TVO-Weihnachtsansprache 2013

Herbergssuche - Wort zu Weihnachten von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

Wort zu Weihnachten 2013

 

Hanna Hümmer, die Gründerin der Christusbruderschaft in Selbitz, erzählte einmal:

„Ich war wohl der kleinste Engel, der damals in einem Weihnachtsspiel mitwirken durfte. Ich sollte singen. So wartete ich auf meinen ‚Auftritt‘ hinter den dürftigen Kulissen des damaligen Ansbacher Schlosstheaters. Maria und Josef schritten müde über die Bühne und suchten Herberge. Überall wurden sie abgewiesen. Da wurde ich kleiner Engel so traurig hinter der Bühne, dass ich zu schluchzen begann und kaum zu trösten war. – Warum erzähle ich euch das?… Weil ein Kind viel näher dem himmlischen Geschehen ist und einfältiger das Geheimnis Gottes ahnt: ‚und die Seinen nahmen ihn nicht auf …‘“

Viele unserer Krippenspiele an Weihnachten thematisieren die Herbergssuche von Maria und Josef – Maria hochschwanger mit Jesus, der geboren werden will. Für diese Krippenspiele mit Herbergssuche gibt es in der biblischen Weihnachtgeschichte einen kleinen Anhaltspunkt. Im Lukasevangelium lesen wir: „Und sie (also Maria) gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Auch ich kenne ein altes Singspiel mit Herbergssuche aus meiner Kindheit. Maria und Josef klopfen an der Tür eines Wirtshauses. Der Wirt öffnet und singt:

W: Wer klopfet an:

Maria und Josef: O zwei gar arme Leut.

W: Was wollt ihr denn?

MJ: O gebt uns Herberg heut. O durch Gottes lieb wir bitten, öffnet uns doch eure Hütten.

W: O nein, nein, nein.

MJ: So lasset uns doch ein.

W: Das kann nicht sein.

MJ: Wir wollen dankbar sein.

W: Nein, es kann einmal nicht sein, drum geht nur fort, ihr kommt nicht rein!

 

Warmherzig, wie Hanna Hümmer war, hielt sie die Zurückweisung Marias und Josefs nicht aus und schluchzte untröstlich. Letztendlich will das Singspiel ja genau das bewirken, dass Kinder wie Erwachsene im Herzen angerührt werden und denken: So hartherzig wie dieser Wirt, der die fremden Reisenden abweist, möchte ich nicht sein.

Ich vermute, bei den Fernsehbildern von den weit über 300 toten Flüchtlingen im Oktober vor Lampedusa hatte auch manch Erwachsener Tränen in den Augen. Zumindest ließen die Bilder niemanden kalt. Dieses Ereignis hat Bewegung in die Flüchtlingspolitik in unserem Land gebracht. Wir spüren: Das ist unmenschlich, so kann es nicht weitergehen.

„Wer klopfet an“ – dieses Lied weihnachtlicher Herbergssuche ist mir schon seit Wochen im Sinn, seit ich mich mit der Asylthematik beschäftige. Dieses Lied verbindet sich in mir mit einer weiteren biblischen Geschichte aus dem Matthäusevangelium. Dort, im  Kapitel 25, erzählt Jesus, dass er alle Menschen im Gericht  mit ihrem eigenen Tun und Lassen konfrontieren wird. Er wird zu ihnen sagen: Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen, oder eben: Ihr habt mich nicht aufgenommen.  Alle, die vor Jesus stehen, sind erstaunt und fragen: Wann warst Du ein Fremder und wir haben Dich aufgenommen? bzw. nicht aufgenommen?  Da antwortet Jesus: Was ihr einem dieser meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.

Jesus erzählt nicht vom zukünftigen Gericht, um Angst davor zu machen, sondern um uns zu ermutigen, heute barmherzig zu sein. Sein Ziel ist es, uns allen einst sagen zu können: Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.

Erinnern wir uns, wie Jesus lebte. Er  hatte Erbarmen, wenn er Menschen in Not sah. Er sah den einzelnen Menschen und er sah seine Not. „Es jammerte ihn“ heißt es manchmal in den biblischen Geschichten. Der auferstandene Jesus ist genauso barmherzig. Auch heute will er helfen, wo er Not sieht. Er bittet uns, barmherzig zu sein, wie er es war und ist.

