Kulmbacher Landfrauentag "Heimat und Zukunft"

Referat von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 18.03.2018

Liebe Landfrauen, liebe Gäste,
ich kann Sie nur beglückwünschen zu Ihrem Jahresthema „Heimat“. Es ist eines der wirklich aktuellen Gegenwartthemen. Ich freue mich sehr, erstens heute bei Ihnen zu sein und zweitens über dieses Thema zu Ihnen reden zu können.
Jede von Ihnen hat eine Heimat. Damit haben Sie vielen Menschen etwas voraus. So viele Menschen ziehen mehr als zehn, zwanzig Mal im Leben um. Sie haben gelernt immer da zu Hause zu sein, wo sie gerade leben; und wenn sich irgendwo heimatliche Gefühle einstellen, müssen sie meist schon wieder weiter.
Sie dagegen haben eine Heimat. Und Sie gestalten unsere Heimat. Heimat ist Kulturlandschaft mit Wegen, Häusern, Gärten, Feldern, bearbeitetem Wald. Und viele von Ihnen sind solche Gestalterinnen von Landschaft; nicht nur diejenigen, die auf dem Bulldog sitzen, pflügen oder Getreide ernten. Vielmehr sind viele von Ihnen allein schon über die Gartengestaltung Heimatpflegerinnen im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne die von Ihnen gepflanzten Blumen und Stauden würde unserer Heimat nicht nur das i-Tüpfelchen fehlen, sondern viel vom Reiz unserer Dörfer. Doch wir werden uns noch weiteren Weisen zuwenden, in denen Sie unsere Heimat pflegen.

Heimat ist kein abstraktes Thema. Heimat geht durch unsere Hände, wird durch uns gestaltet und verändert. Heimat ist etwas Lebendiges - so lebendig, dass man gar nicht so leicht definieren kann, was Heimat ist. Wir fühlen sie eher.
Ich werde in diesem Vortrag Heimat nicht definieren, sondern versuchen, von unserer Heimat so zu reden, dass viele Erinnerungen über das, was Heimat für Sie ausmacht, hinterher in Ihnen lebendig vor Augen stehen. Denn solche Erinnerungen sind wichtig, um Heimat auch in Zukunft zu gestalten.

Ein erster Zugang zum Thema

1.    Heimat – ein Gefühl
Eine meiner stärksten Erinnerungen an Heimatgefühl ist verbunden mit einer Erfahrung 4000 km entfernt von hier. Wir fuhren damals von Jerusalem nach Süden zum Roten Meer und von dort weiter zur Ausgrabungsstätte nach Petra in Jordanien. Es war für mich der erste Aufenthalt in einem muslimisch geprägten Land. Alles hoch interessant, vieles neu und manches zugleich ambivalent. Ich war fasziniert von der Felsenstadt Petra, genoss arabisches Essen, hörte den Muezzin singen, spürte an allen Ecken und Enden, dass ich als Frau in dieser Gesellschaft viel weniger geachtet bin als Männer. Trotz allem, was mich interessierte, fühlte ich mich seltsam fremd.
Bisher unbekannte Gefühle stiegen in mir auf und ich dachte: „Was, wenn mir hier etwas zustößt?“ Hier, in diesem Land mit dieser Kultur, die mich weder als Christin noch als Frau gleichwertig anerkennt, möchte ich nicht der Hilfe bedürftig werden und auch nicht begraben sein.
Nie vergesse ich das Gefühl, als ich nach Tagen wieder in Jerusalem war und dort zum ersten Mal wieder die Glocken hörte. 4000 km von hier entfernt, hörte ich Heimatliches. Wie sehr Glocken für mich zur Heimat gehören und was sie für mich symbolisieren, merkte ich fern der Heimat wie nie zuvor.
Sie erklingen bei so vielem, das mir in meinem Leben wichtig ist. Sie rufen täglich drei Mal zum Gebet und sonntäglich zum Gottesdienst; sie läuten den Sonntag ein, das Weihnachtsfest und das Neue Jahr; sie verstärken unser Gebet beim Vater unser; sie erklingen zu Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Beerdigung – eben, wenn wir in Höhen und Tiefen unseres Lebens Gottes Segen erbitten.
4000 km von hier fühlte ich so etwas wie „Heimkommen“ nur durch diesen Klang. Heimat ist mehr als die Landschaft, die wir kennen und lieben. Heimat ist ein Gefühl. Heimat ist auch in uns. Heimat ist in Ihnen; und wenn Sie über Heimat sprechen, zeigen Sie immer etwas von sich selbst. Schon mit dieser ersten Geschichte habe ich etwas von mir gezeigt. Heimat ist ein emotionales Thema. Und doch können wir dieses Thema auch von verschiedenen Blickwinkeln beleuchten; jeder dieser weiteren Zugänge wird auch unsere Gefühle berühren.

