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Treffen des Freundeskreises Bayreuth der Akademie Tutzing am 1.2.2010

Vortrag von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

zum Thema "Traditionsabbruch und Kirche im Aufbruch"

am 1. Februar 2010

beim Bayreuther Freundeskreis der Akademie Tutzing

 

 

 

1. Kirche im Abbruch?

1.1 Die harten Fakten

 

Die Mitgliederzahlen für unsere Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) lagen im Jahr 1970 bei 2.565 Tsd. Sie hielten sich im Wesentlichen stabil bis 1986 und erhöhten sich dann bis zum Jahr 2001 kontinuierlich um immerhin ungefähr 200.000 Gemeindeglieder auf 2.750 Tsd. Seitdem fallen sie wieder und liegen nun etwa wieder bei den Zahlen von 1970 (bei 2.599 Tsd. am Ende des Jahres 2008). Die Zuzüge aus Osteuropa sind fast vollständig versiegt. Die Zahlen der Austritte sind höher als die der Eintritte, die Zahlen der Beerdigungen sind höher als die der Taufen. Wir haben binnen 7 Jahren über 150.000 Mitglieder verloren. Sollte sich nichts Tiefgreifendes verändern, so ist auch in den kommenden Jahren damit zu rechnen, dass sich die Zahl der Kirchenmitglieder weiter reduziert – insbesondere in unserem Kirchenkreis.

 

Zwei äußere Hauptfaktoren sind damit genannt, zum einen die allgemeine Bevölkerungsentwicklung. So konnten wir vor wenigen Tagen im Nordbayerischen Kurier (22.1 2010) auf S. 4 einen größeren Artikel lesen mit der Überschrift: „Wieder eine Großstadt“ weg. Nicht nur hier in Oberfranken sinkt die Zahl der Bevölkerung. Im Jahr 2009 reduzierte sich die Anzahl der Einwohner in Deutschland um 250.000 Einwohner, d.h. um 0,3%. Dies liegt vor allem daran, dass wir gegenwärtig eine durchschnittliche Geburtenziffer pro Frau von 1,4 Kindern haben; 2,1 Kinder im Durchschnitt wären notwendig zum Erhalt der Bevölkerungszahl. Zusätzlich wandern weniger Menschen nach Deutschland ein als aus. Die wahrscheinlichste Prognose besagt, dass wir von gegenwärtig 82 Millionen Einwohnern in Deutschland binnen 20 Jahren auf 77 Millionen Einwohner absinken werden.

Der Rückgang der Kirchenmitgliederzahlen steht also im Kontext einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Eine der wesentlichen Fragen für die Entwicklung unseres Landes ist darum: Wie kinderfreundlich und familienfreundlich ist unsere Gesellschaft in Politik und Wirtschaft. Wie schlägt sich das nieder in Infrastruktur von Bildungseinrichtungen und in der tatsächlichen, erfahrbaren Flexibilität von Unternehmen gegenüber Vätern und Müttern. Wir Kirchen müssen auf solche strukturelle Familienfreundlichkeit dringen, aber auch Männern und Frauen Mut machen zum Kind als Gabe Gottes, die nicht mit Geld aufzuwiegen ist.

Ein Leitparadigma in unserer Gesellschaft ist der Wohlstand. Das muss nicht verkehrt sein, wenn es ein Verständnis des Wohles ist, das nicht vom Geld dominiert ist, vom Erfolg, vom Haben. Zum Wohl des Menschen gehören entscheidend seine menschlichen Beziehungen, seine Beziehungen zur Familie, zu Nachbarn, zu Kollegen. Es muss uns als Kirche um unserer Gesellschaft willen gelingen, die Mitmenschlichkeit des Menschen als Mitte des Wohlstands in den Blick zu rücken.

 

Der andere einleitend angesprochene maßgebliche Faktor in unserer Mitgliederentwicklung sind die Austritte. Schlagzeilen in den Zeitungen erwecken manchmal den Eindruck, als würden die Menschen den Kirchen in Strömen davonlaufen. So lautete z.B. der Untertitel eines Vierspalters in einer der großen deutschen Zeitungen vor fünf Wochen (am 23.12.2009 Süddeutsche Zeitung, Matthias Dobrinski): „Katholiken und Protestanten verlieren Hunderttausende Mitglieder, von denen viele Steuern sparen möchten.“

Auch wenn vieles in der Öffentlichkeit überzogen wird, müssen die Austritte ein Thema sein. Denn im Jahr 2008 ging in Deutschland die Zahl der Katholiken und Protestanten um je 280.000 bzw. 270.000 zurück, die Gesamtbevölkerung dagegen nur um 215.000. Diese Zahl der Austritte ist auch durch Eintritte nicht aufzuwiegen.

