Ostergottesdienst 2018

Predigt der Regionalbischöfin Dr. Greiner zu Samuel 2,1-2.6-8a am Ostersonntag, 01.04.2018, in der Stadtkirche, Bayreuth

Teil I der Telemann-Kantate: Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein. Christ will unser Trost sein.

Liebe Gemeinde,
das Bibelwort für den heutigen Ostersonntag ist entstanden lange vor der Auferstehung Jesu. Es findet sich im Alten Testament, im ersten Samuelbuch, Kapitel 2:

Und Hanna betete und sprach:
Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn,
mein Horn ist erhöht in dem Herrn.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,
denn ich freue mich deines Heils.
Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner,
und ist kein Fels wie unser Gott ist.
Der Herr tötet und macht lebendig,
führt ins Totenreich und wieder herauf.
Der Herr macht arm und macht reich;
Er erniedrigt und erhöht.
Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setze unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse.

Frauenpower sieht man in dem neuen Film mit dem Titel Maria Magdalena, der in diesen Tagen in den Kinos läuft. Gar nicht schlecht. Er zeigt, wie Maria Magdalena sich durchsetzt, gegen ihre Bestimmung zu heiraten, gegen ihre Familie. Am meisten beeindruckte mich die Szene als sie Jesus begegnet. Was ersehnst Du, fragt er sie. „Ich weiß nicht“, sagt sie -  „Gott kennen“.
Sie schließt sich Jesus an und bleibt selbst dann bei ihm, als er stirbt am Kreuz. Wenige Tage später begegnet Jesus, der Auferstandene, ihr. Er lächelt sie anerkennend an und sagt zu ihr: „Du verlierst nicht den Mut.“
Unsere Evangeliumslesung vorhin endete mit Maria Magdalenas Angst, doch das Evangelium geht weiter. Sie wird zur ersten Auferstehungszeugin, zur Apostelin der Apostel.

Hier in unserem Bibelwort – lange vor Christus – spricht auch eine Frau. Auch sie folgt nicht den damaligen Sitten. Sie betet laut und hörbar im Tempel.
Sie preist Gott mit ungeheuer kraftvollen Worten.
Warum?
Vor unserem Bibelwort finden wir ihre Lebensgeschichte. Hanna ist kann keine Kinder bekommen und wird verspottet von der fruchtbaren Zweitfrau ihres Mannes. Als sie wieder weint, versucht ihr Mann sie zu trösten, indem er ihr deutlich macht, wie sehr er sie liebt. Er bittet sie glücklich zu sein mit ihm: Bin ich Dir nicht mehr wert als zehn Söhne, fragt er sie.
Hanna will mehr. Nach dem wohltuenden Gespräch mit ihrem Mann, heißt es: „Da stand Hanna auf“. Was tut sie? Sie geht zum Tempel und betet dort so lange und innig, dass der Hohepriester auf sie aufmerksam wird, denkt sie sei betrunken und anblafft: „Wie lange willst Du hier betrunken sein; spei´ Deinen Wein lieber aus, der dir zu schaffen macht.
Hanna widerspricht ihm und erzählt, dass sie gebetet hat um ein Kind. Wenn sie es bekommt, dann soll es ganz Gott gehören. Da sendet Eli sie: Geh hin in Frieden. Gott wird Dich erhören.
Im Jahr darauf geht sie nicht zum Tempel, denn sie stillt ihren Sohn Samuel. Als er entwöhnt ist, vermutlich mit drei oder vier Jahren, bringt sie ihn zum Tempel und weiht ihn Gott, damit Samuel Gott dient.
Dabei, beim Abgeben ihres Kindes, spricht sie dieses kraftvolle Gebet.
Grund ihres Gotteslobes ist also nicht, dass sie als Unfruchtbare ein Kind geboren hat. Der Grund ist, dass sie etwas beitragen kann zur Geschichte des Volkes Gottes, das in Gefahr ist. Sie schenkt Gott ihr Kind. Was sie noch nicht weiß: Samuel wird Priester und Prophet werden, David zum König salben und zugleich Davids größter Kritiker sein, wenn er seine Macht missbraucht und ungerecht handelt.
Auch seine Mutter Hanna preist Gottes Leben schaffende Gerechtigkeit: Gott tötet und macht lebendig, macht arm und reich, erniedrigt und erhöht. Diese Worte wären ganz und gar missverstanden, wenn man da einen Willkürgott herauslesen würde. Nein, Hanna preist Gottes ausgleichende Gerechtigkeit. Er schaut auf Arme, auf Sterbende, auf Erniedrigte. Das hat sie selbst erfahren, darum singt sie laut: Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn. Mein Scheitel hebt sich in Dir, so übersetzt Martin Buber den zweiten Satz. Hanna ist eine Frau, die durch die Freude an Gott  über sich hinaus wächst.
Diesen zwei starken Frauen will ich doch noch einen Mann hinzufügen. In wenigen Tagen am 4.April begehen wir seinen 50. Todestag: Martin Luther King.
Martin Luther King war Baptistenprediger – ausgerechnet in Montgomery, in der Stadt, in der die müde Rosa Parks sich im Jahr 1955 weigerte, als Schwarze ihren Sitzplatz im Bus für einen Weisen zu räumen. Sie wurde inhaftiert.
Es war Martin Luther King, der die Proteste anführte – mit Erfolg: Die Diskriminierung von Schwarzen in Bussen wurde für unrechtmäßig erklärt und aufgehoben. Ein kleiner Schritt in Richtung Gleichberechtigung.
Bekannt wurde Martin Luther King durch seine kraftvollen Worte, die er 1963 vor dem Kapitol in Washington sprach: I have a dream. Er hatte gar nicht vor, diese Sätze zu sagen. Sie standen nicht in seinem schriftlichen Redetext. Doch zweimal rief eine Frau  ihm zu: „Tell them about your dream“. Dann löste sich King von seinem Manuskript und begann aus seiner innersten Sehnsucht zu sprechen:

„Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihrer Überzeugung ausleben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: Alle Menschen sind gleich erschaffen.
Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.“

Hanna - woher hatte diese ganz normale Frau, solche Kraft zum Gebet und zur Hingabe ihres eigenen Kindes, solche Sehnsucht etwas beizutragen für Gott und sein Volk?
Maria Magdalena - woher hatte sie in einer Männerdomäne den Mut von Christus öffentlich zu reden, Apostelin der Apostel zu werden?
Martin Luther King – woher hatten er diese Freiheit vor 250.000 Menschen am Ort der Macht in Washington seinen Traum der Liebe und Menschengeschwisterlichkeit anderen zu schenken.
Jesus von Nazareth - woher hatte er die Sturheit und Leidensfähigkeit den Weg gewaltloser Liebe bis zum Kreuz zu gehen?
All das kam nirgendwo anders her als vom Vater im Himmel und aus der Einheit mit ihm. Natürlich sehen wir auf den ersten Blick Frauenpower bei Hanna und Maria Magdalena und bei King die Kraft zum Widerstand eines Schwarzen gegen die Unterdrückung der Weißen.
Aber wir ahnen, da ist mehr als nur menschliche Kraft. Da haben Menschen Gott Raum gegeben in ihrem Leben, zugelassen, dass er ihr Herz erfüllt. Da ist die Auferstehungskraft, die Widerstandskraft, die Liebeskraft am Werk, wie sie sich zeigt in Jesus Christus, der wie keine Frau und kein Mann zuvor mit dem Vater eins war. Darum sehen wir an ihm Gottes Kraft wie an keinem anderen Menschen. Darum preist ihn die Kantate und den Vater im Himmel.

Wir hören Teil II der Kantate:
Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen. Seit dass er erstanden ist, so loben wir den Vater Jesu Christ.

Von Hanna, Maria Magdalena, Martin Luther King in die Gegenwart. Vorgestern erreichte mich ein Osterwort der tansanischen Bischöfe. Bishop Dr. Frederick Shoo war am 30.10.2016 hier in der Stadtkirche und predigte. Ich hatte ihn eingeladen zum Reformations- und Partnerschaftsfest. Er ist inzwischen Leitender Bischof von Tansania. Vor Ostern rief er alle 22 tansanischen Bischöfe zusammen. Sie veröffentlichten ein Osterwort, in dem sie offen thematisieren, dass in letzter Zeit auf unerklärliche Weise ich zitiere: „Leute verschwunden und zu Tode gekommen sind, die der Regierung ein Dorn im Auge waren“. Ausdrücklich beruft sich dieses Bischofswort auf die Auferweckung Jesu Christi und das, was Gott will an Leben, an Gerechtigkeit und Frieden.
Es fordert eine neue Verfassung mit Mehrparteiensystem und Gewaltenteilung. Möglich, dass nun die Bischöfe und insbesondere Dr. Frederik Shoo der tansanischen Regierung auch ein Dorn im Auge sind.
Woher nehmen sie die Kraft und den Mut zur Wahrheit, zur Anklage der Regierung, zur Forderung demokratischer Entwicklung? Nirgendwo anders her als aus Gott und seiner Kraft zum Leben und zur Liebe, mit der er Christus auferweckte.
Liebe Gemeinde, das Halleluja, das wir an Ostern singen, preist Gottes Kraft. Übersetzt aus dem Hebräischen, der Sprache Hannas, heißt es: Lobt Gott. Seit Menschen Halleluja singen ist es oft ein trotziger Lobpreis, gegen all die Ungerechtigkeit, das Morden weltweit oder auch gegen den Egoismus und die Vereinsamung in unserem Land. Nein, es ist nicht alles gut, seit Jesu Auferweckung, aber wir Christen haben eine Ahnung davon, dass es eine Lebens- und Liebesmacht gibt, die stärker ist als all die Todesmächte dieser Welt. Darum Halleluja.

Wir hören das Halleluja der Kantate.

Wir werden die Worte der Kantate selbst singen am Ende des Gottesdienstes. Im Stehen, im Pro-test, im Bekenntnis, dass es eine stärkere Macht gibt in dieser Welt als die Todesmacht, als jede Unterdrückung, als alles, was Menschen hindert zu lieben und leben und frei zu sein zur Hingabe.
Unser Weg, liebe Gemeinde, ist der Weg Hannas, Maria Magdalenas, Martin Luther Kings, Frederick Shoos. Es ist Jesu Weg. Es ist der Weg, Gottes Kraft in uns Raum zu geben, uns ihr hinzugeben, damit inmitten dieser durch und durch maroden Welt, doch Gottes Liebe, sein Friede, seine Gerechtigkeit aufleuchtet.
Hanna war eine einfache Frau. Wie fing es an bei ihr? Hanna stand auf, ging zum Tempel und betete innig, wie besoffen. Betete gegen ihre eigene Bitterkeit an und öffnete sich Gott. Das hat sie verändert und ihr Leben. Nun betet sie wieder im Tempel: Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn.
Da ist viel mehr als Frauenpower. Es ist die Kraft Gottes, die vielleicht dann am wirksamsten in uns wird, wenn wir mutlos werden, gar keine Kraft mehr haben und uns endlich nach seiner Hilfe ausstrecken. Und wenn es ans Sterben geht. Denn Gottes Kraft bricht die Macht des vielgesichtigen Todes – auch unseres Todes. 
Der Herr macht lebendig, reich, erhöht die Niedrigen. Das wird in dieser maroden Welt doch immer wieder geschehen an Menschen und durch Menschen wie durch diese einfache Frau Hanna, und die anderen und durch mich und durch Dich.
Gott führt uns seinen Auferstehungsweg, unseren Weg zur Freude. Wie er beginnt? So wie unser Bibelwort: Und Hanna betete.

Amen.