Ich gehe gleich zum schwierigsten der Zugänge, zum politischen.

2.    Heimat – ein Politikum
Als vor Monaten „Heimat“ zum Jahresthema 2018 der Landfrauentage erwählt wurde, war die politische Brisanz des Themas schon da. Diese Brisanz hat aber in den letzten Monaten noch zugenommen.
Ein Pfarrer schrieb mich direkt nach der letzten Bundestagswahl an. In seiner Gemeinde leben viele so genannte „Russlanddeutsche“ und gerade von ihnen hatten überproportional viele AfD gewählt. „Wir haben versagt in der Integration dieser Menschen“, schrieb er mir und machte sich als Pfarrer Vorwürfe.
Das ist ein interessantes Phänomen, dass ein relativ hoher Prozentsatz von denen, die sich in den letzten Jahrzehnten hier integriert haben, nun diese rechtspopulistische Partei wählen. Viele haben offenbar Angst, das, was sie sich in den letzten Jahren hier aufgebaut haben, könnte ihnen wieder genommen werden durch die Geflüchteten. Sie wollen nicht schon wieder eine Veränderung ihrer neuen, lieb gewonnenen Heimat.
Die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ zeigt bewusst blühende Wiesen und Berge in ihren Werbevideos und unterstellt: all das sei bedroht durch die Geflüchteten.
Es waren Slogans wie „Unser Land, unsere Heimat“ und „Hol dir dein Land zurück“, mit der die AfD aus dem Stand 12,6 % gewannen. Sie spielten mit der Sehnsucht nach Heimat und weckten bewusst Verlustängste nach dem Motto: Die Flüchtlinge haben ihre Heimat verlassen und rauben uns nun unsere.

Wir dürfen das Thema Heimat nicht den Rechtspopulisten oder gar den Rechtsextremen überlassen. Es war höchste Zeit, dass Heimat als Thema von verschiedenen Parteien aufgegriffen wird.
Gott sei Dank geschieht das. Drei Beispiele:
Präsident Frank Walter Steinmeier, SPD, hat am Tag der Deutschen Einheit 2017 „Heimat“ zu seinem Hauptthema gemacht. Ich zitiere seine Worte, denen ich zustimme:
„Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. …
Diese Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein "Wir gegen Die"; als Blödsinn von Blut und Boden; die eine heile deutsche Vergangenheit beschwören, die es so nie gegeben hat. Die Sehnsucht nach Heimat – nach Sicherheit, nach Entschleunigung, nach Zusammenhalt und vor allen Dingen Anerkennung –, diese Sehnsucht dürfen wir nicht den Nationalisten überlassen.
Ich glaube, Heimat weist in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst schaffen. Heimat ist der Ort, an dem das "Wir" Bedeutung bekommt.“
Das zweite Beispiel: Eine große deutsche Zeitung veröffentlichte Anfang des Jahres eine ganze Serie zum Thema: „Was ist Heimat“. Sie erzählt dabei auch von Sepp Dürr, einem grünen Bio-Bauern, der mit seiner Heimatliebe lange ein Exot in seiner Partei war. Denn für viele andere in seiner Partei hatte der Begriff Heimat den unheilbaren Aussatz nationalistischen Missbrauchs im Dritten Reich. Doch Sepp und vielen in seiner Partei ist inzwischen klar, dass der damalige Missbrauch uns den guten Gebrauch des Wortes Heimat auf Dauer nicht nehmen darf.
Das dritte Beispiel: Das CSU-regierte Bayern richtete im Jahr 2013 unter allen Bundesländern das erste Heimatministerium ein. Letztes Jahr folgte Nordrhein-Westfalen mit einem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung. Nun haben wir sogar auf Bundesebene eines – verbunden mit dem Innenministerium.
Im Koalitionsvertrag findet sich die schöne Überschrift: „Heimat mit Zukunft“.  Diese Überschrift habe ich bewusst aufgegriffen und auch über meinen Vortrag gesetzt, weil diese Formulierung so gut aufnimmt, dass wir unsere Heimat nur bewahren, wenn wir sie in die Zukunft führen und gestalten – auch mit politischer Kraft. Dazu gehören auch der Breitbandausbau des Internets, die Ausstattung mit Ärzten und Pflegekräften auf dem Land und die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Nur so bleibt unsere Heimat attraktiv für alle Generationen.
Wir erhalten nur am Leben, was wir weiterentwickeln. Unsere Heimat wird lebendig bleiben, wenn wir sie als Gestaltungsaufgabe annehmen über alle Parteigrenzen hinweg.

