Ordination von Simone und Veit Röger

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Jes. 50,4-9 am 25. März 2018 in der Johanneskirche zu Coburg

Liebe Gemeinde, vor allem liebes Ehepaar Röger,

ich lese Ihnen das Bibelwort vor, das heute an Palmsonntag Grundlage aller Predigten sein soll.
Es ist ein Wort, wie für eine Ordination ausgesucht. Jesaja 50, 4-9. Ob das Bibelwort Sie beide, liebe Julia und lieber Veit Röger meint?

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben,
dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.
Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet.
Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
Aber der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.

Seit Jesu Tod und Auferstehung haben die ersten Christen dieses Bibelwort zuallererst auf Jesus übertragen.
In unserem Bibelwort redet zwar ein Prophet, wir nennen ihn Deuterojesaja. Ungefähr 600 Jahre vor Jesu Tod und Auferstehung hat er gelebt. Doch es passt so vieles auf Jesu Leben, Leiden und Auferstehen: Die Müden trösten, schon früh am Morgen auf Gottes Stimme hören, sich schlagen lassen ohne zurückzuschlagen, festhalten an Gott. Ja, so hat Jesus gelebt.

Doch, haben wir alle hier im Kirchenschiff nicht zu Beginn gesungen: „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr.“ Jochen Klepper hat dieses Lied gedichtet. Er hat also das Bibelwort auf sich bezogen. Er verstand sich als Jünger, der auf Gottes Stimme hören will.
Indem wir dieses Lied gesungen haben, haben wir eingestimmt in diese Haltung: „Er will, dass ich mich füge. Ich gehe nicht zurück. Hab nur in ihm Genüge, in seinem Wort, mein Glück.“

Vielleicht waren wir beim Singen uns selbst voraus. Doch es ist gut, wenn wir diese Worte mitgesungen haben. Wir sind ja auf dem Weg - auch mit unserer Frömmigkeit. Frömmigkeit, Gottvertrauen, Heimat finden in der Gottesbeziehung, das ist ein Prozess, ein lebenslanger. Es ist wie ein lebenslanges Nachhausefinden.
Luther selbst wusste: „Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind's noch nicht, wir werden's aber.“

„Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr.“
Was hat Sie heute morgen geweckt: Bei vielen war es der Wecker, bei einzelnen ein Krampf in der Wade; manche waren schlicht ausgeschlafen und fühlten sich wach. Was auch immer Begleiterscheinung unseres Erwachens war – unser Bibelwort führt uns über Wecker und Wadenkrämpfe hinaus in eine andere Dimension unseres Lebens:
„Du Gott warst es, der mich heute geweckt hat.
Jetzt im Gottesdienst ist Raum, Dir dafür zu danken. Ich will auf Dich hören.“

Deuterojesaja, Jesus, Klepper, unser Gesang führen uns dahin, in der vertrauenden Gottesbeziehung zu Hause zu sein. Aus ihr wächst eine große Freiheit, eine große Kraft.

Wie schön, liebes Ehepaar Röger, dass dieses Bibelwort inniger Gottesbeziehung Ihr Ordinationswort ist. Und es passt auch sonst für Sie beide.
Nehmen wir die erste Aussage:
„Gott hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.“
Als wir beieinander saßen im Ordinationsgespräch in Bayreuth, da habe ich mich sehr gefreut, wie sprachfähig Sie beide sind, zusätzlich zu Ihren vielen anderen Gaben.
Manche reden und reden – und andere werden müde davon. Sie beide haben stattdessen die Gabe mit den Müden so zu reden, dass sie wach werden und Gott und seinen Trost hören.

Warum traue ich Ihnen zu, dass Sie wie Jünger reden? Weil Sie gelernt haben, wie Jünger zu hören.
Ich lese den nächsten Vers: Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet.
Schon in der Kindheit wurde Ihr Ohr geschult beim Hören auf Gott.
Sie, liebe Simone Röger engagierten sich kirchengemeindlich in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bei Kinderbibeltagen, Kindergottes-diensten und Jugendfreizeiten. Sie waren dabei nie nur Vermittelnde, sondern haben so viel gelernt von Jesus und dem Vater im Himmel.
Über unsere kirchliche Einrichtung Mission EineWelt verbrachte Sie ein Jahr im Rahmen eines Freiwilligenprogrammes in Malaysia und taten Dienst in einem Heim für Kinder mit körperlicher und geistiger Behinderung. Die Begegnung mit anderen Religionen und mit einer teils eng fundamentalistisch gelebten Frömmigkeit brachte Fragen mit sich im Blick auf ihren eigenen gelebten Glauben. Diese führten Sie geradezu in ein vertieftes Theologiestudium und Hören hinein.

Auch Sie, lieber Herr Röger, gingen von klein auf in den Kindergottesdienst in Ihrer Kirchengemeinde Niedernhall im Hohenlohischen. Schon mit 15 Jahren wurden Sie Teil des Kindergottesdienst-teams und engagierten sich vielfältig in kirchengemeindlicher und regionaler Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Sie waren ein tragender Mitarbeiter Ihrer Kirchengemeinde.
Direkt nach dem Abitur gingen Sie - ebenfalls über Mission EineWelt - nach Chile, um dort in San Pedro in einem Heim für sozial benachteiligte Kinder zu arbeiten. Dabei festigte sich Ihr Wunsch Theologie zu studieren. Eines Ihrer Studienjahre verbrachten Sie in Jerusalem.
Schulte das Jahr in Chile Ihr Ohr für elementare menschliche Bedürfnisse, so erweiterte das Jahr in Jerusalem Ihre Wahrnehmung der verschiedenen christlichen Konfessionen und Religionen.
Diese Auslandsaufenthalte haben Sie beide darin geprägt, Soziales Engagement unmittelbar aus dem Glauben wachsen zu lassen. Darum hat Sie das Profil dieser Stelle hier in der Johanneskirche – Soziale Stadt – gelockt. Gott hat Sie vorbereitet.
 
