Ordination von Pfarrerin z.A. Susanne Sahlmann am 24.4.2010 in Stammbach
Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der Marienkirche in Stammbach
am Samstag vor Jubilate, dem 24.4.2010, 14.30 Uhr
Predigttext: Der Text von Jubilate: 1. Joh. 5,1-4
Liebe Gottesdienstgemeinde!
Vor allem liebe Schwester in Christus Susanne Sahlmann!
Wir hören das Predigtwort für den Sonntag Jubilate, denn wir feiern mit der Ordination in den Sonntag Jubilate hinein. Es steht im 1.Joh. 5, 1-4:
Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.
Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.
Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.
Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
Wir feiern Ordination am Vortag des Sonntags Jubilate. Ist es nicht so, dass die Schöpfung in dieser Jahreszeit zu jubilieren scheint? Die Vögel bauen Nester, die Osterglocken blühen, die Büsche und Bäume schlagen aus. Die Natur in und um Stammbach ist wunderschön.
Und die ganze Christenheit jubiliert, denn wir sind mitten in der Osterzeit und feiern die Auferstehung Christi von den Toten. Durch den Glauben an den Auferstandenen sind auch wir wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung, dass auch wir auferstehen werden.
Und die Kirchengemeinde Stammbach jubiliert. Seit 1. Juli 2009 war die erste Pfarrstelle vakant. Die Nachbarpfarrer und -pfarrerinnen – allen voran der Vertreter Pfarrer Hillermeier – haben kräftig mitgeholfen, diese Zeit zu überbrücken. Doch es kann gar nicht anders sein, dass trotz allem Bemühen viel an den Ehrenamtlichen hängen bleibt. Irgendwann geht den vertretenden Pfarrern und den Ehrenamtlichen die Kraft und die Luft aus. Wie gut ist dieser Frühlingshauch, der nun in Stammbach weht mit Pfarrerin Susanne Sahlmann durch ihre freundliche, seelsorgerliche Art.
Und unsere Kirche jubiliert. Denn die Ordination ist nicht nur ein großes Gemeindefest. Die Ordination gilt für unsere ganze Landeskirche und letztlich in der ganzen lutherischen Weltkirche und sogar darüber hinaus; denn viele Kirchen erkennen unsere Ordination an. Eine Ordination ist ein großer Grund zu jubilieren. Eine junge Frau ist bereit, ihr ganzes Leben in den Dienst der Verkündigung des Evangeliums zu stellen. Die Ordination gilt das ganze Leben lang auch über den Ruhestand hinaus. Sie ist die Berufung, Segnung und Sendung zum Dienst für Gott an den Menschen durch Wort und Sakrament in Gottesdienst und Gemeindeaufbau, Seelsorge und Unterricht und anderen Arbeitsfeldern. Ordinierte können darauf vertrauen, dass sie als Berufene, Gesegnete und Gesendete von Gott begleitet und gestärkt werden in ihrem Dienst und in ihrem ganzen Leben.
Ein großer Grund darum auch für Sie, liebe Frau Sahlmann zu jubilieren. Der Segen bei der Ordination sagt Ihnen: Gott hat mir seine stärkende und schützende Begleitung zugesagt bei fröhlichen Kirchenfesten und bei der Beerdigung eines Kindes, wenn weitreichende Entscheidungen im Kirchenvorstand anstehen und wenn Sie müde sind und eigentlich nicht mehr weiter können. Dass Gott im Segen seine Begleitung felsenfest zusagt für alle fröhlichen Höhepunkte wie auch für alle dunklen Talsohlen, das ist ein Grund zu jubeln mit lautem, hohem Lobgesang im Kirchenschiff und mit stiller, tiefer Dankbarkeit im Herzen.
Nun werden Sie, liebe Frau Sahlmann, also am Vortag des Sonntags Jubilate ordiniert. Was sagen die Texte dieses Sonntags Ihnen und uns für eine Ordination? Zwei der sechs Texte haben wir gehört – den Predigttext eben gerade und das Evangelium vom Weinstock und den Reben.
Wundersam, dass die Bibelworte, die dem Sonntag Jubilate zugeordnet sind, keine vollmundigen Lobtexte sind. Was haben wir für Hymnen im Alten und Neuen Testament! Die suchen wir an diesem Sonntag vergeblich.
Doch die Bibeltexte passen zur jubelnden Schöpfung. Sie erzählen davon, dass Gott schöpferische Kraft hat, und neues Leben schafft, insbesondere durch den Glauben an seinen Sohn. Gott weckt Glauben an seinen Sohn. Das verwandelt Menschen, als ob sie neu geboren wären, oder verwandelt, wie die Natur im Frühling verwandelt wird. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“, so der Wochenspruch für Jubilate, der die Botschaft aller Predigttexte dieses Sonntags bündelt.
Genau von diesem frühlingshaften Neuwerden – neu geboren werden – durch den Glauben an Christus spricht auch unser Predigtwort: „Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren. … Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt.“ Wer glaubt hat ein neues Leben.
Es gibt viele ergreifende Bekehrungsgeschichten. Die bekannteste ist die von Paulus. Christus erscheint ihm in einer Vision. Er erblindet und beginnt dabei neu den Sinn seines Lebens zu sehen. Seine Erblindung wird geheilt. Er wird ein neuer Mensch, der einen völlig neuen Lebensinhalt hat, neue Ziele, eine neue Hoffnung. Er lebt für Christus.
Auch mein Vater hatte im Krieg ein Bekehrungserlebnis. Als der Lazarettarzt ihm sagte, dass er mit dem Leben abschließen könne, da schloss er wirklich mit seinem alten Leben ab und versprach Gott, wenn er weiterleben dürfe, dann als Christ, der an Christus glaubt, mit ihm und für ihn lebt. Solche Bekehrungen zum Glauben gibt es immer wieder, sodass diese Menschen von einem Geburtserlebnis sprechen können, das sie auch wie eine neue Geburt empfinden.
Bei vielen und auch bei mir ist es so, dass ich in eine gläubige Familie hineingeboren worden bin, so wie Sie auch, liebe Frau Sahlmann. Da sind es eher viele Frühlingserlebnisse, in denen der Glaube, der in uns als Senfkornsame von Anfang an hinein gelegt worden ist, zu keimen und zu wachsen beginnt, bis er ein Baum wird, der wächst, kräftig wird und immer wieder neu austreibt und Frucht trägt.
Wer so in den Glauben hineinwächst, braucht freilich die Konfirmation oder Firmung, in der wir sagen: „Ja, ich glaube an Christus; zu ihm gehöre ich und ihm gehört mein Leben.“ Manche geben ihr Konfirmationsversprechen noch sehr vage und unbewusst und erst viel später entschieden und bewusst, sodass sie dann erst unser apostolisches Glaubensbekenntnis wirklich als ihr eigenes persönliches Bekenntnis sprechen.
Wichtig ist freilich, dass wir irgendwann sehr bewusst sagen: Ja, ich glaube, dass Jesus der Christus ist. Er ist der Retter der Welt und meines Lebens. Ich gehöre unlöslich zu ihm, wie eine Rebe an den Weinstock gehört.
Welche Rolle spielen Sie dabei, liebe Frau Sahlmann? Sie haben in Stammbach einen großen Weinberg. Es ist nicht Ihrer. Er gehört Gott. Doch Gott hat Sie hierher gestellt. Der Landeskirchenrat hat zwar entschieden und Sie wollten auch hierher, doch es ist nun der Platz, an den Gott Sie stellt und der Garten, den Gott Ihnen anvertraut.
Ich hoffe sehr, Sie haben nicht so viel damit zu tun, den Zaun auszubessern und Wege anzulegen, sondern kommen dazu, neue Weinstöcke zu pflanzen, die frisch gesetzten anzugießen, Fehltriebe zu beschneiden und die Frucht tragenden Reben zu stützen. Den Zaun können vielleicht auch andere in Schuss halten. Die Pflanzen sind wichtig, die Menschen und ihr Glaube, dass sie – wie unser Text sagt – glauben, dass Jesus der Christus ist.
„Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.“ – so das Predigtwort. Der Glaube wird darin beschrieben als ein Geborenwerden zur Liebe. Und zwar zu einer doppelten Liebe, zum einen zur Liebe zu Gott und zum anderen zur Liebe zu denen, die ebenfalls von Gott geboren sind, also zu den anderen Christen.
Wie aber kann es Ihnen gelingen, in den Menschen die Liebe zu Gott und zu anderen Christenmenschen zu wecken? Das kann allein Gott selbst. Aber er kann es durch Sie tun und wir vertrauen darauf, dass er es tun wird, denn nicht nur wir, er selbst sendet und segnet Sie heute.
Sie werden von ihm sprechen auf dieser Kanzel und ihn den Menschen lieb machen. Sie werden erzählen von seiner Liebe, die er zu den Menschen hier im Kirchenraum hat.
