350-jähriges Jubiläum der Gründung des Dekanates Münchberg
Referat von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
zum Thema „Glaube braucht Strukturen“
beim Empfang des Dekanatsbezirkes Münchberg
anlässlich des 350-jährigen Jubiläums der Gründung des Dekanates am 12. Juni 2010
Glaube braucht Strukturen
Wer mag schon Strukturen? Geregelte Abläufe, Gesetze, Institutionen sind vielleicht notwendig, doch oft ungeliebt. Und nun behauptet das Thema: Glaube braucht Strukturen. Ein knochentrockenes Thema, doch – wie ich finde, nur scheinbar. Daher freue ich mich, dass Dekan Lechner mich gebeten hat, darüber den Festvortrag zu halten.
I. Zwei grundsätzliche Hinführungen zum Thema
Zuerst ein Blick auf unsere Gesellschaft, dann auf die lutherische Theologie.
I. 1. Unsere Gesellschaft
Wir Menschen in unserer Gesellschaft verhalten uns widersprüchlich. Einerseits nimmt die Kritik an Institutionen wie Staat und Kirche samt ihren Verantwortungsträgern zu. Parteimitgliedschaft und Kirchenmitgliedschaft sind rückläufig. Auch Vereine – die zur institutionellen Grundstruktur dörflichen Lebens gehören bis hin zu unseren Feuerwehren – klagen über Nachwuchssorgen. Die herkömmlichen Institutionen scheinen out zu sein.
Strukturen mögen ein knochentrockenes Thema sein, doch Strukturen sind auch tatsächlich so etwas wie Knochen im Körper einer Gesellschaft. Sie geben Halt und Stabilität. Der Körper unserer Gesellschaft scheint – um im anschaulichen Bild zu bleiben – an Osteoporose zu leiden.
Doch andererseits nimmt auch die Sehnsucht nach Stabilität und Verlässlichkeit angesichts ungeheuer schneller Veränderungsprozesse in der Gesellschaft zu. Diese beiden Bewegungen stehen widersprüchlich zueinander; denn Stabilität und Verlässlichkeit – für unser eigenes Leben und insbesondere im Zusammenleben unter uns Menschen – sind nicht zu haben ohne Institutionen, Strukturen und eingespielte Abläufe.
Der Soziologe Luhmann und andere haben sehr deutlich gemacht, dass klare Strukturen, tragende Institutionen und verlässliche Abläufe ´Reduktion von Komplexität` bringen, d.h. sie entlasten, sie machen das Zusammenleben von Menschen leichter, vermindern Chaos. Keine Kultur ohne Struktur!
Um dafür ein Beispiel zu nennen: Bildung braucht Schulen, in denen Lehrer verlässlich unterrichten, braucht ein Ministerium, das Lehrer entsendet, Lehrpläne erstellt. Eltern müssen wissen, ab welchem Alter, zu welchen Zeiten, an welche Orte sie ihre Kinder bringen können.
Nicht nur die Bildung – sondern jede Kultur und jedes gelingende Zusammenleben in einer Gesellschaft – braucht Struktur.
Allerdings sind Strukturen, Institutionen, klare Abläufe nicht per se, nicht von vorn herein, lebensdienlich. Auch das Dritte Reich hatte seine Strukturen – seine Institutionen, seine geregelten Abläufe –, aber wir mussten wahrnehmen, dass sie nicht dem Leben aller in der Gesellschaft dienten, sondern primär einem ideologisch-rassistisch überhöhten deutschen Volke und insbesondere der Macht des Regimes und seiner Anhänger. Für Behinderte, kritische Christen und politisch Andersdenkende waren diese Strukturen teilweise sogar todbringend.
Zweifellos, eine Kultur, eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht Strukturen, Institutionen, Abläufe. Doch sie sollen dem Leben aller – wie Gott es in seiner Liebe für uns gedacht hat – dienen. Strukturen sind um der Menschen und ihres gegenwärtigen und zukünftigen Zusammenlebens gemacht, nicht umgekehrt. In dieser Lebensdienlichkeit müssen sie sich auch bewähren. Sie müssen zudem auch zukunftsfähig sein. Sie bedürfen daher auch immer wieder der Veränderung. Gerade im Schulbereich sehen wir die Notwendigkeit der Veränderung. Die Klassenstärken sind zu groß, die Menge des Stoffs ebenfalls, die Intensität der Einübung des Elementaren dagegen zu gering und so weiter.
Unsere Gesellschaft braucht also ein neues klares, kräftigeres Ja zur Notwendigkeit von Strukturen, von Institutionen und eingespielten Abläufen. Doch sie braucht auch ein ebenso klares Ja zur dauernden Reformbereitschaft der Strukturen, damit sie dem einzelnen Menschen und dem Zusammenleben aller in Gegenwart und Zukunft dienen.
I. 2. Nun die theologische Hinführung zum Thema
Brauchen wir auch im Glauben Strukturen, Institutionen und klare Abläufe?
Nein, mag mancher sagen: Der Glaube ist Werk des Heiligen Geistes und der Heilige Geist weht, wo und wann er will; und kann sich über alle Strukturen und Institutionen hinwegsetzen.
Ja, Gott sei Dank ist Gott ganz und gar frei. Er wirkt nicht nur im Kirchenschiff beim Gottesdienst, sondern auch am Familientisch beim Mittagsgebet oder beim stillen Nachdenken beim Waldspaziergang. Gott ist und bleibt frei.
Doch gerade unserem Reformator Martin Luther war so wichtig, dass unser Gott sich in seiner großen Freiheit selbst in Liebe an uns Menschen bindet. Er legt seinen Sohn in eine Krippe. Er kommt zu uns. Er bleibt nicht schwirrender, unverfügbarer Geist, sondern wird leibhaftiger Mensch, der sich ganz auf die Bedingungen menschlichen Lebens einlässt. Diese Bewegung Gottes nennen wir in der Theologie: Inkarnation – übersetzt: Fleischwerdung. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ – so beginnt das Johannesevangelium.
Das Wort ward Fleisch. Gott wurde Mensch mit Fleisch und Blut, mit Haut und Knochen. Dieser Inkarnationsweg, den Gott selbst geht, den Weg in die erfahrbare menschliche Gestalt, den Weg der Fleischwerdung, das ist eine theologische Grundbewegung unseres christlichen Glaubens, eine theologische Grundstruktur. Unser Glaube ist nicht nur geistgewirkt, sondern Gottes Geist sucht und braucht Gestalt. Er will Hand und Fuß bekommen, will sich zeigen, will erfahrbar werden durch menschliche Worte und inmitten von menschengemachten Strukturen.
Manche sagen beim Kirchenaustritt: Einen Glauben hab‘ ich schon, aber die Kirche brauche ich nicht. Unser Luther hätte eine solche Aussage völlig abgelehnt als spiritualistisch; d.h. er hätte ihnen ein falsches Geist- und Glaubensverständnis vorgeworfen. Einen Glauben kann man schon haben ohne kirchliche Gemeinschaft, aber nicht den christlichen. Es gibt keinen lebendigen christlichen Glauben ohne eine gepflegte Gemeinschaft, die sich um Wort und Sakrament sammelt und durch das gemeinsam gehörte Wort und das gemeinsam gefeierte Sakrament erneuert wird. Nicht nur die säkulare Gesellschaft, sondern auch die christliche Gemeinschaft braucht dauerhafte Strukturen um das Zusammenleben zu gestalten.
Doch beim Bilden von Strukturen in der Glaubensgemeinschaft gebraucht der Heilige Geist Menschen. Menschen aber sind immer fehlerhaft. Wie sollten da von ihnen gebildete Strukturen vollkommen sein? Es wäre ein Irrwitz, das auch nur zu erhoffen.
Es ist beschämend, wie viel Schuld die Kirchen durch ihre Leitungen in besonderer Verantwortung und auch durch ihr Kirchenvolk auf sich geladen haben im Laufe der Geschichte. Auch ich bin manchmal wirklich traurig über unsere Kirche, weil ich mir eine Kirche wünsche, die viel mehr von der Freude und Kraft des Evangeliums ausstrahlt in Liebe zu Gott und den Menschen. Manche wenden sich daher von der Kirche enttäuscht ab. Es gibt Situationen, da müssen wir um Vergebung bitten – Gott und Menschen. Die Missbrauchsthematik macht dies überdeutlich.
Manche treten freilich aus, weil ihnen die Kirche mitsamt ihren Strukturen nicht nur zu fehlerhaft, sondern auch zu lasch ist. Sie suchen nach verbindlicherer, lebendigerer Gemeinschaft und bilden oder suchen eine Freikirche. Doch es gibt nun einmal nichts Vollkommenes in dieser Welt. Es gibt nur entwicklungsbedürftige Institutionen. Und irgendwann wird deutlich werden, dass auch diese Freikirche zur Institution wird, ihre Mucken hat und der Prediger dort auch nur ein Mensch ist. Manche verlassen dann auch diese Freikirche wieder und suchen Vollkommeneres. Aber sie werden es kaum finden. Denn wir Christen bleiben Menschen und Menschen bleiben fehlerhaft. Wie sollten die von uns gebildeten und belebten Strukturen ohne Fehl und Tadel sein!?