 

Schauen wir uns doch die Zahlen der Evang.-Luth. Kirche in Bayern an:

In Bayern allein sind im Jahr 2009 20.036 Menschen aus unserer Kirche ausgetreten. Im Jahr 2008 waren es sogar noch 350 Menschen mehr, also 20.383.

Erschreckend daran ist zum einen die absolute Zahl, denn damit hat eine Zahl von Kirchenmitgliedern in der Größenordnung eines Dekanatsbezirkes wie Naila die Landeskirche verlassen. Im Vergleich hat der DB Selb mit seinen 18.860 Gemeindegliedern (Stand Juli 2009) weniger Mitglieder als insgesamt in Bayern ausgetreten sind.

Diesen 20.036 Austritten, stehen nur 3.552 Eintritte gegenüber.

Erschreckend ist zum anderen die Erhöhung der Austrittszahlen um ca. 25% gegenüber den Jahren 2006 und 2007. Äußerlich mag das vor allem an der Wirtschaftskrise und der Einführung der Abgeltungssteuer liegen. Doch die Gründe sind vielschichtiger.

 

1.2 Die weichen Faktoren

 

Wir hatten vor wenigen Tagen Besuch aus Berlin. Der hatte folgendes erlebt: Ein Junge wurde durch einen Reporter auf der Straße vor Weihnachten gefragt, was an Weihnachten gefeiert würde. Der Junge meinte: „dass Jesus gestorben ist; ach nein, dass Jesus auferstanden ist.“ „Sei still“, meinte der Opa hinter ihm, „das brauchst du nicht wissen, wir sind Atheisten.“

Zumindest zwei Phänomene problematischer Natur lassen sich an dieser kurzen wahren Begebenheit aufzeigen:

Zum einen gibt es inzwischen wieder einen selbstbewussten bis militanten Atheismus in Deutschland. Der Ausspruch: „Wir sind Atheisten“, war von dem Alten so gemeint, dass der Junge sich auf diese Haltung einlassen sollte. Er hat ihm diese Identität nahegelegt. Solch ein selbstbewusster Atheismus ist nichts Neues in der Geschichte. Er ist in Deutschland zweifellos erstarkt durch ein bewusst antikirchliches und antireligiöses Regime in der ehemaligen DDR.

Zum anderen wird deutlich: Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder wissen, was wir an unseren großen Festen feiern. Das mag in Franken etwas besser sein. Es gibt zu diesen weichen Faktoren ja wenig Zahlen, doch viele unserer kirchlichen Mitarbeitenden haben den Eindruck, dass sie gegen eine Tendenz der Abnahme von Glaubenswissen und Glaubensbeheimatung ankämpfen.

 

Diese Abnahme von Glaubenswissen und Glaubensbeheimatung kann nicht allein von Hauptamtlichen aufgefangen werden. Wir brauchen Traditionen und die passenden Geschichten mitten im Leben dazu. Denn gerade die Traditionen helfen uns, vom Glauben mitten im Leben zu reden. Erzählen wir den Kindern, warum wir zu Ostern Ostereier essen, an St. Martin eine Gans und an Heilig Abend ein Armeleutegericht?

Unsere Traditionen leben davon, dass wir sie pflegen und dass wir ihren Sinn immer wieder und immer wieder erzählen. Bis unsere Kinder uns ins Wort fallen und selbst die Geschichte zu erzählen beginnen. Dann haben wir gewonnen.

Lassen wir uns unsere Traditionen auch nicht aus der Hand nehmen und verdrehen. Es hat einen rein kommerziellen Ursprung, dass wir so viele beleuchtete Weihnachtsbäume schon vor Weihnachten auf den Straßen und in den Gebäuden sehen. Menschen sollen in Kauflaune für das Weihnachtsfest versetzt werden. Daher stellen die Kaufhäuser die Lichterbäume schon zur Unzeit auf.

Ich mache niemandem einen Vorwurf, wenn er aus Vorweihnachtsfreude im Advent schon einen Lichterbaum aufgestellt hatte. Das ist angesichts der Werbekampagnen der letzten Jahre kein Wunder. Aber die Zeit des Weihnachtsbaumes ist nun einmal erst der Heilige Abend und nicht vorher. Wir zünden im Advent an jedem Sonntag jeweils eine Kerze mehr an, weil wir durch das zunehmende Licht einen Hinweis geben können auf das Licht der Welt, Christus, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern. Deswegen erstrahlt das volle Licht und der Lichterbaum erst an Weihnachten und darf bis Lichtmess oder bis zum Beginn der Vorfastenzeit stehen bleiben. Traditionen haben ihre Zeit.