Steinmeiers Rede, Sepp Dürrs Liebe zur Heimat als Grüner, eine Bundesregierung erstmalig mit Heimatministerium als Teil des Innenministeriums – all das macht deutlich, dass das Thema Heimat ein echtes Politikum geworden ist mit hoher Brisanz.
Alle Parteien müssen sich bemühen unsere Heimat liebenswert zu erhalten, zu gestalten und in die Zukunft zu führen. Doch Menschen, die wie vor 85 Jahren den Begriff Heimat in diesem Land „national“ aufladen und gegen bestimmte Menschen wenden, sind Brunnenvergifter, die die Schuld für das untrinkbar werdende Wasser anderen in die Schuhe schieben. Wer Heimat national aufbläst, wird den Begriff wieder zum Platzen bringen wie schon einmal – und Heimat zerstören!
Gerade darum sollten wir uns dieses Thema nicht nehmen lassen. Es ist uns zu viel wert. Heimat ist nicht national, Heimat ist regional.

3.    Heimat – eine Region
Welche Bilder tauchen in Ihnen auf, wenn Sie an Heimat denken?
Ich bin viel unterwegs. Wenn ich in den Dienstwagen einsteige, dann klappe ich meinen Laptop auf und fange an zu arbeiten. Wenn wir aber von Haag herkommend nach Bayreuth fahren, dann höre ich auf, in meine Mails zu schauen, damit ich einen Blick nicht versäume: Den Blick auf die alte Wallfahrtskirche St. Marien zu Gesees wie sie über dem Hummelgau thront. Die gotische Kirche, die in der Markgrafenzeit barock umgestaltet wurde, liegt mit ihren wehrhaften Mauern auf einem Bergsporn unterhalb des Sophienbergs. Die Augen sehen die Kirche und zugleich das Bayreuther Land bis hin zum Fichtelgebirge. Das ist solch ein schöner Blick, dass ich mich nie an ihm sattsehen kann. Er fängt mein Gefühl ein von der Schönheit oberfränkischer Landschaft, in der ich zu Hause bin. Und so gibt es noch einige Blicke, die ich mir gönne und in mir trage.
Ganz bestimmt haben Sie auch solche inneren Bilder, die für Sie der Inbegriff ihrer Heimat sind.

Es gibt viele Menschen, die nicht mehr in die Kirche gehen und doch gehört für sie die Kirche zum Bild ihrer Heimat. Selbst in Regionen Deutschlands, in denen weniger als 20% Mitglied einer Kirche sind, gelingt es doch die Kirchen in den Dörfern zu erhalten – auch mit den finanziellen Mitteln, die aus der Kirche ausgetretene Bürger geben.
Unsere Kirchen sind als Landmarke oft schon von weitem zu sehen und geben Orientierung. Sie prägen das Ortsbild der Dörfer und Kleinstädte. Ohne sie würde dem Ortskern oft seine Mitte fehlen. Unsere Kirchen sind die geistlich-geistigen Kraftorte  unserer Heimat.
Sie sind noch dazu in unserer Region von besonderer Schönheit. Viel zu lange blieb die Schönheit gerade der evangelischen Kirchen unbeachtet. Denn viele evangelische Gemeinden haben bisher die Kirchen verschlossen gehalten, vielleicht aus Sorge um sie. Doch schon Jesus protestierte: „Mein Haus soll ein Haus des Gebets sein“. Ein Kirchgebäude wird den Menschen noch viel mehr zur Heimat werden, wenn sie es auch im Alltag hin und wieder zum Gebet aufsuchen können.