Um das Bild der lukanischen Weihnachtsgeschichte aufzunehmen und auf unsere Kirche anzuwenden: Stall sind wir schon, Stall Gottes zu werden, ist unsere Sehnsucht und unsere Verheißung. Gottes inkarnatorischer Weg ist der Weg Gottes vom Himmel auf die Erde, der Weg in die Niedrigkeit, der Weg in die menschliche Unvollkommenheit. „Ich fange bei der Krippe an“, sagt Martin Luther. Das ist für ihn der Anfang unserer christlichen Theologie. Das ist hilfreich, weil das Bild der Krippe deutlich macht, dass Gott mitten im Stall sein Königreich baut. Gott nimmt die Unvollkommenheit menschlichen Lebens viel mehr an als viele Menschen es tun. In ihr strahlt Gottes Herrlichkeit auf.
Genauso gebraucht Gott unsere oft allzu menschliche Institution Kirche als seine Krippe. Weil er in seiner großen Barmherzigkeit, Gnade und Liebe in ihr wirkt, strahlt in ihr immer wieder etwas von seiner Herrlichkeit auf. Der Herr der Kirche, Jesus Christus, lässt sich ein auf unsere Kirchen. Er nimmt sie an. Er gebraucht sie. Ganz gewiss liebt er sie mehr als wir und leidet auch mehr an ihr als wir. Für ihn gehören Liebe und Leidensbereitschaft zusammen. Unsere Fehlerhaftigkeit zerstört nicht seine Liebe zu uns. An ihr setzt sie gerade an.
Unsere verfasste Evangelisch-Lutherische Kirche ist nicht identisch mit der Kirche Jesu Christi. Die Kirche Jesu Christi – als Gemeinschaft der Heiligen – wird ewig bestehen. Die verfassten Kirchen - wie unsere Landeskirchen - dagegen sind zeitlich, veränderbar und veränderungsbedürftig.
Aber sie leben von der Verheißung, dass sie Krippe und Stall sind. Christus ist unsere verfasste Kirche nicht zu fehlerhaft, um in ihr seine Kirche aufwachsen zu lassen. Dieser inkarnatorischen Grundbewegung lutherischer Theologie ist das theologische Ja, der theologische Grund, sich einzulassen auf fehlerhafte Menschen und ihre Strukturen.
Deshalb ein klares Ja zur Kirche, die wir nicht anders denn als fehlerbehaftet haben und zugleich ein klares Ja zur Reformbereitschaft – aber nicht mit Verachtung, sondern mit einer Liebe, die sich aus Gottes Liebe speist um der Menschen, um des Glaubens, um der Zukunft der ewigen Kirche Jesu Christi willen, die einst in der Ewigkeit bei ihm sein wird.
Schauen wir nach diesem grundsätzlichen Blick auf unsere Gesellschaft und unsere lutherische Theologie auf den definierten Sinn kirchlicher Strukturen.
II. Der Sinn kirchlicher Strukturen
Zum einen braucht und sucht die geistgewirkte Kirche Jesu Christi Gestalt; Christus war sich nicht zu schade dafür, seit knapp 2000 Jahren fehlerbehaftete Kirchen zu gebrauchen. Zum anderen zeigen Landeskirchen gerade in ihren Ver-fassungen, dass sie Fassung, dass sie Raum für die Kirche Jesu Christi sein wollen. Sie wollen und sollen Krippe sein. So heißt es gleich zu Beginn in unserer Verfassung:
„Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern steht mit der ganzen Christenheit unter dem Auftrag, Gottes Heil in Jesus Christus in der Welt zu bezeugen. Diesem Auftrag haben auch ihr Recht und ihre Ordnungen zu dienen.“ Und weiter: „Alle Kirchenmitglieder und die kirchlichen Rechtsträger“ – also auch die Dekanatsbezirke und die Kirchengemeinden – „tragen die Verantwortung für die rechte Lehre und für die zeit- und sachgemäße Erfüllung des Auftrages der Kirche“.
Auch in diesen Sätzen der Verfassung findet sich dieses theologisch begründete Ja zu Strukturen und zugleich die Betonung, dass sie dem Glauben, bzw. dem Zeugnis, das zum Glauben an Christus ruft, dienlich sein müssen. Darin liegt zugleich ihr Sinn wie auch die Notwendigkeit zur Veränderung ihrer Strukturen und ihrer Praxis.
So ist auch der Dekanatsbezirk Münchberg in den 350 Jahren seines Bestehens immer wieder in seiner Struktur verändert worden. Das können alle nachlesen in dem höchst informativen Text der Festschrift.