Oft sind unsere Traditionen mit religiösen Inhalten verbunden. Die Glaubenweitergabe über Generationen wird uns viel leichter fallen, wenn wir unsere guten Traditionen dazu nutzen.

Doch unsere Traditionen sind allesamt in Gefahr, so auch die Sonntagsruhe. Wenn wir an verkaufsoffenen Sonntagen den Sonntag heiligen und einfach nicht hingehen, dann wird die Wirtschaft und die Politik davon Abstand nehmen, die Tradition des arbeitsfreien, familienfreundlichen und zu heiligenden Sonntags mehr und mehr auszuhöhlen. Wer heute am Sonntag in Läden bummelt befördert, dass seine Kinder und Enkel morgen hinter der Theke stehen müssen. Unser konsequentes Handeln ist wichtig. Wir Bürger und Bürgerinnen haben politische Kraft. Wir sollten sie nutzen für das Leben in unserem Land. Unsere Traditionen werden nur bestehen, wenn wir ihren Sinn selbst sehen und ihn mit Wort und Tat vertreten.

 

Zu den weichen Faktoren gehört auch die gesellschaftliche Tendenz zur Institutionenkritik. Alle Institutionen, seien es die Parteien oder die Feuerwehren, spüren, dass ihre Attraktivität nachlässt. Die Individualisierung nimmt zu.

Für die Kirchen bedeutet dies, dass viele beim Austritt zum Ausdruck bringen, dass sie die Institution Kirche nicht brauchen würden; dem Glauben an Gott würden sie aber weiter verbunden bleiben.

Stellt sich freilich die Frage, ob dieser Glaube an Gott tatsächlich das ist, was Sie und ich unter dem christlichen Glauben verstehen. Ein Glaube an Gott, der in Christus nicht den Heiland sieht, den Erlöser für unser Leben und die Welt, der hat sich eben tatsächlich von dem entfernt, was wir in unserer Kirche glauben wollen.

Und es stellt sich die Frage, ob dieser christliche Glaube ohne gepflegte Gemeinschaft auskommen kann. Ich beantworte dies mit einem klaren „Nein“. Glauben kann man viel, doch unser christlicher Glaube bedarf des gemeinsamen Hörens auf die Schrift, des gemeinsamen Bekennens und Betens.

 

Manche treten freilich auch aus der Kirche aus, weil die Kirche für sie nicht mehr verbindlich genug ist, weil sie eine intensivere Form des Austauschs über den Glauben und der Glaubensgemeinschaft suchen. Solche Austritte sind besonders schmerzlich.

Das Feld der weichen Faktoren für die Kirchendistanzierung und Austritte ist weit. Sicher werden wir darüber nachher ins Gespräch kommen.

 

2. Kirche im Aufbruch

 

Reagiert unsere Kirche überhaupt auf diese Zahlen? Ja, sie reagiert darauf. Schon vor dem Sprung der Erhöhung um 25% in den Austrittszahlen hat der Ratspräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland eine Initiative ins Leben gerufen.

 

Im Sommer 2006 veröffentlichte der Rat der EKD das so genannte Impulspapier mit dem Titel „Kirche der Freiheit“. Dieses Papier hat tatsächlich Impulse gesetzt, wie ich finde, durchaus beachtenswerte. Es hat aber auch viel Kritik hervorgerufen, teilweise völlig zu Recht.

 

Mit dem Impulspapier wollte der frühere Ratspräsident Bischof Huber in unserer Kirche etwas anstoßen, was er für wichtig hielt. Er nannte dabei vier Punkte und diese vier Punkte sind auch in meinen Augen für unsere Kirche von wesentlicher Bedeutung:

 

a. Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität

b. Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit

c. Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an den Strukturen

d. Außenorientierung statt Genügsamkeit

 

Das Papier fordert insgesamt einen Mentalitätswechsel: Weg vom Jammern hin zur offensiven Zukunftsgestaltung, weg von der Selbstgenügsamkeit hin zu einer missionarischen Kirche. Weg von der Versorgungsmentalität hin zu unternehmerischem Denken inclusive Fundraising. In der Tat, das braucht es.

Schade nur, dass das Papier „Kirche der Freiheit“ grundlegend versäumt hat zu entfalten, warum wir eine Kirche der Freiheit sind. Christus ist der Grund unserer Freiheit. Warum war das über 100 Seiten starke Papier so dünn, wenn es um die Entfaltung der guten Botschaft von Jesus Christus geht? Es darf auch in kircheninternen Papieren nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden, was wir glauben. „Geistliche Profilierung“ wie im Punkt a.) benannt, muss doch beim Papier selbst anfangen.