Gegenwärtig sensibilisieren Pfarrer Peetz und ich und andere Begeisterte die Bevölkerung dafür, welchen Schatz wir insbesondere mit den Markgrafenkirchen in unserer Region haben.
An diesen Kirchen, die unsere oberfränkische Heimat so sehr prägen, kann man übrigens lernen, dass attraktive Heimat nicht dadurch zu Stande kommt, dass man sie gegenüber Ausländern abdichtet. Heimat gewinnt an Karat, wenn es gelingt Fremdes zu integrieren:
Einige Beispiele: In der Schlosskirche von Aufseß in der Fränkischen Schweiz, in der Kirche St. Walburga in Benk nahe Bayreuth und in der St. Johannes-Kirche in Trebgast können wir im Deckenstuck die lebendigen und ausdrucksvollen Gesichter von Engeln bewundern. Geschaffen hat sie Jeronimo Francesco Andreioli, ein Italiener. Als Gastarbeiter kam er, wie viele seiner Kollegen, aus dem Gebiet um Lugano am Genfer See (heute Schweiz) nach Deutschland, um hier sein Geld zu verdienen und die Familie zu ernähren, die in der Heimat geblieben war. Beim Heimaturlaub im Winter, wenn die Baustellen ruhten, konnte daheim das Kind getauft werden, das seit dem letzten Jahr geboren war.
Hauptsächlich nämlich, waren in unseren Markgrafenkirchen die Künstler tätig, die am Hof der Markgrafen beschäftigt waren. Sie gestalteten die Schlösser in der Eremitage, das Neue Schloss in Bayreuth oder Sanspareil bei Wonsees aus. Sie waren Spitzenkräfte von europäischem Format. Ihre Hinterlassenschaften bilden heute die kulturellen und touristischen Attraktionen unserer Region. Wie Andreioli kam auch Giovanni Battista Pedrozzi aus der Gegend um Lugano. Er war katholisch. Von ihm stammen die beeindruckenden Blumen- und Früchtedekorationen z.B. in der Dreifaltigkeitskirche in Neudrossenfeld (Landkreis Kulmbach). Bunte Blumen, pralle Früchte, Ranken von Blüten und Blättern, die Fülle der Natur holt Pedrozzi in die Kirchen und Schlösser hinein, eine Erinnerung an den Paradiesgarten an der Kirchendecke.
Auch Katholiken und Ausländern haben wir Evangelischen die Schönheit unserer Kirchen zu verdanken. Wie stolz sind wir heute, sie in unserer Heimat zu haben.
Heimat ist formbar. Sie wird gerade dann attraktiv und lebendig bleiben, wenn sie die Kraft hat, auch Fremdes zu integrieren.

Ein letzter Gedanke zu Heimat und Region:
 „Wo du weg willst, wenn du älter wirst und zurück willst, wenn du alt bist, das ist Heimat“, sagt ein altes, deutsches Sprichwort. Stimmt. Heimat ist weniger das, wo wir herkommen, sondern das, wo wir immer wieder hinwollen, wo wir sein wollen, wo wir zur Ruhe kommen und Frieden empfinden; einschließlich der letzten Ruhestätte.

Fast jeden Sontag komme ich in eine andere Kirchengemeinde. Manchmal ist noch ein wenig Zeit vor dem Gottesdienst. Wenn dann ein Friedhof direkt bei der Kirche liegt, gehe ich hinein. Immer sehe ich dort Menschen, die an einem Grab stehen, zwischen ihnen umhergehen oder an einem Grab Blümchen zurechtzupfen. Meist freue ich mich sehr für diese Menschen. Denn die meisten unserer Friedhöfe sind wirklich schön. Und wenn ich das dann denen sage, die auf ihrem Friedhof stehen, dann kommt oft ein ganz tiefes: „Ja, gell“. Wenn man weiß, wo man begraben sein wird und den Ort schön findet, den man ja dann eh von oben sehen wird, ist für die Ruhe im Leben schon viel gewonnen.

Und doch ist Heimat noch mehr als nur ein geliebter Ort und Region. Jede Heimat wäre unvollständig, ohne Menschen, mit denen wir gewohnt sind, zusammen zu sein. Zu jeder Region gehört auch ein eigener Menschenschlag.

