Ordination von Pfarrverwalterin z.A. Heidrun Hemme am 25.4.2010 in Grafengehaig
Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der Heilig-Geist-Kirche in Grafengehaig
am Sonntag Jubilate, dem 25.4.2010, 9.30 Uhr
Predigttext: Der Text von Jubilate: 1. Joh. 5,1-4
Liebe Gottesdienstgemeinde!
Vor allem liebe Schwester in Christus Heidrun Hemme!
Wir hören das Predigtwort für den Sonntag Jubilate. Es steht im 1.Joh. 5, 1-4:
Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.
Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.
Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.
Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
Wir feiern Ordination am Sonntag Jubilate. Ist es nicht so, dass die Schöpfung in dieser Jahreszeit zu jubilieren scheint? Die Vögel bauen Nester, die Osterglocken blühen, die Büsche und Bäume schlagen aus auch hier im Oberland. Die Natur in und um Grafengehaig ist wunderschön.
Und die ganze Christenheit jubiliert, denn wir sind mitten in der Osterzeit und feiern die Auferstehung Christi von den Toten. Durch den Glauben an den Auferstandenen sind auch wir wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung, dass auch wir auferstehen werden.
Und
die Kirchengemeinde Grafengehaig
jubiliert und mit ihr die Patrone Freiherr von Lerchenfeld und Freiherr zu
Guttenberg. Seit 1. Mai 2009 war die Pfarrstelle vakant. Die Nachbarpfarrer und
-pfarrerinnen – allen voran der Vertreter Pfarrer Dr. Weigel – haben kräftig
mitgeholfen, diese Zeit zu überbrücken. Doch es kann gar nicht anders sein,
dass trotz allem Bemühen viel an den Ehrenamtlichen hängen bleibt. Irgendwann
gehen dem vertretenden Pfarrer und den Ehrenamtlichen Kraft und Luft aus. Wie
gut ist dieser Frühlingshauch, der nun in Grafengehaig weht mit Pfarrerin Heidrun Hemme durch ihre offene, couragierte,
bodenständige Art.
Und unsere Kirche jubiliert. Denn die Ordination ist nicht nur ein großes Gemeindefest. Die Ordination gilt für unsere ganze Landeskirche und letztlich in der ganzen lutherischen Weltkirche und sogar darüber hinaus; denn viele Kirchen erkennen unsere Ordination an.
Eine Ordination ist ein großer Grund zu jubilieren. Eine junge Frau ist bereit, ihr ganzes Leben in den Dienst der Verkündigung des Evangeliums zu stellen. Die Ordination gilt das ganze Leben lang auch über den Ruhestand hinaus. Sie ist die Berufung, Segnung und Sendung zum Dienst für Gott an den Menschen durch Wort und Sakrament in Gottesdienst und Gemeindeaufbau, Seelsorge und Unterricht und anderen Arbeitsfeldern. Ordinierte können darauf vertrauen, dass sie von Gott begleitet und gestärkt werden in ihrem Dienst und in ihrem ganzen Leben.
Ein großer Grund darum auch für Sie, liebe Frau Hemme, zu jubilieren. Der Segen bei der Ordination sagt Ihnen: Gott hat mir seine stärkende und schützende Begleitung zugesagt bei fröhlichen Kirchenfesten und bei der Beerdigung eines jungen Menschen, wenn weitreichende Entscheidungen im Kirchenvorstand anstehen und wenn Sie müde sind und eigentlich nicht mehr weiter können. Dass Gott im Segen seine stete Begleitung felsenfest zusagt, das ist ein Grund zu jubeln mit lautem, hohem Lobgesang im Kirchenschiff und mit stiller, tiefer Dankbarkeit im Herzen.
Nun werden Sie, liebe Frau Hemme, also an Jubilate ordiniert. Was sagen die Texte dieses Sonntags Ihnen und uns für eine Ordination? Zwei der sechs Texte haben wir gehört – den Predigttext eben gerade und das Evangelium vom Weinstock und den Reben.
Wundersam, dass die Bibelworte, die dem Sonntag Jubilate zugeordnet sind, keine vollmundigen Lobtexte sind. Was haben wir für Hymnen im Alten und Neuen Testament! Die suchen wir an diesem Sonntag vergeblich.
Doch die Bibeltexte passen zur jubelnden Schöpfung. Sie reden davon, dass Gott schöpferische Kraft hat, und neues Leben schafft, insbesondere durch den Glauben an seinen Sohn. Gott weckt Glauben an seinen Sohn. Das verwandelt Menschen, als ob sie neu geboren wären, oder verwandelt, wie die Natur im Frühling verwandelt wird. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“, so der Wochenspruch für Jubilate, der die Botschaft aller Predigttexte dieses Sonntags bündelt.
Genau von diesem frühlingshaften Neuwerden – von diesem neu geboren werden – durch den Glauben an Christus spricht auch unser Predigtwort: „Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren. … Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt.“ Wer glaubt hat ein neues Leben.
Es gibt viele ergreifende Bekehrungsgeschichten. Die bekannteste ist die von Paulus. Christus erscheint ihm in einer Vision. Er erblindet und beginnt dabei neu den Sinn seines Lebens zu sehen. Seine Erblindung wird geheilt. Er wird ein neuer Mensch, der einen völlig neuen Lebensinhalt hat, neue Ziele, eine neue Hoffnung. Er lebt für Christus.
Auch mein Vater hatte im Krieg ein Bekehrungserlebnis. Als der Lazarettarzt ihm sagte, dass er mit dem Leben abschließen könne, da schloss er wirklich mit seinem alten Leben ab und versprach Gott, wenn er weiterleben dürfe, dann als Christ, der an Christus glaubt, mit ihm und für ihn lebt. Solche Bekehrungen zum Glauben gibt es immer wieder, sodass diese Menschen von einem Geburtserlebnis sprechen können, das sie auch wie eine neue Geburt empfinden.
Bei den meisten ist es wohl so, dass sie entweder in eine gläubige Familie hineingeboren werden, Vater, Mutter, Großvater oder Großmutter den Samen des Glaubens säen und gießen. Oder die stete Teilnahme an Kindergottesdienst und Kinderbibelwoche prägen, oder sogar die Mitwirkung im Kindergottesdienst und Mesnerdienst, wie bei Ihnen, liebe Frau Hemme. Da sind es eher viele Frühlingserlebnisse, in denen der Glaube, der in uns als Same hinein gelegt worden ist, zu keimen und zu wachsen beginnt, bis er ein Baum wird, der kräftig ist, immer wieder neu austreibt und Frucht trägt.
Wer so allmählich, fasst unbewusst in den Glauben hineinwächst, braucht freilich die Konfirmation oder Firmung, in der wir selbst sagen: „Ja, ich glaube an Christus; zu ihm gehöre ich und ihm gehört mein Leben.“
Manche geben ihr Konfirmationsversprechen noch sehr vage und unbewusst und erst viel später entschieden und bewusst, sodass sie dann erst unser apostolisches Glaubensbekenntnis als ihr eigenes persönliches Bekenntnis sprechen.
Wichtig ist freilich, dass wir es irgendwann – so wie in unserem Predigttext – sehr bewusst sagen: Ja, ich glaube, dass Jesus der Christus ist. Er ist der Retter der Welt und meines Lebens. Ich gehöre unlöslich zu ihm, wie eine Rebe an den Weinstock gehört.
Welche Rolle spielen Sie dabei, liebe Frau Hemme? Sie haben in Grafengehaig – ungeachtet der klimatischen Verhältnisse – einen Weinberg. Es ist nicht Ihrer. Er gehört Gott. Doch Gott hat Sie hierher gestellt. Der Landeskirchenrat hat zwar entschieden und gesandt, doch es ist nun der Platz, an den Gott Sie stellt und das Gehege, das pastoral auch Ihnen anvertraut ist.
Ich hoffe sehr, Sie haben nicht so viel damit zu tun, den Zaun auszubessern und Wege anzulegen, sondern kommen dazu, neue Weinstöcke zu pflanzen, die frisch gesetzten anzugießen, Fehltriebe zu beschneiden und die Frucht tragenden Reben zu stützen. Den Zaun können vielleicht auch andere in Schuss halten. Die Pflanzen sind wichtig, die Menschen und ihr Glaube, dass sie – wie unser Text sagt – glauben, dass Jesus der Christus ist.
„Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.“ – so das Predigtwort. Der Glaube wird darin beschrieben als ein Geborenwerden zur Liebe. Und zwar zu einer doppelten Liebe, zum einen zur Liebe zu Gott und zum anderen zur Liebe zu denen, die ebenfalls von Gott geboren sind, also zu den anderen Christen.
Wie aber kann es Ihnen gelingen, in den Menschen die Liebe zu Gott und zu anderen Christenmenschen zu wecken? Das kann allein Gott selbst. Aber er kann es durch Sie tun und wir vertrauen darauf, dass er es tun wird, denn nicht nur wir, er selbst sendet und segnet Sie heute.
Sie werden von ihm sprechen auf dieser Kanzel und ihn den Menschen lieb machen. Sie werden erzählen von seiner Liebe, die er zu den Menschen hier im Kirchenraum hat. Dieses Reden von Gott ist Ihnen ein Herzensanliegen. „Ich muss davon reden“, so sagen Sie es selbst.
In meinem Brevier steht für den heutigen Sonntag Jubilate – außer den Bibelworten dieses Sonntags – auch noch ein Zitat von Martin Luther, das genau von diesem „Reden-müssen“ handelt als innerstem Antrieb, ich zitiere: „Denn Gott hat unser Herz und Gemüt fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns hingegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer dies mit Ernst glaubt, der kann´s nicht lassen: Er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, damit es andere auch hören und herzukommen.“ Es wird geschehen, dass Sie, wenn Sie reden müssen – dieses „Reden-müssen“ kann manchmal auch durchaus mehrschichtig in der Bedeutung sein – dass dann Gott reden will durch seinen Heiligen Geist. Wir sind hier in einer Heilig-Geist-Kirche. Wir vertrauen darauf, dass Gottes Geist hier wirkt und Glauben weckt durch Ihr Predigen.