Wir können das Evangelium nicht ungesagt voraussetzen, weil erst seine Artikulation die nötige integrative Kraft entfaltet. Wenn wir als Kirche Papiere entwerfen, dann müssen sie deutlich machen, worauf sich unsere Kirche gründet, wer der Herr der Kirche ist, was er von uns will, wozu er uns braucht. Es muss sichtbar werden, dass wir Impulse setzen aus der Freude unsres Glaubens an Jesus Christus, der uns befreit und erlöst hat. Diese Botschaft kann man nicht voraus setzen, sondern muss man allem voran setzen, wenn man Aufbruch will.

 

(Das Papier „Kirche der Freiheit“ hat vor allem mit einer Forderung einen großen Schaden angerichtet. Es hat als Strategie vorgeschlagen, die Zahl der Parochien deutlich zu verringern und lieber kirchliche Zentren zu schaffen mit einem großen Einzugsbereich. Kein Wunder dass dies Gegenreaktionen hervorgerufen hat, wie sie sich in der Aktion „Aufbruch Gemeinde“ kristallisiert haben.)

 

Von vornherein spielte das Wort „Aufbruch“ im Papier „Kirche der Freiheit“ und in der Diskussion darüber eine große Rolle. So trägt auch das Statement des Ratspräsidenten Wolfgang Huber Ende Juni 2009 in Berlin folgende Überschrift: „Kirche im Aufbruch – Drei Jahre Reformprozess in der EKD“. Sein Statement beginnt damit, dass er die Veröffentlichung der Studie „Kirche der Freiheit“ drei Jahre zuvor erwähnt. Man kann wohl sagen, dass die Initiative, die mit dem „Impulspapier Kirche der Freiheit“ begonnen hat, seit dem Zukunftskongress in Wittenberg im Januar 2007 unter der Überschrift „Kirche im Aufbruch“ steht.

„Wo wollen wir hin?“, fragt Huber im letzten Abschnitt seines Statements. Das ist ja tatsächlich die Frage, wenn wir aufbrechen, wohin wir aufbrechen. Seine Antwort: „Das Impulspapier spricht von einem ´Mentalitätswandel`, der nötig ist und den es anzuregen gilt. Ein solcher Mentalitätswandel braucht Zeit, er kann nicht angeordnet werden, sondern muss sich entwickeln und entfalten. Aber dieser Mentalitätswandel ist nicht einfach ein Selbstzweck; er zielt vielmehr auf eine missionarische Öffnung unserer Kirche hin zu den Menschen, deren Kontakte zu Kirche und Glaube dünn geworden oder ganz verloren gegangen sind … Es ist uns in der evangelischen Kirche eben nicht gleichgültig, ob wir schlechten oder guten Gottesdienstbesuch haben, es ist uns nicht gleichgültig, ob wir viele oder wenige Kinder eines Jahrgangs taufen.“

 

Man kann an der EKD-Initiative viel kritisieren. Sie haben auch gemerkt, dass ich daran nicht spare. Doch es wäre jammerschade, wenn dieser Impuls hin zu einer zum Glauben einladenden Kirche verpuffen würde. Ja, darum geht es, geht es auch mir, dass wir zu den Menschen aufbrechen. Doch damit ist ja noch nicht alles gesagt: Was machen wir, wenn wir bei den Menschen sind? Für Huber ist das klar. Wir sollen vom Glauben reden. Ich zitiere ihn nochmals. Es gilt den „Glaubensentwöhnten und Kirchenungeübten die Größe und den Glanz unseres Glaubens nahe zu bringen.“

Wir sollen als Kirche aufbrechen, das Ziel ist klar – zum Menschen, weshalb sollen wir aufbrechen? Weil wir etwas weiterzugeben haben, den Glauben an den dreieinigen Gott, der unser Leben erfüllt.

Es würde mich im Gespräch nachher interessieren, ob Sie dem zustimmen. Ich will keinen Zweifel daran lassen, dass ich mit dieser Zielrichtung übereinstimme.

 

Darum:

3. Zum Glauben einladen

 

Die neue Ratspräsidentin Margot Käßmann will den Prozess „Kirche im Aufbruch“ weiter führen. Sie möchte ihn mehr mit den Gemeinden verbinden.

Die drei jüngst gegründeten Zentren:

- für „Predigtkultur“ mit Sitz in Wittenberg

- für „Qualitätsentwicklung“ im Gottesdienst mit Sitz in Hildesheim

- und für „Mission in der Region“ mit Sitz in Dortmund, Stuttgart und Greifswald

werden ihre Arbeit tun.

