Ökumenischer Gottesdienst am 27. März 2010 in Kirchenpingarten
Vorabend des Palmsonntag, 18.30 Uhr
in der Kirche St. Jakobus d.Ä. in Kirchenpingarten
mit anschl. Buchvorstellung "Wenn Holz und Steine reden - Marterlwege in der Frankenpfalz im Fichtelgebirge"
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater durch unseren Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.
Liebe Gottesdienstgemeinde!
„Marterlwege in der Frankenpfalz im Fichtelgebirge“, so lautet der Untertitel des Buches, das uns im Anschluss an diesen Gottesdienst vorgestellt wird. Wie passend, dies heute zu tun! Denn vorhin - mit dem Abendläuten - ist allen Gemeinden der Palmsonntag und damit die Karwoche eingeläutet worden. In der Karwoche denken wir besonders innig nach über den einen, einzigartigen Marterweg, den Weg Christi ans Kreuz.
Das Bibelwort aus dem Philipperbrief, das Frau Claudia Mayer uns eben vorgelesen hat, beschreibt den Marterweg Christi „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“. Der Marterweg – der Leidensweg – Christi ist ein einzigartiger Weg, den in dieser Weise nie wieder ein Mensch gehen wird. Denn niemand kann ihn so gehen wie Christus. Er ging ihn in vollkommener Liebe selbst zu den Menschen, die ihn ans Kreuz schlugen.
Er ging ihn für uns, damit wir glauben können, dass er voll Liebe zu uns ist, egal was wir getan haben in unserem Leben. Er hat nicht nur den Menschen vergeben, die unter seinem Kreuz standen, sondern er vergibt auch uns, wenn wir auf sein Kreuz schauen und ihn um Vergebung bitten. Keine Schuld ist zu groß, keine zu verborgen, keine zu peinlich. Der Gekreuzigte ist voll Liebe zu uns, wer und wie auch immer wir sind.
Unser Predigttext beschreibt, wie Christus, der bei Gott war, bewusst den Weg in die tiefsten Tiefen solch eines Todes ging. Niemand sinkt so tief, dass der Gekreuzigte ihm nicht vor Augen treten könnte, als der, der ihn liebt. Christi Marterweg ist einmalig. Doch er ist ihn für uns alle gegangen.
Freilich gehen auch wir Menschen, die wir hier in dieser Kirche sind, Marterwege – ich meine nun nicht die schönen Marterlwege, die im Buch von Pfarrer Taegert beschrieben sind. Ich meine unsere Leidenswege. Für manche Kinder ist der Weg zur Schule ein Marterweg; sie haben Angst vor Versagen in der nächsten Ex oder vor den Keilereien im Pausehof. Für viele Jugendliche ist der Weg des Erwachsenwerdens ein Marterweg, weil sie nicht mit sich, ihren Gefühlen, ihrem Aussehen zurrecht kommen. Sie wissen nicht, ob sie einmal geliebt sein werden von einem Mann oder einer Frau, mit der es sich lohnt zu leben. Viele Erwachsene gehen Marterwege im Berufs- oder Privatleben, weil sie überfordert sind, in Konflikten stehen oder sich alleingelassen fühlen. Ganz zu schweigen von den seelischen und körperlichen Krankheiten. Ein jeder von uns könnte seine Marterwege erzählen oder von Marterwegen anderer Menschen, die er begleitet hat oder gerade begleitet.
Und dann gibt es freilich auch die Marterlwege hier um Kirchenpingarten, von denen das Buch erzählt, das uns heute vorgestellt wird. Und die hoffe ich bald einmal zu Fuß mit meinem Mann gehen zu können. Diese Marterlwege verbinden nun in gewisser Weise den Marterweg Christi mit unseren persönlichen Marterwegen. An einem Marterl kreuzen sich sozusagen unser persönlicher Marterweg und der des Gekreuzigten. Da lohnt es sich stehen zu bleiben und ihm in Gedanken zu erzählen, was uns gerade bewegt. Er hört es. Natürlich hört er es auch, wenn wir es ihm hier in der Kirche erzählen oder daheim vor dem Einschlafen im Bett. Er hört es immer. Nur, wir erzählen es ihm zu selten. Dabei ist es so heilsam und stärkend, ihm alles, was uns wirklich belastet oder freut, zu sagen
Es braucht Orte mitten im Leben, die uns erinnern an unseren Heiland, dass er uns und die Menschen, für die wir beten, heilen, stärken, schützen kann an Leib und Seele. Und die Kreuze auf den Marterlwegen sind solche Stationen, die uns einladen zum Gespräch mit unserem gekreuzigten und auferstandenen Herrn.
Gott sei Dank gehen wir nicht nur Leidenswege. Vielleicht geht es Ihnen so gut wie mir oder sogar noch besser. Was braucht es da ein Marterl, was braucht es da die Erinnerung an das Kreuz. „Meditiere nie etwas Negatives“, ist ein ganz wichtiger Grundsatz. Doch die Meditation des Kreuzes ist gerade keine Meditation des Negativen. Im Gegenteil, das wäre ein großes Missverständnis.
Manche von Ihnen werden mit Interesse die Diskussionen in der Presse verfolgen, wenn wieder einmal ein Vater oder eine Mutter gerichtlich dagegen vorgeht, dass ein Kruzifix in einem Klassenzimmer hängt. Die Argumentation gegen das Kreuz ist meist bestimmt davon, dass ein Kruzifix doch etwas Schreckliches sei. Es zeige Erniedrigung, Folter, Mord.
Ja, das ist schon richtig, es zeigt Erniedrigung, Folter und Mord. Doch dafür ist es nicht Symbol. Es erinnert an einen Menschen, der voll Liebe am Kreuz – trotz Erniedrigung und Folter – vergab. Es erzählt von dem Sterbenden, der zu dem Mann, der neben ihm gekreuzigt wurde und um Vergebung bat, sagte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Das Kruzifix erzählt von Erlösung, von Vergebung, von überwältigender Liebe. Das sehen wir Christen im Kreuz und sind deswegen so unendlich dankbar, wenn wir es anschauen.
Viele Menschen sehen die Liebe Christi zu uns nicht mehr, wenn sie ein Kruzifix anschauen. Sie sehen zwar einen Gekreuzigten, doch sehen in ihm nicht den Christus, den Erlöser unseres Lebens und der Welt. Sie sehen einen Toten und nicht wie wir in ihm den Auferstandenen, der nun beim Vater ist und dort für uns bittet. Sie sehen seine Dornenkrone, aber nicht, dass er der Herr aller Herren ist, dem alle Ehre gebührt.
Das tut mir von Herzen leid; denn diesen Menschen entgeht das Heilsamste in ihrem Leben überhaupt. Kein Zeichen tröstet, heilt und stärkt mehr, egal in welcher Lebenssituation wir sind. Dem Beschwerten sagt dieser Gekreuzigte: „Ich trage deine Last, gib sie mir.“ Dem, der Angst hat, sagt er: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir.“ Im Fröhlichen erweckt er die Dankbarkeit und das Lob Gottes.
Viele Menschen kennen die Bedeutung des Kreuzes nicht mehr. Eine Folge davon ist, dass wir auch nicht mehr darauf vertrauen können, dass die Gerichtsbarkeit sie sieht und schützt. Das Kruzifixurteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte im Jahr 2009 hat dem Protest gegen das Aufhängen eines Gefolterten und damit dem Missverständnis des Kreuzes letztlich nachgegeben.
Kruzifixe in Klassenzimmern und die Marterl auf unseren Fluren sind seit diesen Rechtsstreitigkeiten keine Selbstverständlichkeit mehr. Um so wertvoller ist es, dass sie in so großer Zahl in Kirchenpingarten und Umgebung stehen.
Prozesse gegen Kruzifixe in Schulen sind nur exemplarisch für die Entwicklung, die in unserer Gesellschaft Raum greift. Mögen uns Prozesse gegen Wegkreuze und Marterl, die in öffentlicher Hand sind, erspart bleiben. Die meisten sind eh auf privaten Grundstücken und niemand kann sie den Eigentümern streitig machen. Sie sind Glaubenszeugnisse. Sie erzählen davon, dass Menschen ihre Sehnsucht auf den Gekreuzigten und Auferstandenen richten, der ihnen hilft im Leben und im Sterben. Sie sind viel mehr als ein Kulturgut. Sie sind Ausdruck unserer tiefen Dankbarkeit, dass Christus uns in den Höhen und Tiefen unseres Lebensweges mit seiner Liebe begleitet. Sie sind Stationen, durch die wir erinnert werden, innerlich innezuhalten und mit diesem Christus, der uns so viel bedeutet, ins Gespräch einzutreten.
Die wirksamste Weise, diese Wegkreuze und Marterl zu erhalten, sodass sie auch in 100 Jahren noch stehen und Menschen an ihnen stehen bleiben zum Gebet, ist, dass unsere Kinder und Kindeskinder die Bedeutung des Kreuzes kennen und selbst berührt werden von der Liebe Christi. Das kann nur der Heilige Geist bewirken, doch er will ja in uns und auch durch uns wirken, sodass Menschen an Christus glauben.
Wie gut, dass Sie hier in Kirchenpingarten viele solcher Glaubenszeichen in Ihrer Nähe haben. Gönnen Sie sich die Zeit und bleiben Sie immer wieder davor stehen. Manchmal wird sich dann ein Gespräch ergeben – wenn wir allein sind, mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen, wenn wir mit anderen zusammen sind, über ihn, über unsere Marterwege und wie sehr uns der Glaube an den Gekreuzigten hilft.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Amen.