Konzert zum Reformationsgedenken

Rede der Regionalbischöfin zur h-Moll-Messe am 22.04.2018, 17:00 Uhr im Bamberger Dom

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Zuallererst bezeuge ich Ihnen, lieber Herr Domkapellmeister Pees, den Mitwirkenden in Schola und Barockorchester sowie den Solisten und Solistinnen meinen hohen Respekt. Der Bachexperte Walter Blankenburg stellt in seinem Büchlein über die h-Moll-Messe dar, dass die Gesamtmesse, die wir heute hören, wohl erst im Jahre 1835, also fast genau 100 Jahre nach Bachs Komposition der Missa brevis, aufgeführt wurde. Die Gesamtmesse galt als zu anspruchsvoll, ja unsingbar; und das soll auch 1835 im Chor bei der Aufführung in Berlin zu großen Widerständen und Austritten aus dem Chor geführt haben. Dass Sie heute die h-Moll-Messe aufführen (noch dazu so …), verdient unser aller Respekt.
Und noch etwas, hat - schon als ich davon erfuhr -, meine Freude und hohe Achtung hervorgerufen: Sie führen hier im katholischen Dom die evangelische Messe schlechthin auf.
Ich danke Ihnen ausdrücklich, dass Sie, lieber Herr Domkapellmeister, vor zwei Jahren begannen Konzerte zum Reformationsgedenken zu geben. Ich freue mich, dass Sie es auf diese Weise von katholischer Seite mitgestalten. Das ist ein ökumenisches Zeichen mit nachhaltiger Wirkung.

Die ganze Konzertreihe, die mit der Aufführung der h-Moll-Messe ihren Schluss- und Höhepunkt erfährt, stand unter dem Titel: „Ut unum sint! – Auf dass sie eins seien!“. Diese Worte sind mir Leitmotiv für mein ökumenisches Handeln – und sie werden es immer bleiben, egal, welche Rück- oder Fortschritte die Ökumene macht. Denn mit diesen Worten hat Jesus selbst vor seinem Tod zu seinem Vater im Himmel gebetet. Wie sollten wir uns nicht um Einheit unter uns Christen mit allen Kräften bemühen, wo sie doch Jesu Sehnsucht und Testament war. Wir dürfen uns nicht leiten lassen von Stimmungen und Spannungen, Verletzungen oder Machtfragen, sondern nur von Christus und dem, was er will.
Die Kontroverse um den Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz zur Teilnahme von evangelischen Christen am Abendmahl in katholischen Kirchen,
hat mich selbst traurig gestimmt. Das habe ich Erzbischof Dr. Schick auch persönlich geschrieben.
Nicht nur persönlich antwortend, sondern öffentlich hat er – als wir vor 8 Tagen gemeinsam hier in Bamberg die Woche für das Leben eröffneten – den Gottesdienst begonnen mit den Worten, dass er selbst zu Irritationen im ökumenischen Miteinander beigetragen hat und ihm dies sehr leid tut. Ich bin dankbar für diese herzlichen, ehrlichen Worte und möchte Ihnen allen daran Anteil geben. 

„Ut unum sint! - Auf dass sie eins seien!“ Liebe Anwesende, wir beten mit Christus um die Einheit, denn wachsende Gemeinschaft ist nicht selbstverständlich, -  zumal in beiden Konfessionen auch Ökumenegegner am Werk sind, die Spannungen und Differenzen schüren, statt bearbeiten und auflösen.
Die einen fürchten die Protestantisierung der katholischen Kirche. Die anderen fürchten die schleichende Übernahme der Evangelischen durch die Katholische Kirche. Es sind Ängste vor Identitätsverlust oder Anbiederung auf beiden Seiten. Ich halte sie für unbegründet und werbe um Vertrauen. Wir gehen doch nicht auf eine Einheitskirche zu.
Wir gehen als auch in Zukunft eigenständige Kirchen auf Gemeinschaft, ja Mahlgemeinschaft zu. Auf diesem Weg können wir uns mehr und mehr an den Schätzen der jeweils anderen freuen. Dieser Abend ist dafür Beispiel: Bachs hohe evangelische Messe in diesem hohen katholischen Dom. Das gab es noch nie. Welch ein sinnlicher, geistlicher Genuss. Wir bereichern einander und gewinnen Freude und Stärke im Miteinander.

Nun folgt das Credo. Bach hat das Nicäno-Konstantinopolitanum vertont. Es ist älter als das apostolische Glaubensbekenntnis. Es wird seit dem Jahr 325 n. Christus in unseren beiden Kirchen gesprochen.
Auf Latein sprechen und singen wir es gleich, selbst den Teil zur Kirche: Unam sanctam, catholicam et apostolicam ecclesiam.
Im Deutschen übersetzen Evangelische und Katholische ein einziges Wort unterschiedlich: Das lateinische Wort catholicam lässt die römisch-katholische Kirche faktisch unübersetzt. So bekennen römisch-katholische Christen die eine heilige, katholische und apostolische Kirche.
Evangelische dagegen übersetzen auch das Wort catholicam und bekennen eine heilige allgemeine und apostolische Kirche. Das ist der einzige Unterschied.
Im geläufigeren apostolischen Glaubensbekenntnis deuten Evangelische das Wort „catholicam“ mit christlich. 
Wie immer wir übersetzen – klar muss uns doch sein, dass es die una sancta, catholica et apostolica ecclesia nur gibt - durch die Vergebung Jesu Christi am Kreuz, die alle Kirchen der Welt nötig haben.  Das „Cruxifixus est“ ist nicht umsonst Höhepunkt des Bachschen Credo. Denn im Gekreuzigten zeigt sich Christi Liebe selbst zu seinen Folterern und zu den Jüngern, die geflohen waren. Diese Liebe wird siegen – auch in der Ökumene „Ut unum sint“.