Die Vernetzung mit der Gemeinde und diese drei Zentren sind sinnvoll, denn wie sollen wir eine Kirche im Aufbruch sein ohne Aufbruch in den Gemeinden. Und in den Gemeinden haben Gottesdienst und Predigt Schlüsselrolle dafür, ob wir eine zum Glauben einladende Kirche sind. Auch dem Arbeitsbereich „Mission in der Region“ wünsche ich von Herzen Gelingen. Das Motto ist gut, denn Mission muss in die Region, auch in die Region des Kirchenkreises Bayreuth und der Diözese Bamberg in gemeinsamer geschwisterlicher Anstrengung.

 

Sie hören von mir also eine grundlegende Zustimmung; und doch habe ich auch eine grundlegende Frage zum Prozess „Kirche im Aufbruch“. Manche haben die Frage, ob das nicht ein Prozess von oben sei. Nun, ich meine, dass auch Kirchenleitungen Impulse setzen müssen und dürfen. Das ist nicht so sehr meine Frage. Freilich hat sie damit zu tun. Ich frage mich, wie es zu Aufbrüchen in Kirchen kommt? Es braucht wirklich einen Mentalitätswandel. Aber der lässt sich nun einmal nicht erzwingen.

Wie wird unsere Kirche zum Glauben einladender, wie wird sie missionarisch?

Ich habe kein Patentrezept, doch mir erscheinen folgende Akzente wichtig zu sein.

 

3.1 Mission ist keine Form des Selbsterhaltes von Kirche

 

Ich werde sehr hellhörig und skeptisch, wenn angesichts wegbrechender Kirchensteuereinnahmen auf einmal wieder von „missionarischem Handeln“ die Rede ist. Missionarisches Handeln kann doch nicht bedeuten: Kirchensteuerzahler zu gewinnen. Kirchensteuerzahler zu gewinnen und zu halten ist wichtig, aber missionarisches Handeln meint etwas anderes.

Gerade die großen Zahlen an Austritten beinhalten eine Gefahr, nun in großen Aktionismus zu verfallen. Meine feste Überzeugung ist: Wenn sich die Kirche primär um ihren Selbsterhalt kümmert, hat sie sich schon verloren; denn Sinn und Ziel der Kirche ist nicht, sich selbst zu erhalten.

Sinn und Ziel der Kirche ist es, das Evangelium weiterzusagen, so dass Menschen an Jesus Christus glauben und ihr Leben glaubend gestalten. Wenn unsere Kirche das tut, dann mache ich mir keine Sorgen um sie, dann wird Christus, der Herr der Kirche, sie erhalten.

Trotzdem darf es nicht zu einer Vernachlässigung in der Pflege der Institution Kirche kommen. Unsere Kirche muss auch sorgsam auf ihre äußeren Rahmenbedingungen achten, damit sie ihrem Auftrag auf Dauer gerecht werden kann. Zu den Rahmenbedingungen gehören selbstverständlich auch die Finanzmittel. Doch damit ist eine klare Priorisierung der Ziele gegeben. Die Pflege der Rahmenbedingungen ist um der Verkündung willen da – nicht umgekehrt. Es braucht die institutionellen Kirchen, damit diese Verkündigung durch Wort und Sakrament geschieht und die Gemeinschaft der Glaubenden gepflegt wird. Doch mögen die Kirchen bitte keine Mission um ihrer selbst willen betreiben.

Missionarisches Handeln ist nicht reserviert für bestimmte Gruppierungen, sondern Sache der Kirche und der Gemeinden. Es ist laut unserer Kirchengemeindeordnung Aufgabe des Kirchenvorstandes. Sie besteht darin, dass „Kirchenentwöhnte und Glaubensungeübte“ das Evangelium so hören, dass sie sich eingeladen fühlen. Es geschieht oft mitten im Leben ganz unauffällig. Es geschieht durch Mitarbeitende in der Diakonie, die sagen können, warum sie bewusst in der Diakonie arbeiten. Es geschieht durch Mitarbeitende des KDA, die sagen können, was das mit dem Glauben zu tun hat, dass sie in die von der Schließung bedrohten Betriebe gehen. Es geschieht durch Mütter, Väter, Omas und Opas, die auf die Fragen ihrer Kinder und Enkel nach Gott liebevoll und bekennend antworten. Es geschieht auf unzählige Weise; und es geschieht bereits, Gott sei Dank.

Es geschieht – wenn es dem Evangelium gemäß geschieht – völlig unaufdringlich und ohne jeden manipulativen Zug. Es geschieht mit der Sehnsucht, dass die Hörenden von der Botschaft durch Gott selbst erfasst werden und zum Glauben an Jesus Christus finden.

Wenn das geschieht, werden sich gewiss auch Menschen zu unserer Kirche halten.