Sie werden bei Geburtstagsbesuchen nicht nur Kuchen essen wie alle Gäste auch, sondern mit den Geburtstagskindern und den Anwesenden beten. Das habe ich auch erst lernen müssen als junge Pfarrerin, dass die Menschen das wollen und enttäuscht sind, wenn es nicht geschieht. Sie wollen doch Reben am Weinstock Christi sein. Sie wollen Christen sein, die mit Christus leben. Sie, liebe Frau Sahlmann, lieben die alte Tradition, die wir in Liturgie und Psalmen anvertraut bekommen haben. Wie gut tut es den ganz normalen Christenmenschen, mitten in ihrem Wohnzimmer den alten Psalm zu hören: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir alle deine Sünden vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, und dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.“ Da wird die 80-Jährige schmunzeln. Ein achtzigjähriger Weinstock wird nicht mehr jung, aber auch er kann noch Früchte bringen. Und Sie, liebe Frau Sahlmann, schauen nach ihm, klopfen an die alte Rinde und stützen die Reben mit Ihrem Gebet. Wenn Sie wieder aus dem Raum gehen, wird er nicht mehr sein wie zuvor. Der Psalm und die Erfahrung, gemeinsam zu glauben, hat ihn verwandelt wie ein erster Frühlingshauch unsere Natur.
Die alte Dame, der alte Herr wird am Abend wieder darin allein sein, doch sie werden sich daran erinnern, dass hier ein Gebet gesprochen wurde. Das wird ihnen wichtiger sein als manches andere Gute und Schöne an diesem Tag.
Und mit einem Konfirmanden, der gerade in Mathe eine Fünf kassiert hat, werden Sie nicht nur über Schule sprechen, sondern darüber, dass Gott ihn schätzt, auch wenn er die Klasse nicht schafft. Er braucht ihn als Menschen, der ihn und andere liebt. Sie werden den Konfirmanden vielleicht unsere Diakonie zeigen und den Sinn dafür, wie wichtig es ist, dass unser Glaube sich gerade in der Liebe zu den Schwachen zeigt.
All das gehört zu unserem ganz normalen pastoralen Dienst.
Niemand, liebe Frau Sahlmann, wird hoffentlich von Ihnen erwarten, dass Sie den Frühling in eine Gemeinde bringen, auch wenn Ihre Freundlichkeit wie ein warmer Frühlingshauch ist. Gott selbst ist der Schöpfer, der den Frühling in der Natur werden lässt, und er ist auch der Schöpfer, der den Glauben in Menschen weckt, so dass sie neu geboren werden zu einem Leben in Liebe zu ihm und anderen Menschen. Und das kann geschehen mitten im normalen pastoralen Dienst.
Wir machen nicht den Frühling. Wir können ihn aber mit anderen ersehnen. Wir können dafür beten, dass Gott auch bei den Menschen Glauben knospen lässt, die nicht mehr in die Kirche gehen und weit davon entfernt sind zu bekennen: Jesus ist der Christus.
Viele sind mit Ihnen da in Stammbach, die mit im Weinberg arbeiten. Es gibt auch welche, die Zäune flicken und Wege ausbessern. Sie arbeiten hier nicht allein. Es gibt welche, die für die Gemeinde beten, dass Gott die Gemeinde mehr und mehr zum blühen bringt. Und was hat er nicht schon geschenkt. Wie viel blüht schon, wächst und gedeiht.
Möge Gott vor allem in Ihnen, liebe Frau Sahlmann, die Liebe zu Christus und die Liebe zu allen Christen wachsen und reifen lassen. Denn Sie sind nicht nur Arbeiterin in Gottes Weinberg. Sie sind auch selbst Rebe. Bleiben zuallererst Sie fest am Weinstock. Für Ihr bischöfliches Amt als Gemeindepfarrerin ist keine Frage wichtiger als die, die Christus auch Petrus gestellt hat. Die Frage: Hast du mich lieb? Ich wünsche Ihnen jeden Tag Zeit, in der Sie Ruhe haben für Ihre Liebe zu Christus, für Ihr Gebet zu ihm. Christus will Sie mit seiner Kraft durchströmen, so dass Sie Frucht bringen.
Jubilate. Wir vertrauen auf Gottes Schöpferkraft. Er schenkt den Frühling, er schenkt den Glauben, er schenkt die Liebe zu ihm und anderen. Er hat ihn auch in Ihnen geweckt, liebe Frau Sahlmann, und will ihn auch durch Sie wecken.
Dazu beruft, segnet und sendet er Sie heute.
Amen.