Solche Dekanatsstrukturveränderungen sind laut unserer Verfassung und unserer Dekanatsbezirksordnung ohne Beschluss der Landessynode möglich, nur durch Beschluss des Landeskirchenrates und des Landessynodalausschusses, Strukturveränderungen der Kirchengemeinden sogar ohne Beteiligung des Landessynodalausschusses.
Wenn man bedenkt, dass Strukturveränderungen in Dekanatsbezirken und Kirchengemeinden strukturell relativ einfach zu vollziehen sind, so wird deutlich, dass unsere Kirche ein ganzes Ja zum „Dass“ der Strukturen hat, aber auch ein ganzes Ja zur Veränderbarkeit des „Wie“. Unsere Strukturen müssen dem dienen, dass wir bestmöglich das Heil in Jesus Christus in der Welt verkündigen. Nie ist die Struktur höher zu schätzen als die Aufgabe, der sie dient. Das sollten wir uns bewusst machen, wenn uns Veränderungen von bestehenden Strukturen schmerzen. Ich weiß, wovon ich spreche, denn mir sind selbst Tränen die Backe hinuntergerollt, als ich als Personalreferentin das Predigerseminar schließen musste, in dem ich selbst Vikarin war und danach Studieninspektorin. Doch die kirchliche Aufgabe ist wichtiger als die kirchliche Struktur.
Die dienende Rolle kirchlicher Strukturen bedeutet zum einen: Diskussionen über Strukturen, wie gegenwärtig die in der Beschlussfassung über die Landesstellenplanung müssen sorgsam geführt werden, denn – um unserer Aufgabe willen – soll angesichts beschränkter finanzieller Möglichkeiten doch die für diese Aufgabe optimalste Struktur gefunden werden.
Es bedeutet zum anderen: Solche Diskussionen müssen auch rasch geführt werden. Denn wir haben eine zentrale Aufgabe: eben die Verkündigung des Heiles in Jesus Christus in der Welt. Manche vertiefen sich begeistert in Strukturfragen und verlieren sich in ihnen. Welch ein Verlust, denn wir brauchen unsere Zeit vor allem für unseren Auftrag.
Manche fragen, wie kann die Landeskirche Pfarrstellen abbauen. Im Dekanatsbezirk können wir den Auftrag, das Heil in Jesus Christus zu verkünden, doch viel besser erfüllen, wenn es mehr Pfarrstellen gibt. Ich würde Ihnen allen statt Kürzungen gerne weit mehr Mitarbeitende und Pfarrer gönnen. Denn für unsere große Aufgabe gibt es nie genug Mitarbeitende. Doch unsere Landeskirche verliert insbesondere durch das verschobene Verhältnis von Taufen zu Beerdigungen jedes Jahr im Durchschnitt 0,8 % ihrer Mitglieder und damit auch Kirchensteuerzahler. Hier in Münchberg ist die Abnahme deutlich höher. Wir können nicht junge Pfarrer anstellen, die wir in 25 Jahren nicht mehr zahlen können, sodass die einschneidenden Maßnahmen in den Folgejahren umso härter ausfallen müssen – siehe Griechenland. Gerade um unserer Aufgabe willen gilt es verantwortlich hauszuhalten und die Strukturen so anzupassen, dass wir nicht auf Kosten unserer Kinder mehr Geld verplanen als wir haben.
Strukturfragen sind manchmal eben nicht nur knochentrocken, sondern auch knochenhart. Allen in der Leitung der Dekanatsbezirke, dem Dekan, dem Dekanatsausschuss und der Synode ist herzlich zu danken, dass sie sich solcher Strukturfragen annehmen, die manchmal auch Konflikte mit sich bringen. Leitungen von Dekanatsbezirken sehen die strukturellen Belange der Gemeinden und der Gesamtkirche. Sie leiten gerade auch dadurch, dass sie durch ihre Arbeit an sinnvollen Strukturen, dem Auftrag der Kirche dienen wollen. Sie werden nichts Vollkommenes schaffen. Möge sie der Blick auf Krippe und Stall trösten.
Wie viel ist – seit seiner Entstehung – schon im Dekanatsbezirk Münchberg im Sinne dieses Auftrags geschehen, in den Kirchengemeinden und in der Diakonie, in der kirchlichen Jugendarbeit und im CVJM. Es sind 350 Jahre, in denen der Heilige Geist die jeweiligen Strukturen gebraucht hat und in ihnen gewirkt hat, sonst wären Sie als Menschen, die in diesem Dekanatsbezirk leben, heute nicht hier als Menschen, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben.
III. Strukturen für den Glauben
Nun heißt unser Thema ja nicht „die Kirche Jesus Christi braucht Strukturen“, sondern unser Thema heißt „Glaube braucht Strukturen“. Welche Strukturen für den Glauben gibt es denn?
Viele werden uns gar nicht bewusst sein, weil sie uns ganz selbstverständlich geworden sind. Wir haben eingespielte Abläufe. Wir haben typische Wege. Unser Glaube hat feste Orte und feste Zeiten.
1. Die Orte
Denken wir an unsere Orte: Die bedeutsamsten sind unsere Kirchen. Hier in Münchberg die Kirche Peter und Paul und die 16 weiteren Kirchen im Dekanatsbezirk.
Auch in den Kirchen selbst sind besondere Orte hervorgehoben. Wir bringen unsere Kinder und Patenkinder zum Taufstein und drücken damit aus: Unser Kind soll zu Gott gehören und zur Gemeinschaft der Glaubenden. Wir gehen zum Altar, um dort Leib und Blut Christi zur Vergebung der Sünden zu empfangen und dabei die Einheit mit Christus und untereinander zu feiern. Wir sitzen unter der Kanzel und werden dabei gerade nicht abgekanzelt, sondern aus der Verkündigung des Evangeliums aufgebaut.
Wir haben besondere Orte, um unseren Glauben zu leben. Doch jeder Ort in unserem Leben kann für uns zum Ort des Glaubens werden. Der Mittagstisch, an dem wir danken, das Bett, in dem wir nachts wach liegen und beten, der Waldweg, auf dem wir in Ruhe vor Gott über unser Leben nachdenken.
Jeder Ort kann und soll zum Ort werden, an dem wir unseren Glauben leben. Doch damit dies geschieht, ist es so wesentlich, dass wir die besonderen Orte aufsuchen und an ihnen das Evangelium hören und uns senden und segnen lassen an unsere vielen persönlichen Lebensorte.
Auch die – teilweise uralten - Pilgerwege gehören in die Kategorie der Glaubensorte. Manche beteiligen sich am Pilgern zunächst wegen der Lust am Wandern und bekommen dabei wieder Lust am Glauben auf ihrem Lebensweg.
2. Die Zeiten
So wie es besondere Orte gibt, gibt es besondere Zeiten. Drei davon möchte ich besonders hervorheben. Wir feiern im Jahr das Kirchenjahr, in der Woche den Sonntag und an jedem Tag die Tagzeiten.
a.) das Kirchenjahr
Das Kirchenjahr ist eine zeitliche Grundstruktur, um unseren Glauben zu feiern mit all den vielen wunderschönen Festen. Beim Feiern der Feste im Kirchenjahr erinnern wir uns an alle wichtigen Glaubensthemen.
Nicht nur Luther setzt in seiner Theologie bei der Krippe an; auch unser Kirchenjahr beginnt mit dem Weihnachtsfestkreis, bzw. mit der adventlichen Vorbereitung darauf.
- Wir erinnern uns an Weihnachten an die Geburt Jesu und dass Gott uns Menschen aus Liebe nahe sein will.
- Am Gründonnerstag erinnern wir uns an die Einsetzung des Abendmahls und dass Christus mit uns Gemeinschaft haben will.
- Am Karfreitag erinnern wir uns daran, dass Jesus für uns aus Liebe gestorben ist, um uns alle Schuld zu vergeben, sodass wir versöhnt mit Gott und uns selbst Versöhnung in die Welt tragen können.
- An Ostern erinnern wir uns, dass Christus lebt und auch wir auferstehen werden.
Wenn wir das Kirchenjahr weiter durchgehen würden, wäre damit ein Durchgang durch alle wichtigen Glaubensthemen verbunden. Das Kirchenjahr ist eine wunderschöne Struktur für unseren Glauben, die sich seit fast 2000 Jahren bewährt als gelebte, gefeierte, begangene Glaubenskunde. Unsere Feste geben unserem Glauben Festigkeit.
Das Kirchenjahr gibt unserem Glauben eine Struktur, und der Glaube gibt damit auch unserem dahinfließenden Leben eine feste Struktur. Dieser Rhythmus des Glaubens in den sich ständig wiederholenden Festen ist auch ein Halt in den vielen verschiedenen Erfahrungen unseres persönlichen Lebens. Am Karfreitag die eigene Schuld am Kreuz abzulegen oder am Ewigkeitssonntag betend der Verstorbenen zu gedenken hilft zu leben, frei zu werden von dem was war, frei zu werden für die Zukunft Das Begehen heiliger Zeiten hat heilsame Wirkung für unser Leben. Unserem Leben tun die Strukturen des Glaubens gut.
Wir haben im Protestantismus viel zu wenig beachtet, wie sehr uns die Sinne helfen zu glauben. Die Orte und besonderen Zeiten sind oft verbunden mit sinnlichen Erfahrungen: Der Hostie in der Hand am Altar, den Blasen an den Füßen beim Pilgern, der entzündeten Kerze am Ewigkeitssonntag für die Verstorbene und die vielen Kerzen am Weihnachtsbaum aus Freude über Jesus. Sinnliche Erfahrungen helfen uns den Sinn des Glaubens selbst zu erfahren und an zukünftige Generationen weiterzugeben.
b.) Der Sonntag
Unser Glaube gibt nicht nur dem Jahr eine Struktur, sondern auch der Woche. Unser Sonntag ist kein Tag wie jeder andere. Fleißige, arbeitssame Menschen – wie wir – haben manchmal den Eindruck sich entschuldigen zu müssen, wenn sie mal nicht arbeiten.
Zum einen die alttestamentliche Tradition aufnehmend brauchen wir uns am Sonntag nicht zu entschuldigen, wenn wir nicht arbeiten. Im Gegenteil. An ihm soll Ruhe sein, weil selbst Gott, der Schöpfer unseres Lebens, an einem Tag geruht hat. Auch Freizeitstress wäre nicht im Sinne des Schöpfers, der uns Geschöpfen Ruhe gönnen will.
Zum anderen die neutestamentliche Tradition aufnehmend feiern wir an jedem Sonntag ein kleines Auferstehungsfest, weil Christus an diesem Tag auferstanden ist von den Toten und lebt. Unsere Gottesdienste sollen die Auferstehungsfreude spiegeln. Darum ist selbst das Fasten in der Fastenzeit am Sonntag unterbrochen. Was immer wir in der Fastenzeit entbehrungsreich fasten – am Sonntag nicht. Jeder Sonntag ist ein Ruhe- und ein Freudentag.
Ohne Sonntag ist immer Alltag. Das heißt aber auch, dass der Sonntag seine besondere Gestalt braucht. Ohne Gottesdienst wird es nicht richtig Sonntag. „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden.“ So steht es schon in der Regel (Kapitel 43) des alten Kirchenvaters Benedikt von Nursia. Wir Christen, die nicht in den Gottesdienst gehen, höhlen den Sonntag viel mehr aus als diejenigen, die nicht Christ sein wollen. Von denen erwartet man es eh nicht, dass sie in den Gottesdienst gehen, von uns schon – und mit Recht.
Wenn Sie mich nach dem wichtigsten Dienst von Kirchenvorstehern und Kirchenvorsteherinnen fragen würden, so würde ich antworten: Treu jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen und dort mit den anderen Glaubenden Gottes Wort zu hören, zu singen, zu beten und mit ihnen Gemeinschaft zu pflegen, zum Gottesdienst einzuladen und den Gottesdienst zusammen mit dem Pfarrer, der Pfarrerin als die wichtigste Gestaltungsaufgabe zu sehen, sodass der Gottesdienst einladend ist. Und er ist gleich schon viel einladender, wenn der Kirchenvorstand gesammelt da ist.
Das Argument, wir Evangelische hätten keine Sonntagspflicht, ist – wenn wir ehrlich sind – weniger Ausdruck von evangelischer Freiheit als von unchristlicher Faulheit. Unsere Zugehörigkeit zu Gott und zur Gemeinschaft der Glaubenden will gepflegt sein. Glaube sucht und braucht Struktur. Der Gottesdienst ist die Grundstruktur gemeinsam gelebten Glaubens schlechthin.
Unsere Bekenntnisschrift, die Confessio Augustana, definiert die Kirche als Versammlung der Glaubenden. Diese Versammlung der Glaubenden geschieht auch in Hauskreisen und anderen geistlich geprägten Gruppen und Kreisen unserer Gemeinden von der Kindergruppe bis zum Seniorenkreis. Sie geschieht aber vor allem im Gottesdienst als der seit fast 2000 Jahren tragenden Grundstruktur gelebten Glaubens.
Und wie schön sind oft unsere Gottesdienste, wenn unsere Posaunenchöre, Kirchenchöre, Orgelvirtuosen und andere die Feier verschönen. Wie schön ist es, wenn viele ihn besuchen, wenn z.B. jede Gruppe, jeder Kreis einmal im Jahr die Fürbitten gestaltet und sich so bewusst und aktiv in das gottesdienstliche Leben einbringt. Unser Gottesdienst ist eine unserer ältesten Strukturen und eine der größten Gestaltungsaufgaben der Gegenwart.
c.) Die Tagzeiten oder auch die Gebetszeiten
Ist der Gottesdienst die Kernzeit gemeinsam gelebten Glaubens, so sind die Gebetszeiten am Tag die Kernzeit des persönlich gelebten Glaubens.
Viele wissen gar nicht mehr, warum morgens meist um 7 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends meist um 19.00 Uhr oder 20.00 Uhr die Glocken läuten. Manche finden das Glockengeläut ganz praktisch, weil es orientiert, dass nun Aufstehen oder Mittagessen oder das heute-Journal, bzw. die Tagesschau angesagt ist. Früher half das Glockengeläut den Bauern auf dem Feld noch viel mehr, weil damals noch keiner eine Uhr am Handgelenk hatte.
Doch eigentlich läuten die Glocken nicht zum Aufstehen oder zur Tagesschau, sondern zum Gebet. Das Glockengeläut ist in vielen Orten inzwischen umstritten. Denn so wie Menschen aufs Dorf ziehen und sich kurz danach durch den morgendlichen Hahnenschrei gestört fühlen, ziehen manche auch in Kirchennähe und fühlen sich dann durch das Glockengeläut gestört. Wir werden das christliche Glockengeläut nur erhalten können, wenn wir Christen wissen, warum wir läuten. Die Begründung: das war schon immer so, zählt immer weniger in unserer Gesellschaft. Inhaltlich entleerte Strukturen werden vergehen. Nur gelebte Strukturen bestehen.
Noch bevor ich mit dem Vikariat begann, erzählte mir ein befreundetes älteres Pfarrerehepaar, dass sie jeden Mittag zum Glockengeläut zusammen kamen und mit Kindern, Nachbarskindern, Gästen und wer auch immer gerade im Haus war das für die Mittagszeit übliche Gebet sprachen oder sangen: „Verleih uns Frieden gnädiglich.“ Das hat die Kinder geprägt und die Gäste berührt.
Was sich unterbrechen lässt, sollte zum Gebet unterbrochen werden. Das ist kein Gesetz, sondern unsere Freiheit als Christen, dass das Gebet uns wichtiger ist als das Alltagsgeschäft. Manches lässt sich nicht unterbrechen. Vieles schon. Teamsitzungen im Regionalbischofsteam, Beratungs- und Ordinationsgespräche, sogar die Kolloquien, bei denen die Prädikanten den gelingenden Abschluss ihrer Ausbildung bestätigt bekommen wollen, können unterbrochen werden und es tut allen gut, den angespannten Prädikanten am meisten. Auch die Sitzungen des Landeskirchenrates werden unterbrochen zum Mittagsgebet.
Wie gesagt: Manches lässt sich äußerlich nicht unterbrechen. Aber ein inneres Innehalten ist immer möglich. Das Gebet ist der Atem der Seele. Es tut unserer Seele so gut, wenn wir besondere Zeiten haben, an denen wir die Fenster zum Himmel öffnen und Atem holen.
Es war für mich hochinteressant, dass ein säkulares Sachbuch, veröffentlicht bei einem bekannten Sachbuchverlag die Tagzeitengebete als Hilfe zur Blutdruckregulierung benennt: Eine durchgeführte Studie habe ergeben, dass Ordensleute in Klöstern so gut wie nicht unter Bluthochdruck leiden. Wer das Ordensleben kennt, weiß, dass die Arbeit von Schwestern und Brüdern oft unter großer zeitlicher Anspannung erfolgt und Nächstenliebe ihren eigenen Stress hat. Sie arbeiten in Küchen, Altersheimen, im Tagungsbetrieb und so weiter. Doch sie unterbrechen zu den Tagzeiten ihr Geschäft und kommen zur Ruhe, halten regelmäßig inne. „Bete und arbeite“ ist die Grundstruktur ihres Tages. Mönche und Nonnen leben dies besonders intensiv, doch heilsam ist es für uns auch – auch wenn es bei uns nur ein kurzes Innehalten und geistliches Atemholen ist.
Mancher verbindet die Tagzeitengebete nicht mit dem Glockenläuten, sondern mit den Mahlzeiten. Luther hat empfohlen, sich im Rahmen des Aufstehens Zeit zu nehmen zum Gebet. Ich zitiere Luthers Morgensegen: „So du aus dem Bette fährst sollst du dich segnen mit dem Zeichen des Kreuzes und also sprechen: Das walte Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Ich danke dir mein himmlischer Vater durch Jesus Christus deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast; und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.“ Dazu das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis gesprochen und dann flugs ans Werk. Genauso hat er es empfohlen beim Schlafengehen.
Ob wir das Glockengeläut nutzen zum Innehalten, oder andere feste Zeiten haben, wie die Zeit des Aufstehens, ist nicht entscheidend. Manche von Ihnen werden jeden morgen das Losungsbüchlein lesen. Andere lesen auch die Bibellese oder den Neukirchner Kalender oder ein Brevier. Es gibt viele Weisen den Tag betend mit Gott zu beginnen.
Wer meint, dass ihm das nicht gelingen wird, täuscht sich. Es ist lediglich eine Frage, ob uns das morgendliche Gebet so wichtig ist wie das Zähneputzen oder das Anziehen der Schuhe. Wir gehen auch nicht aus dem Haus, ohne die Zähne geputzt oder die Schuhe angezogen zu haben. Wir gehen aber anders aus dem Haus, wenn wir die Schuhe angezogen haben, bzw. wenn wir uns vorher darüber gefreut haben, dass Gott mitgeht, wohin wir auch gehen werden.
Nicht immer sind solche Gebetszeiten geistlich tiefschürfende Minuten. Wie oft ist es in unserer Familie jedem von uns schon passiert, dass wir zum Mittag- oder Abendessen gemeinsam beten. Kurze Zeit nach dem Gebet, etwa wenn die Suppe verteilt ist, sagt einer: Wir haben noch nicht gebetet. Immer ein Grund zu lachen. Nicht immer sind unsere Gebete bewusst und innig. Das ist gar nicht schlimm. Verkrampfungen, dass wir immer alles bewusst manchen müssen, sind gesetzlich und trüben unnötig die Freude unseres Glaubens.
Auch wenn wir alle wollen, dass Mund und Herz beten, meine ich: Besser, es betet nur der Mund, als dass der Mund nur isst – ohne zu beten. Nur wenn wir diese Riten pflegen, besteht nämlich die Chance, dass immer wieder auch das Herz dabei ist.
Diese besonderen Tagzeitengebete sind sowieso kein Gesetz. Sie sind eine Hilfe den Glauben im Alltag zu leben. Sie üben uns in eine Lebens- und Glaubenshaltung ein. Paulus ruft sogar auf: Betet ohne Unterlass. Damit ist nicht gemeint, dass wir ständig innerlich mit Gott sprechen. Das ginge ja gar nicht. Gemeint ist ein Leben in einer Haltung, die sich dessen dankbar bewusst ist, dass Gott da ist. Sein Nahesein kann zu jeder Minute trösten, mahnen, stärken. Besondere Zeiten des Gebets zu regelmäßigen Zeiten des Tages helfen darüber hinaus auch unregelmäßig mittendrin innezuhalten und innerlich die Türen zum Himmel zu öffnen, um Kraft aus Gottes Kraft, Frieden aus seinem Frieden zu empfangen. Es das Anliegen unseres Kirchenreformators, dass in den Häusern der Glaube gelebt wird im regelmäßigen Gebet.
Diese beispielhaft genannten Strukturen, die Orte und Zeiten, haben ihren Wert nicht in sich. Sie sollen unserem Glauben dienen, damit er wächst und lebt. Aber es ist eine Erfahrung seit fast 2000 Jahren, dass sie unserem Glaubensleben Halt geben und tragen. Strukturen sind und bleiben eine Gestaltungsaufgabe. Sie wirken manchmal trocken wie Knochen, hölzern wie eine Futterkrippe, aber sie tragen und halten und sie werden immer wieder zum Ort und zur Zeit, die Gott zu seinem Ort und zu seiner Zeit werden lässt, zu Orten und Zeiten, an denen er uns stärkt, heilt, leitet, mahnt, tröstet, an denen er uns dient.
Was wären Strukturen eines Dekanatsbezirks ohne diese Strukturen des Glaubens, ohne das Kirchenjahr mit seinen Festen, den Sonntag mit seinen Gottesdiensten, den Gebeten in vielen Häusern. Wie schön aber, dass die Strukturen eines Dekanatsbezirks Raum sein können und sogar sollen, um die Strukturen gelebten Glaubens zu pflegen. Es ist ein Grund zur Freude, dass der Dekanatsbezirk Münchberg 350 Jahre lang bis heute solch ein Raum ist. Mit Ihnen zusammen hoffe, glaube und erbitte ich, dass er auch viele, viele weitere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte eine tragende kirchliche Struktur ist, in denen unsere Strukturen des Glaubens gelebt werden. So dient er dem Glauben der Verkündigung des Heils in Jesus Christus. Welch eine Ehre!
Dr. Dorothea Greiner, Regionalbischöfin