 

3.2 Keine missionarische Wendung nach außen ohne geistliche Vertiefung nach innen

 

Gerade weil es nicht um Strategien zum Selbsterhalt geht, sondern um das einladende Weitergeben des Glaubens, geht es auch nicht primär um methodische Verbesserung unserer Arbeit oder um eine Steigerung unserer Aktivitäten. Eine methodische Verbesserung unserer Arbeit ist meistens sinnvoll. Doch gerade bei Steigerung unserer Aktivitäten würde ich ein großes Fragezeichen machen. Es kann nicht um ein Mehr gehen. Viele Mitarbeitende, seien sie ehrenamtlich oder hauptamtlich, arbeiten oft schon an den Grenzen ihres Belastungsvermögens oder sogar jenseits. Nein, es geht nicht darum, dass nun auch noch missionarische Aktionen dazukommen. Vielmehr geht es darum, dass wir, was wir tun, so tun, dass es implizit oder explizit von unserem Glauben Zeugnis gibt. Und gerade bei dem expliziten Reden von unserem Glauben sind wir volkskirchliche Christen tendenziell zu scheu und zurückhaltend.

 

Im Mai vergangenen Jahres ging mir ein hochinteressanter Brief zu. Im Betreff stand: „Thesenpapier ´Kirche im Aufbruch` – 10 Thesen nach vorne“. Beim Absender stand: „Evangelische Jugend in Bayern. Landeskonferenz der hauptberuflichen Jugendreferentinnen und Jugendreferenten“. Es ist klar, dass der Brief und die Thesen eine Auseinandersetzung mit dem Prozess „Kirche im Aufbruch“ war bzw. ist.

Ich zitiere aus dem Brief: „Mit diesen Thesen wollen die hauptberuflich Verantwortlichen in der Jugendarbeit einen Beitrag zur Diskussion über ein Kirchenbild leisten, das zukunftsfähig ist und der Verantwortung der Verkündigung des Evangeliums entspricht. Das Kirchenbild hat Konsequenzen für die theologischen, strategischen und planerischen Aufgaben unserer Kirche. Es geht uns aber auch um einen geistlichen und mentalen Aufbruch für die Zukunft unserer Kirche.“

Da ist doch dem aus dem EKD-Papier bekannten „mentalen Aufbruch“ ein kleines Wörtchen beigefügt, „geistlich“. Und das geschieht vermutlich sehr bewusst, denn die erste der 10 Thesen trägt die Überschrift: „Der Heilige Geist befreit aus Zwängen und Angst und eröffnet neue Perspektiven“; und der erste Satz lautet: „Wir haben die frohe Botschaft erfahren, wir wissen von unserem Glauben und unserer Hoffnung zu reden und wir trauen dem Heiligen Geist alles zu!“

Ich habe mich über diese 10 Thesen sehr gefreut, denn anders kann es keinen Aufbruch in der Kirche geben, als dadurch, dass der Heilige Geist wirkt, dass Menschen von ihrem Glauben reden und dass die frohe Botschaft erfahren wird. Ein Aufbruch in der Kirche ist immer ein Aufbruch, der sich aus geistlichen Erfahrungen speist.

 

Mein großer Herzenswunsch für diese Kirche ist zu allererst eine geistliche Vertiefung bei uns haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Eine solche geistliche Vertiefung hat nichts Frömmelndes. Nicht erst für Luther, schon für die Benediktiner gehörten beten und arbeiten zusammen. Luther hat es aber noch zugespitzt: Ich muss heute viel arbeiten, darum muss ich heute viel beten. Der Glaubende, der - wie ein Baum seine Wurzeln zum frischen Wasser streckt – sich auf Gott verlässt, der Mensch, der aus der Kraft der Gottesbeziehung lebt, wird Früchte in seinem Leben bringen. Gründungen wie die Diakonie Neuendettelsau oder Bethel und andere hätte es nicht gegeben, wenn die Gründer die Kraft nicht aus dem Innehalten vor Gott gewonnen hätten. Gerade wenn ein Mensch seine Wurzeln zum Bach ausstreckt und aus der Quelle des Lebens trinkt, wird er seine Gaben entfalten können, ob die in die sozial-diakonische Richtung gehen, ob sie in die politische Richtung gehen, ob sie in die christlich-spirituelle Richtung gehen oder in die missionarische; das ist nicht entscheidend. Jeder und jede hat seine Gaben und Prägungen und wird seine Schritte gehen. Doch wenn die Schritte sich aus der Kraft der Gottesbeziehung speisen, dann ist das ein Aufbruch, durch die die Kirche Jesu Christi wachsen wird.

