Kirchenkreiskirchentag - Eröffnungsgottesdienst

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu „allein die Schrift“ und „allein aus Gnade“

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen

Liebe Gemeinde!
500 Jahre Reformation begehen wir heute. Doch Reformation ist nicht nur ein historisches Ereignis, das mit dem Thesenanschlag Martin Luthers anfing. Reformation - Erneuerung - das braucht es heute, sowohl in den Kirchen wie in unserem Leben als Christ.
Darum wenden Erzbischof Dr. Schick und ich unseren Blick auf die Inhalte der Reformation, die für eine Erneuerung auch heute wesentlich sind.
Die Kraft der Reformation kam und kommt aus der glücklich machenden reformatorischen Entdek-kung. Sie lässt sich bündeln in den so genannten vier Soli. Die haben nichts mit dem Solidaritätszuschlag zu tun. Soli kommt aus dem Lateinischen und meint „allein“. Sie werden merken, dass die Soli doch etwas mit Solidarität zu tun haben. Mit Gottes Solidarität zu uns Menschen:

Solus Christus! Allein Christus rettet, erlöst und schenkt Heil.
Sola fide! Allein der geschenkte Glaube an Christus ergreift das Heil.
Sola gratia! Allein aus Gottes Gnade steht uns der Himmel offen.
Und woher wissen wir das?
Sola scriptura! Allein aus der Heiligen Schrift.
Seit der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 ist klar, dass diese vier soli nicht mehr trennend zwischen der lutherischen und der römisch-katholischen Kirche stehen, sondern unsere Kirchen verbinden, weil wir sie gemeinsam bekennen.
So können wir auch gemeinsam darüber predigen.
Als ich Erzbischof Dr. Ludwig Schick fragte, über welchen der vier Soli-Artikel er predigen möchte, ahnte ich die Antwort schon beim Stellen der Frage: - Solus Christus. Das hätte ich auch gesagt. Doch der Gastprediger hat die Wahl. Ich beginne mit unserer gemeinsamen Glaubensgrundlage: Sola scriptura.
Allein aus der Heiligen Schrift wissen wir, was wir glauben können und sollen.

Darum übersetzte Martin Luther die Heilige Schrift aus den Ursprachen ins Deutsche. Das Volk sollte die Bibel lesen können. Sein Septembertestament, seine Übersetzung des Neuen Testaments, erschien bereits 1522 also fünf Jahre nach dem Thesenanschlag. Ein Verkaufsschlager!
Luther würde sich freuen über jeden Katholiken, der in der katholischen Einheitsübersetzung liest und sich wundern über jeden Evangelischen, der seine Bibel nicht griffbereit hat in neuester oder zumindest neuerer Auflage.
Sollte sich hier jemand angesprochen fühlen, so empfehle ich die Bibeln auf dem Büchertisch im Kongresshaus. Das tägliche Lesen der Heiligen Schrift - und seien es nur wenige Verse - wird Ihnen große Freude machen. Es erfüllt Ihre Seele.
Ich locke mit Luthers Liebeserklärung über die Bibel als Wort Gottes, in die ich einstimme:
„So müssen wir nun gewiss sein, dass die Seele alle Dinge entbehren kann, nur das Wort Gottes nicht, und ohne das Wort Gottes ist ihr mit keinem Ding geholfen. Wenn sie aber das Wort hat, dann bedarf sie auch keines anderes Dinges mehr, sondern sie hat in dem Wort Gottes Genüge, Speise, Freude, Friede, Licht, Kunst, Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Freiheit und alles Gut überschwenglich.“

Freilich gibt es Menschen, die ihre Bibel allzu gut zu kennen meinen und anderen Menschen Bibelworte gesetzlich um die Ohren hauen. Luther führt uns weiter: zu Christus als Mitte der Schrift. Christi Liebe erlöst - gerade von Gesetzlichkeit sowohl im Leben wie im Zugang zur Bibel. Wir wissen von Christus nur durch die Schrift, doch wir verstehen die Schrift nur durch Christus und seinen Geist.
Hören wir also, was uns Erzbischof uns über Christus predigt.
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Refrain: Allein aus Gnade
Dr. Ludwig Schick: Allein Christus
Refrain: Allein aus Gnade
Dr. Ludwig Schick: Allein durch den Glauben
Refrain: Allein aus Gnade
Dr. Dorothea Greiner: Allein aus Gnade
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Gnade bedeutet: unverdientes Geschenk. Es ist unverdientes Geschenk, eine große Gnade Gottes, dass wir heute Morgen hier sind. Das gilt zum einen persönlich, zum anderen kirchlich:
Wie oft war unser Leben in Gefahr im Straßenverkehr auch gesundheitlich. Manche Gefahr ist uns erst gar nicht bewusst geworden. Dass ich hier stehe und lebe, ist nicht mein Verdienst. Und dass Sie hier sitzen können, hierher kommen konnten, ist Geschenk, ist Gnade.
Das Wichtigste in unserem Leben ist uns geschenkt: unser Leben, die Liebe anderer Menschen, unser Glaube.
Aus dem Gefühl des Beschenktseins zu leben, ist das reformatorische Grundgefühl. Es stellte sich bei Luther ein, als er verstand: Dass Gott mir gnädig ist und ich nach dem Tod bei ihm sein werde, kann und brauche ich mir nicht erarbeiten. Vielmehr war Gott schon immer gnädig. Christus hat davon erzählt und ist selbst in seiner Person Beweis, dass uns der Vater im Himmel liebt, wie er den verlorenen Sohn liebt und in die Arme schließt. Es geht darum, diese Gnade Gottes in uns wirken zu lassen.
Das Geschenk des offenen Himmels, der Ewigkeit bei Gott, ist das wichtigste Lebensgeschenk für uns. Im Glauben sagen wir dafür „danke“. Aus diesem Dank, wächst eine Haltung, die das Leben fröhlich genießen und andere beschenken kann. Dass wir anderen gegenüber ungnädig sind, hört auf.
Zum anderen danken auch wir Kirchen für Gottes Gnade: Dass wir heute hier sind - katholische und lutherische Christen und andere christliche Konfessionen – und zum ersten Mal seit 500 Jahren ein Reformationsjubiläum ökumenisch begehen, ist reine Gnade Gottes. Verdient haben wir´s nicht. „Dass sie alle eins seien“ hat Christus vor seinem Tod gebetet. Und sein Gebet scheint sich endlich zu erfüllen. Er musste lange beten in den theologischen Streitigkeiten, aber vor allen in den Unversöhnlichkeiten und Eitelkeiten, in denen beide Kirchen gefangen waren. - Die neue Sehnsucht nach Abendmahlsgemeinschaft ist nicht unser Werk, sondern uns durch Christi Geist ins Herz gelegt. Dass wir heute miteinander Christus feiern und das Evangelium verkünden, ist unverdient und unbezahlbar, ist Gnade Gottes. Heute geschieht, was wir verkünden.
Wir feiern in der Hoffnung, dass Christus seine Kirche weiter reformiert, uns tiefere Liebe zu ihm und zu einander schenkt. Die Welt braucht uns gemeinsam. Sie braucht Christen, die miteinander verkündigen, lieben und der Not der Menschen in unserem Land und weltweit gemeinsam begegnen.
Gottes Wort und in seiner Mitte Christus, und der Glaube an Gottes Gnade erfülle Euer Herz heute und allezeit. Amen.