4.    Heimat – die Menschen
Nach drei Jahren kommt ein Schotte in seine Heimat zurück. Am Flughafen sucht er erfolglos nach seinen Brüdern, bis ihn zwei Bärtige ansprechen: „Erkennst du uns nicht?" „Warum habt ihr denn so lange Bärte?" „Du hast doch damals den Rasierer mitgenommen."
Heimat ist nicht nur die Landschaft, sondern auch der Menschenschlag in ihr. Wenn ich einen Kirchenvorstand besuche, weil ein Pfarrerwechsel ansteht, dann brauche ich für das Ansprechen bestimmter Themen im Frankenwald nur halb so lang wie im unterfränkischen Teil des Kirchenkreises. Die Menschen sind anders.
Es hat gebraucht, bis ich meinen oberfränkischen Mann verstand, wenn er schwieg und seine wenigen Worte nicht als muffelig empfand. Heute strengt mich das eher an, wenn ich mit Menschengruppen zusammen bin, die unentwegt reden oder auch durcheinander reden. Ich bin eben längst an Oberfranken gewöhnt und mag die Menschen und wie sie reden und schweigen.
Natürlich gibt es in Oberfranken so viel verschiedene Charaktere wie es Menschen sind, und jederzeit lässt sich mit konkreten Menschen das Gegenteil beweisen zu dem, was ich sage. Oberfranken sind, obwohl sie sparsam sind, keine Schotten. Die Sparsamkeit hört spätestens auf bei Wurst und Bier und Brot. Das genießen sie gerne – und ihre Landschaft. Doch sie prahlen nie damit. Das Gute, das sie haben und gestalten, auch zu benennen, fällt ihnen nicht leicht; sie empfinden es eher. Wenn andere aber das Gute loben, dann leuchten ihre Augen.
Viele sagen, Oberfranken seien verschlossen. Das empfinde ich nicht mehr so. Denn ich komme nicht mehr von außen. Sie sind abwartend, nüchtern, sie sagen ihr Zeug ohne viel Worte; die aber sind ehrlich und direkt; sie sind sehr empfänglich für echte Zuwendung und freuen sich darüber. Wenn man ihr Herz gewonnen hat, bleiben sie treu.
Vielleicht beschönige ich. Aber ich empfinde es nicht beschönigend, weil ich bei einem Oberfranken daheim bin und ihn liebe.

Zum Menschenschlag gehört natürlich auch der Dialekt. Oberfranken sind schon eher herb, aber ihre Sprache nicht. Da wird alles weich, insbesondere das harte b und t. Im Dialekt ist Heimat zu hören. Vielleicht kennen Sie den kleinen Ort Ahornis bei Münchberg. Jeder dort, nennt ihn aber Morles. Das klingt fast zärtlich.
Wenn jemand zu Baggers Reibekuchen oder Kartoffelpuffer sagt, dann ist der nicht von hier. Mein Vater war Berliner, meine Mutter Württembergerin, ich bin in Frankfurt geboren und habe einen Oberfranken geheiratet. Da wächst kein Dialekt. Freilich, wenn ich in Norddeutschland bin, dann ortet mich jeder als aus Bayern kommend, wenn ich den Mund aufmache. Ich präzisiere dann freundlich und sage „aus Franken“.
Doch das Schwäbisch meiner Mutter ist schon auch noch in mir. Heute noch sage ich: Kutterschaufel und Kehrwisch zu Schaufel und Besen. Auf Wiedersehen sage ich nie, sondern Ade. Wie schön, dass das Schwaben und Franken gemeinsam haben. Auch in Norddeutschland grüße ich mit „Grüß Gott“. Ich lasse es mir nicht nehmen, die Menschen zu segnen. Ade kommt von Adieu – Gott befohlen; und Grüß Gott meint: Grüß Dich Gott; er möge Dich segnen. Unsere süddeutschen Grüße waren immer Segen. Menschen auf dem Land grüßen, und sollten es sich nie nehmen lassen, sondern auch die Neubürger ins Grüßen hineinnehmen. Grüßen gehört zur Heimat.

Damit sind wir eigentlich schon einen Schritt weitergegangen, zu dem, wie Menschen ihr Miteinander gestalten in ihrer Kultur des Miteinanders.

5.    Heimat – eine Kultur
Unser Leben ist viel mehr von mitteleuropäischer, christlicher Kultur geprägt, als wir es im normalen Lebensvollzug wahrnehmen. Das spüren wir erst, wenn wir Menschen anderer Kultur begegnen.  Als ich in Tansania war, lernte ich sehr schnell, die Menschen wie dort üblich zu begrüßen:
Man reicht die rechte Hand und umfasst mit der linken Hand den eigenen rechten Arm. Das bedeutet:
Ich verberge mit der linken Hand nichts hinter meinem Rücken, schon gar keine Waffe. Ich komme ehrlich und in Frieden.
Als ich dann hier einen Geflüchteten aus Afrika begrüßte, merkte ich, dass er mit der linken Hand seinen rechten Arm umfasste und tat es ihm gleich. Welche Freude für ihn auf fremdem Boden, diesen Gruß zu empfangen: Ich komme im Frieden.
Natürlich wird er lernen, dass wir hier bei uns das normalerweise nicht machen. Es ist auch nur ein kleines Beispiel, wie sehr Grüßen, Essen, das Verhältnis der Geschlechter, unsere Feste und unsere Lebensrhythmen von unserer Kultur bestimmt sind.
Darum ist der sechste Zugang eigentlich ein Unterpunkt zu Heimat und Kultur. Doch weil er so bedeutsam ist, nenne ich ihn extra:

6.    Heimat – unsere Bräuche
Mehr als in der Stadt, sind die Menschen auf dem Land stark in der Pflege einer Kultur des Miteinanders und des Feierns. Manches Kulturgut vergeht leider auch. Manches aber wird gegenwärtig wieder entdeckt und sehr bewusst gepflegt. Ich ermutige ausdrücklich dazu.
Ich greife zwei Beispiele heraus:
1.    Bei Hochzeiten wird an manchen Orten die Braut aus ihrem bisherigen Dorf „hinausgeleuchtet“ und ins neue „hineingeleuchtet“. Die Männer des Dorfes begleiten sie in schwarzem Anzug mit Zylinder auf einem festlich geschmückten Wagen bis an die Grenze der Gemarkung. Freilich fehlt es nicht an neckischen Sprüchen auf dem Wagen, und an Bier und Schnaps. Am neuen Wohnort wird das Paar nach dem Gottesdienst auf die gleiche Weise an der Feldgrenze empfangen und mit Böllerschüssen ins Dorf geleitet. Bevor der Bräutigam die Braut über die Schwelle des Hauses in die „neue Heimat“ tragen darf, müssen die beiden Aufgaben lösen. Mit einer stumpfen Säge z.B. einen Baumstamm durchsägen, und so beweisen, dass sie gut zusammenarbeiten können. Der Brauch zeigt: es ist nicht leicht, das Vaterhaus zu verlassen und in eine neue Familie einzuheiraten. Aber wenn man so aufgenommen und begleitet wird, dann geht`s besser.
2.    Das zweite Beispiel: In den Dörfern mit einer Tanzlinde wie Limmersdorf oder Langenstadt, bildet der Lindentanz einen Höhepunkt des Dorflebens. In Mangersreuth, einem Stadtteil von Kulmbach, war der Brauch des Lindentanzes vor einigen Jahren erstorben. Da ergriff Sabine Gräf, eine Bäuerin aus Wickenreuth und Mitglied des Kirchenvorstands die Initiative. Zusammen mit dem kirchengemeindlichen Kindergarten belebte sie den alten Brauch wieder. Die Blaskapelle führt den Zug durch das ehemalige Dorf und spielt zum Tanz auf. Die Kinder, auch größere, in ihren Trachten ziehen zur Linde auf dem Platz vor Kirche und Pfarrhaus. Den begeisterten Angehörigen, Nachbarn und Gästen zeigen sie ihren fränkischen Bogentanz. Und hinterher laden Biertische und –bänke zur Geselligkeit ein. Ein Stück wiedergewonnener Heimat und zugleich neue Beheimatung für Kinder und ihre Eltern, die sicherlich nicht alle in Mangersreuth aufgewachsen sind. So geschieht Integration und Beheimatung auch von Neubürgern. Unsere Bräuche sind schön und stark und stärken die Gemeinschaft.
Weitere Beispiele wie das „Kanzfeuer“ am Johannistag könnte ich nennen. Oder das Flechten und Aufhängen von Erntekronen und das Schmücken der Altäre für den Erntedankgottesdienst. Bei all den genannten Bräuchen verbindet sich kirchlich-christliches Feiern mit dörflichen Traditionen. Wir erhalten auch unser christliches Gedankengut viel eher wach, wenn wir die damit verknüpften Bräuche pflegen.
Gut, wenn Menschen da sind, die alte, gute Bräuche bewusst pflegen und auch die Neubürger mit hineinnehmen. Nicht alle Zugezogenen lassen sich gerne von solchen Bräuche anstecken, manche aber sind sehr offen, ja fast sehnsüchtig. Denn diese Bräuche geben ja dem Feiern und dem Miteinandersein eine schöne, feste Gestalt und vermitteln Heimat.