Es wird daher keine zum Glauben einladende Bewegung nach außen geben, die diese Charakterisierung auch verdient, wenn sie nicht zuvor eine Bewegung des Innehaltens vor Gott ist. Die Bewegung zu den Menschen speist sich aus der Begegnung mit Gott. Wes das Herz voll ist, geht der Mund über.

 

Echte Aufbrüche sind das Gegenteil von Aktionismus. Sie brauchen die Stille, brauchen das Gebet, brauchen die Kraft der Gottesbeziehung, denn sie brauchen, was nur Gott schenken kann.

 

3.3 Geistliche Vertiefung in unseren Kirchen

 

Wenn wir geistliche Vertiefung suchen, wo finden wir sie? Es tut mir sehr weh, wenn Menschen sagen, in unserer Kirchengemeinde finde ich das nicht. Ich gehe jetzt zu den Baptisten oder gar zu „Wort und Geist“.

Kritisch sei hier aber auch vermerkt, dass manche Menschen eine Form der Sehnsucht in sich haben, die nicht stillbar ist, weil sie sich nach Vollkommenem sehnen und eine Form des Erlöstseins suchen, die es hier auf der Erde nun einmal nicht gibt. Manche müssen auch erst lernen anzunehmen, dass wir als Christen Menschen sind und bleiben, angewiesen auf Vergebung und auf Gottes Geist. Geistliche Vertiefung ist ein Prozess, ein Weg. Christsein ist nach Luther bekanntlich kein Frommsein, sondern ein Frommwerden.

 

Bei aller Skepsis gegenüber frömmelnden, fundamentalistischen oder radikal-ethischen Reich-Gottes-Bewegungen, gibt es doch in unserer Kirche immer wieder Bewegungen, die unserer Kirche bleibende Impulse zur geistlichen Vertiefung geben.

Die Gruppe Luther war und ist für die Stadt Bayreuth und Umgebung sicher – trotz mancher negativer Erfahrung, die einige auch gemacht haben mögen – solch eine Bewegung, die zur geistlichen Vertiefung in unserer Kirche beiträgt. Taizé ist sicher eine schon lange wirksame internationale Bewegung. Es ist mir eine besondere Freude, dass die Communität Christusbruderschaft Selbitz in meinem Kirchenkreis liegt. Sie ist eine Bewegung, die seit 60 Jahren geistliche Impulse weit über die Kirchenkreisgrenzen hinaus gibt.

Nicht unterbewerten möchte ich aber die Formen geistlicher Vertiefung stetiger Art in erwachsenenbildnerischen Gesprächsrunden wie dieser, in Gesprächsgruppen und Bibelkreisen in den Gemeinden. Für viele ist auch die gelebte Ökumene zwischen evangelischen und katholischen Gemeinden Quelle geistlicher Vertiefung.

 

Ein „Höhepunkt“ beim Thema „Geistliche Vertiefung“ war für mich das Symposium zur „Geistlichen Begleitung“, das jüngst, vom 13. bis 16. Januar 2010 in Selbitz stattfand und zu dessen Teamleitung ich selbst gehörte. Es war kein oberfränkisches Meeting. Vielmehr waren alle Ausbildungsstandorte für die Ausbildung zum „Geistlichen Begleiter“ im ganzen deutschsprachigen Raum eingeladen.

„Geistliche Begleitung“ war bis vor 5 Jahren in unserer evangelischen Kirche so gut wie überhaupt nicht bekannt. Zu einem „Geistlichen Begleiter“ zu gehen, mit dem Ziel der Vertiefung der eigenen Gottesbeziehung oder sich gar in Exerzitien zu begeben und dort zu schweigen und nur einmal am Tag mit einem „Geistlichen Begleiter“ zu sprechen, galt als katholisch.

Doch merkwürdigerweise gingen immer mehr Evangelische ins katholische Münsterschwarzach in Exerzitien, oder ließen sich gar in Freising bei unseren katholischen Freunden zum Geistlichen Begleiter ausbilden. Die Teilnehmenden merkten, da wird etwas genuin evangelisches, weil genuin christliches bei unseren katholischen Freunden angeboten. Fast unbemerkt begann unsere Christusbruderschaft in Selbitz vor über 10 Jahren Pfarrerinnen, Diakone, Ehrenamtliche zum Geistlichen Begleiter auszubilden. Inzwischen läuft der achte zweijährige Kurs.

Nun war also – wie gerade erwähnt – vor wenigen Tagen das Symposium der evangelischen Ausbildungsstätten für Geistliche Begleitung des gesamten deutschsprachigen Raumes in Selbitz. Vor 6 Jahren hätte es außer Selbitz nur drei weitere evangelische Ausbildungsstätten im ganzen deutschsprachigen Raum gegeben. In den vergangenen 6 Jahren sind 12 weitere evangelische Ausbildungsstandorte entstanden.