Wie gut, dass Sie beide neben Ihrem Studium in Neuendettelsau, Berlin und Tübingen  im Ausland „Er-Fahrungen“ gemacht haben. Sie haben Angst verloren vor Fremden und allzu Menschlichem. Jeder Mensch mit seinen Einschränkungen (!) ist von Gott geliebt; Sie haben gelernt, zu hören, was Gott Ihnen durch diese Menschen sagen will oder was Sie zu ihm von Gott sagen können.
Und nun sind wir an einem entscheidenden Punkt. Wir Pfarrer sind nicht nur dazu da, dass unsere Anwesenheit tröstet und ermutigt, sondern dass wir als auf Gott Hörende hinweisen auf ihn. Dann bleibt er mit seinem Wort bei den Menschen, auch wenn wir wieder gehen.
Reden und hören wie Jünger. Der Theologe Hermisson übersetzt: Reden und hören wie „Unterrichtete“, wie Menschen, die sich von Gott lebenslang unterrichten lassen. Es ist ein Weg ständigen Übens, dass unser Ohr sowohl zu Gott wie zu den Menschen hin offen ist.

Der dritte Teil unseres Bibelwortes ist nicht unmittelbar auf unser Leben übertragbar: Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Gott sei Dank haben die wenigsten von uns so etwas erfahren müssen im Leben.
Freilich gibt es viel zu viele Familien – auch im Gemeindegebiet – in denen Gewalt und Bedrohung üblich sind. In solchen Familien finden Frauen und Kinder kaum einen Weg, dass Rücken und Wangen den Schlägen entgehen.
Viele der Geflüchteten, die aus Krisen- und Kriegsgebieten kommen, haben es endlich geschafft, ihren Körper extremen Gefahren zu entziehen. Den Horror nehmen sie trotzdem in ihrer Seele mit.
Sie beide haben sich schon bisher in der Arbeit mit Geflüchteten engagiert. Manche Geschichte haben Sie da gehört, die Ihnen unter die Haut gegangen ist. Die Realität überholt manchmal unsere schlimmsten Fantasien.
Was meint da dieses Bibelwort? Will der Prophet, dass geschlagene Frauen und Kinder und verfolgte Menschen weiter diese Brutalitäten an sich geschehen lassen? Es klingt ja fast so – und ist doch der höchste Gegensatz.
Wie unser Prophet ruft auch Jesus dazu auf, dem, der dich auf die linke Wange schlägt, auch die andere darzubieten. Er selbst hat Schläge erhobenen Hauptes angenommen und wurde so der größte Überwinder von Gewalt.
Unsere Polizei, unser Staat, auch unser Militär haben die Aufgabe Gewalt einzudämmen und sei es – wenn es nicht anders geht – unter eigenem Einsatz von Gewalt, um die Zahl der Gewaltopfer insgesamt geringer zu halten. Wohl den Staaten, in denen staatliche Gewalt, wie bei uns, so begrenzt und begrenzend ist.
Doch der Prophet und Jesus zeigt einen weitergehenden Weg für Jünger Gottes. Es ist der entwaffnendste Weg. Viele gewalttätige Menschen rechnen mit Angst oder Gegengewalt als Reaktion. Die Haltung unsere Bibelwortes ist ihnen völlig fremd: „Ich weiche nicht zurück. Ich bot meine Wange dar.“
Es ist der Weg, Böses in der Kraft Gottes zu überwinden, Hass mit Liebe, Gewalt mit Vergebung. Letztendlich sind geschlagene Menschen erst wirklich frei von den Schlägen, wenn sie nicht mehr hassen, sondern vergeben haben.
Wenn Muslime Christen werden, dann ist das sehr häufig verbunden mit dem Bekenntnis: Solch eine alles überwindende Liebe haben wir erst bei Euch Christen kennen gelernt.
Unsere Welt braucht Gewalt begrenzende Gewalt. Wir bleiben Realisten. Und doch sind wir auch Glaubende, die wissen: Diese Welt braucht noch viel mehr diese entwaffnende Friedfertigkeit, in die wir Christen uns einüben, oft genug scheitern und lebenslang weiterüben.

Sie, liebes Ehepaar Röger, gehen diesen Übungs-Weg und nun haben Sie auch noch die Aufgabe, ihn zu lehren und andere auf diesen Weg mitzunehmen.
Unser Bibelwort endet mit der Zusage:  
Aber der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.
Wie hilft Ihnen der Herr? Die Antwort steht in unserem Bibelwort wie im gesungenen Lied: „Ich werde nicht zuschanden, wenn ich nur ihn vernehm“. Der Weg des Friedens und der Liebe wird zur blanken Überforderung, wenn er nicht entsteht im Gehen an der Hand Jesu. Manche Friedensaktivisten werden selbst zu harten, innerlich militanten Persönlichkeiten, weil sie nie gelernt haben, sich vor allem Handeln von Gott beschenken zu lassen und zuvor die Liebe Gottes zu genießen. Wie Ihr Kind Ihrer beider Liebe genießt.
Heute werden Sie gesegnet. Segen ist eine Geste der Liebe. Ich berühre Sie, doch eigentlich berührt Gott Sie und sagt zu Ihnen: Auf Deinem Weg des Jüngerseins bin ich mit Dir. Auf Deinem Weg andere zu Jüngern zu machen, helfe ich Dir.
Amen.