Manche Menschen sind hartherzig geworden im Laufe ihres Lebens. Sie konnten Verletzungen nicht verarbeiten. Ihr Herz ist hart geworden durch viele schlecht vernarbte Wunden. Jesus kann dieses Narbengewebe auflösen, seine Hände auf diese Wunden legen. Er kann Herzen heilen. Ihm - in seiner großen Barmherzigkeit zu uns - gelingt es, in uns echte Barmherzigkeit zu wecken und zu stärken. Er kann wie kein anderer unser Herz öffnen - für jeden Menschen, für die Flüchtlinge vor Lampedusa und für diejenigen, die in unserem Land wohnen.

Letztes Jahr kamen etwa 65.000 Asylbewerber nach Deutschland, dieses Jahr werden es vermutlich über 100.000 sein. Im kommenden Jahr wird der Strom nicht nachlassen, denn die Bürgerkriege z.B in Syrien, Afghanistan und Somalia bringen Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Fast alle wären lieber bei ihren Nachbarn und Verwandten geblieben. Viele kommen bei uns hoch traumatisiert an.  Zu viel Schlimmes haben ihre Augen gesehen. Und nun klopfen sie bei uns an.

Jesus Wort: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ überfordert uns nicht. Jesus verlangt keine Einbürgerung aller. Wir brauchen eine Asyl-Gesetzgebung, die für die Bürger dauerhaft tragbar ist. Doch dort, wo die Regelungen dazu beitragen, sich echter Not zu verschließen und den Weg sinnvoller Hilfe zu verstellen, sind sie zu ändern. Diejenigen, die da sind, brauchen in jedem Fall Zeichen christlicher Liebe.

Unsere Asylbewerberunterkünfte sind – um in der weihnachtlichen Bildersprache zu bleiben - allermeist wohl besser als der Stall von Bethlehem. Die Gebäude sind nicht das größte Problem, sondern dass die Menschen jahrelang darin sitzen müssen, ohne dass die Verfahren voran gehen, ohne dass sie Deutsch lernen, ohne dass sie arbeiten dürfen, obwohl sie wollen, ohne Zeichen der Liebe durch die Bevölkerung.

Vor wenigen Tagen besuchte ich mit einigen Mitarbeitenden aus Kirche und Diakonie die Bewohner einer Asylbewerberunterkunft hier in Oberfranken. Äthiopische Flüchtlinge luden uns zu einem Mittagessen ein. Weil sie als Christen den Advent noch als echte Fastenzeit halten in ihrer Heimat, essen sie auch hier kein Fleisch im Advent. Es gab Pikant gewürzte Linsengerichte, Gemüse und Salat - köstlich! Wir waren Gast bei  Fremden; mit echter Freude und Herzlichkeit wurde uns der Tisch gedeckt.

Ich dachte im Stillen: Vielleicht ist es ja sogar so, dass wir Deutsche von den Fremden unter uns wieder herzliche Gastfreundschaft lernen können.

Dass wir gastfreundlicher, menschenfreundlicher, barmherziger werden ist ein lebenslanger Weg, auf den Jesus selbst uns mitnimmt. Dieser Weg beginnt mit seiner Herbergssuche bei uns und mit unserem Gebet: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.“ Wenn Christus in unserem Herzen geboren ist und wohnt, dann verwandelt er diese Wohnung. Sie wird hell und warm und offen für andere. Sein Licht strahlt durch uns. Seine Barmherzigkeit erfüllt unser Herz und wird auch für andere erfahrbar.

Hanna Hümmer sprach vom Weihnachtsgeheimnis und zitierte das Bibelwort: „und die Seinen nahmen ihn nicht auf“. Dieses Bibelwort geht aber weiter: „Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht Gottes Kinder zu werden“. Das ist wirklich ein großes Geheimnis. Es hat Kraft, unser Leben und diese Welt zu verwandeln.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Christfest.

 

Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin