Visitation des Dekanatsbezirks Pegnitz

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner im Festgottesdienst zum Abschluss der Visitationswoche in der Stadtkirche St. Bartholomäus, Pegnitz am 6.5.2018

Liebe Gemeinde,
Zuerst das für diesen Sonntag vorgesehene Bibelwort. Es geht darin ums Beten und um das Geheimnis unseres Glaubens:

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!
Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir vom Geheimnis Christi reden können, auf dass ich es offenbar mache, wie ich es soll.

Manches aus der Visitation ist schon kein Geheimnis mehr, weil es offen in der Zeitung stand: Zum Beispiel wie sehr ich es als großes Glück empfinde, wenn gebrechlich gewordene Menschen einen Platz in der Tagespflege der Diakonie gefunden haben. Und: Wie sehr ich mich ärgere, dass zwei Geflüchtete, die ein Praktikum im Brigittenheim gemacht haben und von der Heimleitung für geeignet befunden worden sind, keine Ausbildungsgenehmigung erhielten. Das muss sich ändern – wegen der Geflüchteten und wegen des Pflegenotstandes.
Freilich scheint es doch Geheimnisse der Visitation zu geben: „Handlungsbedarf bleibt vertraulich“ war sogar Überschrift in der Zeitung.“ Nichts macht neugieriger also solch eine Schlagzeile. Gibt es doch ein Geheimnis; irgendetwas, was unter Verschluss gehalten werden muss?
Nein, das gibt es nicht. Es gibt lediglich Punkte, bei denen der Dekan und ich und das Visitationsteam einmütig denken: Das wäre hilfreich für eine Gemeinde oder für diese Arbeit, damit das Evangelium von Jesus Christus und sein Friede noch mehr Raum gewinnt.
Die Betonung liegt auf „noch mehr“; denn ich bin sehr, sehr dankbar, wie hier in Pegnitz und in den Gemeinden des Dekanatsbezirks das kirchliche Leben blüht.
Am Mittwochabend, als die verschiedenen Gruppen und Kreise sich drüben im Gemeindehaus vorstellten, waren selbst manche von den anwesenden Gruppenleitenden erstaunt, weil sie manches gar nicht wussten, von dem, was es hier in der Kirchengemeinde gibt. Dabei wurden an diesem Abend längst nicht alle Gemeinde-aktivitäten vorgestellt. So sang z.B. von allen Chören nur der Jugendchor. Dafür entfalten sich heute im Gottesdienst die kirchenmusikalischen Gaben besonders reich zur Freude aller.
Und ist es nicht so, dass die Kirchenmusik eine besondere Weise ist, auszudrücken, was gar nicht in unsere Worte passt, weil es viel zu groß ist: Das Geheimnis unseres Glaubens.
Manche, auch religiös Unmusikalische werden zu Tränen gerührt, wenn sie eine Passion von Bach hören und vom Geheimnis der Erlösung, die durch Christus am Kreuz für uns alle geschehen ist. Auch am Ende dieses Gottesdienstes werden wir etwas von der Wohltat des Segens spüren, wenn wir John Rutters „blessing“ hören. Die Kirchenmusik nimmt unsere Seele ungefragt mit in die Lebensfreude und öffnet sie für die großen Geheimnisse des Glaubens.

„Geheimnis des Glaubens“, genau diese Worte werde ich in der Abendmahlsliturgie singen. Ihr als Gemeinde werdet einstimmen: „Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir, und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit“.
Kreuz und Auferstehung Jesu sind ein großes Geheimnis, uns allen voraus, unser Denken übersteigend bis wir alles verstehen werden, wenn wir Christus sehen in seiner Herrlichkeit. In Kreuz und Auferstehung bündelt sich das Geheimnis unserer Freiheit, unserer Erlösung, unserer wachsenden Liebe, unserer nie endenden Hoffnung.

Gerade weil das Kreuz und was an jenem Kreuz auf Golgatha geschah, ein Geheimnis ist, sind wir sensibel im Umgang mit dem Kreuz. Wir schreien zu Recht auf, wenn es missbraucht wird bei Pegida-demonstrationen. Denn dort wird mit dem Kreuz missbraucht zum Vertreiben Andersgläubiger.
Ist das Kreuz in der Hand eines Ministerpräsi-denten, der es in der Staatskanzlei demonstrativ aufhängt, ein ähnlicher Missbrauch? Darüber ist ein Konflikt entstanden. Nochmals: Es ist gut, wenn wir wachsam sind, zumal das Kreuz sogar von uns Kirchen missbraucht wurde als über Waffen und Menschen vor Angriffskriegen ein Kreuz geschlagen wurde.
Auch uns Christen -  auch den Kirchen - gehört das Kreuz nicht. Es ist und bleibt das Symbol eines Geheimnisses, das uns immer voraus ist.
Ich meine, dass Christen gegenwärtig unterschiedlicher Überzeugung sein können, ob das Verordnen, Kreuze im Eingangsbereich staatlicher Gebäude aufzuhängen, weise war. Ich selbst lasse aber keinen Zweifel daran, dass ich als Regionalbischöfin meiner Kirche und Bürgerin meines Staates im Ergebnis dankbar dafür bin, wenn im Eingangsbereich unserer staatlichen Gebäude ein Kreuz hängt.
Darum habe ich mich beim Gang ins Pegnitzer Rathaus darüber gefreut, dass uns ein schlichtes Holzkreuz im Eingangsbereich empfangen hat. Es hing ganz selbstverständlich da. Dieses Kreuz war dann auch Anknüpfungspunkt für unser Gespräch darüber, was christliche Grundhaltung im Leben der Stadt Pegnitz bedeutet.
Religion sei Privatsache, höre ich häufig als Gegenargument. Doch der christliche Glaube kann das gar nicht sein. Wer ihn ins Private verbannen will, ist zugleich ein Totengräber des Glaubens im Privaten.
Der christliche Glaube ist immer ein offenes Geheimnis, das - wie Paulus sagt - offenbar werden soll. Er wirkt hinein ins hinein ins öffentliche Leben.
Der Religionsunterricht an Schulen und das diakonische Engagement der Kirchen sind der beste Beleg dafür, wie stark der christliche Glaube unsere Gesellschaft in Freiheit und hin zur Freiheit prägt. Unser christlicher Glaube will die Welt gestalten, Liebe und Hoffnung hineintragen für alle Menschen. Hier in Pegnitz haben wir diesbezüglich fast noch etwas heile Welt.
Gesamtgesellschaftlich aber - und erst Recht im europäischen Raum - besteht die größere Gegenwartsgefahr nicht in der Vereinnahmung des Kreuzes für politische Zwecke, sondern in der Verdrängung des christlichen Glaubens im Zuge zunehmender Laisierung, Säkularisierung und Entchristlichung. Wir können uns daher über alle Politiker freuen aus allen demokratischen Parteien, die zum christlichen Glauben und zum Kreuz aus Überzeugung stehen.
Warum?
Das Kreuz ist ein religiöses, christliches Symbol. Das ist ja inzwischen auch wieder geklärt. Wer sich aber zum Kreuz bekennt, der muss auch auf seine Bedeutung ansprechbar sein. Ob mit oder ohne Corpus gehört zum Kreuz der Gekreuzigte, der lebt und auferstanden ist und wiederkommt - auch in unsere Diskussionen hinein, auch in unsere Diskussionen über unsere Flüchtlingspolitik.
Liebe zum Gekreuzigten und gefühlsmäßige Abwehr von Andersgläubigen schließen einander aus. Gerade der Glaube an Christus sagt, dass wir in der Liebe an jeden Menschen gewiesen sind. Nur darin ist Hoffnung auf Frieden für die Welt.  Deswegen ist gerade das Kreuz als christliches Grundsymbol kein exkludierendes sondern ein integrierendes alle Menschen willkommen heißendes Symbol.
Doch, wer erkennt im Kreuz die Liebe des Heilands zu allen Menschen. Wer erkennt darin seine Erlösung und seine Freiheit. Wer kennt dieses tiefe Geheimnis?
So ist das mit allen wahren, großen Geheimnissen, sie liegen offen vor Augen, der eine erkennt es, der andere nicht.
Daher gibt diese Debatte ums Kreuz uns so eine gute Gelegenheit über das Geheimnis des Kreuzes zu sprechen – wissend, dass auch unsere Worte sich an das große Geheimnis Christi nur herantasten.  Selbst Paulus bittet die Gemeinde für ihn zu beten, dass es ihm gelingt,  etwas vom Geheimnis Christi zu sagen.

Vergangenen Donnerstag hat es mich sehr bewegt, wie Erzieherinnen, sogar in den Kinderkrippen mit ganz einfachen Worten so viel vom Geheimnis Christi ausdrücken können. Den Allerkleinsten schon eröffnen sie einen Zugang zu dieser großen Liebe Gottes zu ihnen. Dich lädt Gott in seine Arche ein, komm herein. Dich hat er geschaffen und findet Dich so schön. Er freut sich an Dir. Jesus sucht dich wie das verlorene Schäfchen und trägt Dich heim.
Unser Glaube braucht keine komplizierten Worte. Wesentlich ist: Er braucht Worte, die etwas vom Geheimnis der Liebe Gottes transportieren zu dem Menschen, mit dem wir reden.
Zu solchem Reden möchte ich Sie alle ermutigen.  Denn dieses Geheimnis soll offenbar werden. Und Sie werden merken: Andere Geheimnisse lösen sich auf, wenn sie weitergesagt werden - das Geheimnis Christi, wird nur größer auch für Sie, je mehr Sie von ihm erzählen.

Nun habe ich in meiner Predigt am Sonntag Rogate gar nicht übers Gebet gesprochen. Dabei hat so gut wie jede Begegnung in ein von mir gesprochenes Gebet gemündet. Doch über das Gebet sollte man  ohnehin weniger reden, als es tun.
Wir verbleiben am Ende der Visitation einfach so: Ich bete weiter für Euch, und Ihr betet bitte auch für einander und für mich, dass durch Euch und mich das Geheimnis Christi offenbar wird. Auch das gehört ja zum Geheimnis Christi, dass wir im Gebet zu ihm untereinander verbunden sind und bleiben. Amen.