Sie werden bei Geburtstagsbesuchen nicht nur Kuchen essen wie alle Gäste auch, sondern mit den Geburtstagskindern und den Anwesenden beten. Das habe ich auch erst lernen müssen als junge Pfarrerin, dass die Menschen enttäuscht sind, wenn es nicht geschieht. Viele wollen doch Reben am Weinstock Christi sein. Sie wollen Christen sein, die mit Christus leben. Wie gut tut es den ganz normalen Christenmenschen, mitten in ihrem Wohnzimmer einen alten Psalm zu hören: Psalm 103 „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir alle deine Sünden vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, und dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.“ Da wird die 80-Jährige schmunzeln und ihre 16-jährige Enkelin auch. Ein achtzigjähriger Weinstock wird doch nicht mehr jung. Doch auch er kann im Herzen jung bleiben und noch Früchte bringen. Und Sie, liebe Frau Hemme, schauen nach ihm, klopfen an die alte Rinde und stützen die Reben mit Ihrem Gebet. Wenn Sie wieder aus dem Raum gehen, wird er nicht mehr sein wie zuvor. Der Psalm und die Erfahrung, mit allen Zweifeln doch gemeinsam zu glauben, hat den Raum verwandelt wie ein erster Frühlingshauch unsere Natur.
Die alte Dame, der alte Herr wird am Abend wieder darin allein sein, doch er oder sie werden sich daran erinnern, dass hier ein Gebet gesprochen wurde. Das wird ihnen wichtiger sein als manches andere Gute und Schöne an diesem Tag.
Und mit einem Konfirmanden, der gerade in Mathe eine Fünf kassiert hat, werden Sie nicht nur über Schule sprechen, sondern darüber, dass Gott ihn liebt und schätzt, auch wenn er die Klasse nicht schafft. Gott braucht ihn als Menschen, der ihn und andere liebt. Das ist wichtiger als alles andere. Sie werden dem Konfirmanden vielleicht unsere Diakonie zeigen und den Blick dafür öffnen, dass unser Glaube sich gerade im Dienst für die Schwachen zeigt, an dem er mitwirken kann.
Niemand, liebe Frau Hemme, wird hoffentlich von Ihnen erwarten, dass Sie den Frühling in eine Gemeinde bringen, auch wenn Ihr Dasein wie ein warmer Frühlingshauch ist.
Gott selbst ist der Schöpfer, der den Frühling in der Natur werden lässt, und er ist auch der Schöpfer, der den Glauben in Menschen weckt, so dass sie neu geboren werden zu einem Leben in Liebe zu ihm und anderen Menschen. Und das kann geschehen mitten im normalen pastoralen Dienst, dem Glaube und Liebe abzuspüren ist.
Wir machen nicht den Frühling. Wir können ihn aber mit anderen ersehnen. Wir können dafür beten, dass Gott auch bei den Menschen Glauben knospen lässt, die nicht mehr in die Kirche gehen und weit davon entfernt sind zu bekennen: Jesus ist der Christus.
Viele sind mit Ihnen da in Grafengehaig, die mit im Weinberg arbeiten. Es gibt auch welche, die Zäune flicken und Wege ausbessern. Sie arbeiten hier nicht allein. Gott pflanzt auch junge Weinstöcke durch gläubige Väter und Mütter, Großväter und Großmütter, Lehrerinnen, Paten. Es gibt hier Menschen, die mit Ihnen für die Gemeinde beten, dass Gott die Gemeinde mehr und mehr zum Blühen bringt. Und was hat er hier in Grafengehaig nicht schon geschenkt. Wie viel blüht schon, wächst und gedeiht.
Möge Gott vor allem in Ihnen, liebe Frau Hemme, die Liebe zu Christus und die Liebe zu allen Christen wachsen und reifen lassen. Denn Sie sind nicht nur Arbeiterin in Gottes Weinberg. Sie sind auch selbst Rebe. Bleiben zuallererst Sie fest am Weinstock. Für Ihr bischöfliches Amt als Gemeindepfarrerin ist keine Frage wichtiger als die, die Christus auch Petrus gestellt hat; die Frage: Hast du mich lieb? Ich wünsche Ihnen jeden Tag Zeit, in der Sie Ruhe haben für Ihre Liebe zu Christus, für Ihr Gebet zu ihm. Christus zuerst. Denn er will Sie mit seiner Kraft durchströmen, so dass Sie Frucht bringen.
Dazu beruft, segnet und sendet er Sie heute. Jubilate. Amen.
Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin