich bin schon gläubig, ich glaube an ein höheres Wesen.“ Die Christusvergessenheit auch unter den getauften Christen ist enorm.
Höheres Wesen? Der Glaube an ein höheres Wesen bedarf der Erdung; denn das höhere Wesen, der Sohn Gottes ist auf die Erde gekommen. Er liebte die Niedrigkeit. Er diente, er heilte, er vergab, er starb den Kreuzestod.
Christus ist höher als alle Wesen. Er ist Herr der Welt. Er ist im hohen Himmel, aber er ist auch hier mitten unter uns auf der Erde, am liebsten in unserem Herz. Er ist kein ferner Geist, schwirrend, flirrend, unverbindlich. Er ist ein nahes „Du“. Er ist Herr der Welt und unseres Lebens – konkret, persönlich, tragfähig.
Unsere Kirche braucht Christen, die den oft propagierten Glauben an ein höheres Wesen erden, indem sie Jesus Christus, sein Leben, Sterben und Auferstehen in Erinnerung rufen und dazu beitragen, dass Christus zum Lebensfundament im Leben dieser Menschen werden kann. Ihr sollt verkünden „die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“, so die Aufforderung, auf die unser Predigtwort mit V.9 zielt.
Paul Schneider war ein solcher Christ, der dazu beigetragen hat, dass Christus im Leben anderer zum Lebensfundament werden konnte.
Paul Schneider starb am 18. Juli 1939. Wie passend, dass wir heute an seinem Todestag die Wiedereinweihung des Paul-Schneider-Hauses feiern und so auch nochmals an ihn, als Namensgeber des Hauses und als lebendigen Stein erinnern.
Ein kurzes Schlaglicht auf sein Leben:
Kurz nachdem Paul Schneider im Jahr 1934 Pfarrer von Dickenschied und Womrath wurde, fand die Beerdigung des Hitlerjungen Moog statt. Bei der Grabrede sagte der NS-Kreisleiter, dass der Verstorbene in den himmlischen Sturm Horst Wessel eingegangen sei. Daraufhin äußerte Paul Schneider, ob es einen himmlischen Sturm Horst Wessel gebe, wisse er nicht, aber Gott möge den Jungen segnen und ihn in sein Reich aufnehmen. Da trat der Kreisleiter noch einmal vor und wiederholte seine Aussage. Empört entgegnete Paul Schneider: „Ich lege Protest ein. Dies ist eine christliche Beerdigung, und ich bin als evangelischer Pfarrer verantwortlich dafür, dass das Wort Gottes unverfälscht verkündet wird.“ Ihm ging es um die „lautere Milch des Evangeliums“. Sie ist zugleich das wirksamste Mittel, um menschenverachtenden Ideologien wie dem Nationalsozialismus damals wie heute den Nährboden zu entziehen. Paul Schneider schien deshalb gefährlich. Am Tag darauf wurde er zum ersten Mal verhaftet.
Nach mehreren Etappen der Auseinandersetzungen und Inhaftierungen wurde Paul Schneider in das KZ Buchenwald verlegt und wurde dort für die Mitgefangenen zum „Prediger von Buchenwald“. Paul Schneider wies auch dort unermüdlich auf Christus hin und wurde dadurch auch selbst zum Stein des Anstoßes und schwer misshandelt.
Am Ostersonntag soll er sich trotz größter Schmerzen an den Gitterstäben seiner Zelle hochgezogen und den tausenden von Häftlingen auf dem Appellplatz zugerufen haben:
„Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: `Ich bin die Auferstehung und das Leben´.“
Weiter kam er nicht. Massive Stockschläge brachten ihn zum Schweigen. Doch sein Zeugnis wirkte weiter. Mitten am finstersten Ort erzählte es von den „Wohltaten dessen, der uns berufen hat zu seinem wunderbaren Licht“. Christus ist die Auferstehung und das Leben. Paul Schneider wurde für viele zum lebendigen Stein, indem er auf Christus unser Lebensfundament hinwies.
Paul Schneider war eine Ausnahmeerscheinung in einer Ausnahmesituation. Doch nehmen wir unser Bibelwort ernst, das uns Christen ausnahmslos zutraut, lebendige Steine zu sein. Nicht nur die Ausnahmesituation, sondern auch der Alltag braucht uns als Menschen, die von Christus und seinen Wohltaten erzählen.
Es sind auch nicht nur die Pfarrer und Pfarrerinnen, die als lebendige Steine auf Christus als unser Lebensfundament hinweisen. Schauen wir doch in unsere eigene Biographie: Für manche unter uns war da die Großmutter wichtig, der Vater oder die Patin. Für mache war es ein Jugendgruppenleiter im CVJM, ein Kirchenvorsteher oder einfach eine Freundin.
Und wer weiß, für wen Sie wichtig sind und schon zum lebendigen Stein geworden sind oder noch werden können. Unser Bibelwort ist umwerfend in seinem ermutigenden Vertrauen in uns. Christus ist der lebendige Stein und auch uns Christen wird zugetraut, dass wir lebendige Steine sind, die anderen Menschen Halt geben, weil unser Leben von Christus erzählt. Unser Bibelwort spricht uns einfach zu: Ihr seid lebendige Steine. Es überschlägt sich fast: Ihr seid das auserwählte Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm. Glauben Sie es ruhig: Sie sind wichtig für das Reich Gottes. Der Heilige Geist will durch Sie wirken. Sie sind wichtig für die Gemeinde Jesu Christi hier am Ort. Ihre Familie braucht Sie, Ihr Arbeitsumfeld braucht Sie, diese Gesellschaft braucht Sie als Menschen, die vertrauenswürdig sind, verlässlich, auf die man bauen kann, weil Sie Christus als Fundament Ihres Lebens haben.
In Bayern gehört zu einer Einweihung immer ein Segen. Darum schließe ich mit einem Segen.
Gott segne alle, die in das Paul-Schneider-Haus gehen werden,
dass sie das Evangelium hören, genießen und gestärkt werden an Leib und Seele.
In Euch allen mehre er die Freude über Christus, das Fundament unseres Lebens.
Der Heilige Geist wirke in Euch, den lebendigen Steinen, damit an diesem Ort die Gemeinde Jesu Christi gebaut wird zum Wohl und Heil der Menschen.
Amen.