Eine ganz eigene Form kultureller, schöner Gestalt sind unsere christlichen Bräuche in den Familien. Wie begehen Sie zu Hause Heilig Abend?
Wir Greiners gingen als Familie in den Familiengottesdienst, den wir natürlich als Pfarrer selbst zu halten hatten. Wieder zu Hause, kochten wir schwäbisch Linsen und Spätzle und Wienerle, weil Linsen ein Arme-Leute-Essen ist und Maria und Josef arme Leute waren und Jesus nun einmal nicht in einem Palast, sondern in einem Stall geboren wurde.
Das ist üblich bei vielen auf dem Land, dass an Heilig Abend ein einfaches Essen zubereitet wird. Oft sind es Wienerle und Kartoffelsalat oder Bratwürste mit Brot und Kraut. Dass der Heilige Abend noch der Abend vor dem Fest ist – noch vor der Geburt, die in armen Verhältnissen stattfindet – dieses Gefühl geht den Menschen verloren, die diese gute, alte Tradition über den Haufen werfen und nun schon an Heilig Abend ein Festessen veranstalten. Das gehört erst zum ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag und danach gibt‘s Reste.

Bleiben wir ruhig kurz beim Weihnachtsfest und der Adventszeit, gerade weil in ihr so viel christliche Kultur und Beheimatung auch im Glauben lebt und nicht vergehen sollte. Wir Evangelische haben von den Katholiken das Krippenaufstellen übernommen und die Katholiken von uns Evangelischen den Weihnachtsbaum. Der darf übrigens – wenn er es aushält – stehen bis Lichtmess, denn bis dahin geht der Weihnachtsfestkreis. In keinem Fall sollte er schon vor Heilig Drei König unser Haus verlassen. Maria Lichtmess bei Tag z´Nacht ess – bis endlich die Sonne wieder stärker wird, so lange denken wir besonders intensiv an Christus, das Licht der Welt, das jedes Dunkel in unserem Leben erhellen kann.
Bis Lichtmess hängt bei uns auch der Herrnhuter Stern. Lassen wir uns vom Handel nicht unsere festen Zeiten nehmen: Weihnachtsgebäck schon im Herbst. Faschingsdekoration schon ab Neujahr. Auch feste Zeiten bieten Halt und Heimat. 

Habt Mut, die Formen des Feierns weiterzugeben an andere, die sie nicht kennen. Das können Neuzugezogene und auch Geflüchtete sein. In aller Regel freuen sich die Menschen, die Halt und Heimat suchen, sehr darüber.
Viele von Ihnen wissen, dass wir in Bayreuth in der Stadtkirche „Internationale Gottesdienste“ feiern. Ich habe sie zusammen mit einem großen Team begonnen. Denn es brauchte Gottesdienste, in denen Geflüchtete in unseren Kirchen ihre eigene Sprache, und somit heimatliche Klänge hören; so fühlen sie, dass sie willkommen sind, gerade bei uns Christen.
Es kamen zu diesen Gottesdiensten erstaunlich viele Muslime. Nach einigen Monaten baten sie um die Taufe. Ich sagte ihnen, dass erst 12 Doppelstunden Taufunterricht sein müssen. Sie ließen sich nicht abhalten. Es kamen immer mehr, die die Inhalte des christlichen Glaubens kennenlernen wollten. Inzwischen sind über 140 Personen getauft. Viele kommen weiterhin zu Kursen, um noch mehr zu erfahren und um selbst das Evangelium weitergeben zu können.
Als es nun letztes Jahr auf den Advent zuging, dachte ich bei mir: Wir haben so schöne Bräuche, uns auf das Kommen Jesu vorzubereiten. Ich möchte, dass unsere jungen Christen, sie kennenlernen.
Und so kaufte ich zusammen mit meiner Sekretärin 25 grüne Adventskränze, rote Bänder und Kerzen und Zierrat. 40 Geflüchtete kamen und schmückten mit mir ihre Kränze. Sie erfuhren dabei die Geschichte, seit wann und warum wir Adventskänze haben und sie erfuhren etwas über den Sinn des Advents.
Ich erzähle dies, weil Sie, liebe Landfrauen in unserer Region diejenigen sind, die oft die meiste Kenntnis von christlichen Bräuchen haben. Die Bräuche sind wertvoll und Ihr Wissen ist kostbar, Ihr Gefühl, Ihre Fertigkeit diese Bräuche weiterzugeben, mitsamt dem Glaubenssinn.
Denn auch der Glaube selbst bietet Heimat.

7.    Heimat – der Glaube
Heimatverlust steht am Anfang der Menschheitsgeschichte. Die Bibel beginnt damit, dass Gott den Menschen in ein Paradies setzt. Wegen seines Ungehorsams gegenüber Gottes Gebot wird er daraus vertrieben. Ob in uns Menschen etwas weiterlebt von jener Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies?
Auch die Geschichte des Gottesvolkes beginnt mit der Aufgabe von Heimat. Gott sprach zu Abraham: „Geh aus Deiner Heimatstadt in ein Land, das ich Dir zeigen will. Ich will mit Dir sein und Dich segnen, die Dich segnen.“
Abraham geht, und hat doch in Gott ein bleibendes Zuhause. Überall kann er mit Gott reden und redet Gott mit ihm.
Abraham ist für uns darum zum Vater des Glaubens geworden. Auch Paulus hat Abraham darin als Vorbild vor Augen gemalt.

Und Paulus hat zugleich den Blick dafür geöffnet, dass wir Zeit unseres Lebens – egal ob wir sesshaft sind, Vertriebene oder Neubürger – eine Heimat haben, die uns niemand nehmen kann. Unsere eigentliche Heimat ist im Himmel.
Es berührt mich darum jedes Mal, wenn ich eine Traueranzeige lese und darin steht – unser lieber Vater oder unsere liebe Mutter ist heimgegangen.
In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen hat Jesus seinen Jüngern gesagt und ihnen so die Angst vor dem Tod genommen. Dieses Bild von der himmlischen Heimat ist der stärkste Vernichter von Angst vor dem Tod, den ich kenne.

„Wohin gehen wir? Immer nach Hause“, sagt Novalis, einer der großen deutschen Dichter. Ähnlich der Augenarzt und Schriftsteller Heinrich Jung-Stilling: „Die beiden schönsten Dinge sind die Heimat, aus der wir stammen, und die Heimat, nach der wir wandern.“ Unser Glaube an unsere Heimat im Himmel macht uns unsere Heimat auf der Erde nicht madig.
Im Gegenteil, haben wir doch einen Vater im Himmel, der uns so viel Gutes und Schönes auf der Erde gönnt. Er nimmt uns nicht unsere irdische Heimat, sondern er ist es, der sie uns schenkt und der uns die Kraft gibt, sie liebenswert zu gestalten.

Viele unserer Bräuche, unsere Feste sind gerade darin so rührend, dass sie die irdische Heimat mit der himmlischen verbinden. Da ist noch vieles heil in unseren Dörfern, wenn die Vereine ihre Jubiläen mit einem Gottesdienst begehen und im Festzelt „Nun danket alle Gott“ und „Großer Gott wir loben Dich“ erklingt.

Ich glaube, dass das größte Problem eines rechtsextremen Heimatverständnisses noch nicht einmal in seiner nationalen Überhöhung liegt, sondern darin, dass es die menschliche Heimat so überhöht als sei sie die eigentliche. Das ist sie aber nicht. Und gerade dieses Wissen, dass unsere Heimat im Himmel ist, macht uns viel freier und fröhlicher unsere Heimat hier auf dieser Erde zu gestalten, so wie Gott es will.
Unsere Heimat ist eben mehr als eine Region, sie ist mehr als eine Kultur, mehr als die Menschen um uns. Sie ist eben auch ein Gefühl für den Himmel auf Erden und den Himmel der uns erwartet. Und in diesem Himmel zählt nur eines: Die Liebe, die wir auf der Erde empfangen und geschenkt haben.
Wie schön, wenn in unserer irdischen Heimat etwas durchleuchtet von der himmlischen Heimat, von der Liebe Gottes. Dann ist unsere Heimat wirklich ein bisschen Paradies auf Erden. Heimat mit Zukunft, das ist gerade eine Heimat, die auch mit der Heimat im Himmel rechnet und aus der Kraft dieser Hoffnung die Gegenwart gestaltet.
Heimat ein Gefühl – auch für den Himmel.

Heimat ein Gefühl, ein Politikum, eine Region, eine Gemeinschaft von Menschen, eine Kultur, ein Glaube, in dem wir zu Hause sind. Liebe Landfrauen, Sie sind unverzichtbar wichtig als unsere eigentlichen Heimatpflegerinnen. Gerade durch Sie, Ihre Gestaltungskraft, Ihren Glauben, Ihr Gefühl, das Sie einbringen, hat unsere Heimat Zukunft.