Bei diesem Symposium begleitete mich ein Staunen über den wundersamen Aufbruch, der da in der evangelischen Kirche in den letzten Jahren zu beobachten ist. Menschen suchen nach geistlicher Vertiefung. Sie suchen und erfahren, wie viel ihnen das eigene Beten, das Lesen in der Bibel, das Reden über den Glauben zusammen mit anderen Christen gibt. Sie suchen geistliche Vertiefung.

 

3.4 Arbeiten und beten

 

Was heißt das nun? Heißt das, die Aufbrüche finden auf solchen Symposien zur Geistlichen Begleitung und an den neuen Ausbildungsstätten für Geistliche Begleitung und nicht auf Zukunftskongressen der EKD?

Ich würde solche Alternativen für verheerend halten. Natürlich sind solche Prozesse wie „Kirche im Aufbruch“ unvollkommen, genauso wie unsere Sitzungen des Landeskirchenrates, wie Synoden, wie Kirchenvorstandssitzungen, wie die Arbeit des Tutzinger Freundeskreises, wie unsere kirchliche Arbeit insgesamt unvollkommen ist – und auch unsere Symposien zur Geistlichen Begleitung. Das wird auch immer so sein. Gerade deshalb braucht unsere Arbeit das Gebet, dass Christus durch und trotz unserer Arbeit seine Kirche baut. Arbeite und bete. Wenn möglich sogar umgekehrt: Bete und arbeite. Wichtig ist, dass beides zusammenkommt. Ich meine, dass unsere Schritte viel mehr den Geist des Aufbruchs atmen könnten, wenn wir immer wieder innehalten würden zum Gebet.

Für unseren Martin Luther war klar, dass für uns Christen der erste Gedanke am Tag Gott gehört und der letzte. „So du aus dem Bette fährst, sollst du dich segnen mit dem Zeichen des Kreuzes und also sprechen: ‚Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.‘ Darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis und das Vater unser. Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen: ‚Ich danke dir mein himmlischer Vater…‘“ (S. 1441 im EG)

Geistliche Begleitung in Form von Exerzitien oder in Form von berufs- und lebensbegleitender Geistlicher Begleitung sind gewiss nicht die Lösung kirchlicher Aufbruchsprobleme. Doch sie setzen einen Impuls, den wir brauchen in unserer Kirche. Wir brauchen Impulse, die uns helfen, dass wir in unserem ganzen Leben als Christen nicht atemlos hetzend unsere Arbeitsschritte tun, sondern, dass wir immer wieder inne halten bei der Quelle unseres Lebens.

Das gilt insbesondere für unser innerkirchliches Engagement: Dass alle am Gottesdienst Beteiligten in der Sakristei beten vor dem Gottesdienst, dass wir im Stillen beten, bevor wir als gemeindlicher Besuchsdienst eine Wohnung betreten, dass wir sogar – wie Paulus anregt – beten ohne Unterlass, ist eine Hilfe, dass Gott unsere Ängste aufbricht und verwandelt in Vertrauen auf seine Gegenwart mitten in unserem kirchlichen Leben.

 

Es ist in meinen Augen eine große Chance für unsere Kirche, dass wir gegenwärtig in der so genannten Lutherdekade sind. Gott hat durch Martin Luther ganz gewiss einen echten Aufbruch geschenkt, sogar eine Reformation.

Es liegt mir daran, dass wir diese Lutherdekade sehr bewusst begehen. Jedes Jahr bis zum Jubiläumsjahr 2017 hat sein Thema. Dieses Jahr steht unter dem Thema Reformation und Bildung. Das passt zur Arbeit des Freundeskreises.

Das Gesamtthema der Lutherdekade aber ist natürlich die Reformation selbst und das Evangelium, um das es ihr ging. Solch einen spektakulären Aufbruch in der Kirche wie es die Reformation damals war, wird es so schnell nicht wieder geben. Das braucht es auch nicht, wenn die Kirche die ecclesia semper reformanda ist,

wenn sie sich immer wieder überprüft, ob sie eine zum Glauben einladende Kirche ist,

wenn sie immer wieder aufbricht, unter Gottes Segen ihren Auftrag zu erfüllen und das Evangelium von Jesus Christus als dem Heiland unseres Lebens und der Welt in Wort und Tat zu verkünden,

wenn sie handelt im Wissen um ihr Angewiesensein auf Gottes Geist und sein Handeln.

Sie wird solch eine Kirche im Aufbruch sein, wenn sie „arbeitet und betet“ oder besser „betet und arbeitet“, d.h. wenn sie im Aufbrechen inne hält.

 

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