Gottesdienst zum dekanatsweiten Kirchenvorsteher-Tag

Predigt der Regionalbischöfin zum dekanatsweiten Kirchenvorsteher-Tag am 14.04.2018, 9:00 Uhr, Kirche St. Stephan, Bamberg

Liebe Gemeinde und insbesondere liebe Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen,

ich freue mich, diesen Gottesdienst heute mit Ihnen zu feiern. Und ich freue mich, dass wir - auf Vorschlag von Dekan Hans-Martin Lechner - mit diesem Gottesdienst zu Beginn Ihres Kirchenvorstehertages einen geeigneten Rahmen gefunden haben, um Ihren Kirchengemeinden die Altarbibeln zu überreichen.
Heute hören Sie von mir nicht – wie sonst in der Predigt die Auslegung eines Bibelwortes, sondern heute geht es um die Bibel insgesamt und was sie uns bedeutet; ist doch die Freude an der „Heiligen Schrift“ Wesensmerkmal unseres ureigensten evangelisch-lutherischen Profils.
Und damit sind wir auch zugleich bei Ihrem Tagesthema „Profil und Konzentration“ – kurz PUK genannt. Jede Kirchengemeinde hat ihre besonderen Chancen und Herausforderungen, eben ihr Profil. Doch uns allen ist klar: wenn dieses Profil nicht von der Liebe zur Heiligen Schrift, zum Evangelium, zu Jesus Christus und den Menschen spürbar, wahrnehmbar geprägt ist, dann ist etwas faul.

Oft reden die Menschen über PUK, als sei PUK nichts anderes als der neue Einsparprozess unserer Kirche. In Diskussionen stürzt man sich auf Struktur- und Ressourcenfragen. Diese eigentlich ungeliebten Themen haben fast eine magische Bindekraft in unseren Gremien.
PUK aber will Ressourcen für das Evangelium gewinnen. Im strategischen Hauptsatz kommt die Liebe zur Heiligen Schrift, zum Evangelium und Jesus Christus und den Menschen zum Tragen. Der Leitsatz für den PUK – Prozess lautet nicht „Strukturiert Euch neu und bedenkt den kommenden Pfarrermangel“, sondern er lautet:
„Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern gibt Zeugnis von der Liebe des menschgewordenen Gottes. Sie orientiert sich am Auftrag der Heiligen Schrift. Sie organisiert ihre Arbeitsformen und ihren Ressourceneinsatz konsequent auf das Ziel hin, Menschen mit ihren heutigen Lebensfragen einen einfachen Zugang zu dieser Liebe zu eröffnen.“
Arbeitsformen und Ressourceneinsatz sind also im Blick – aber untergeordnet. Nachhaltiges und gerechtes Haushalten ist notwendige Aufgabe. Doch der einfache Zugang zur Liebe des menschgewordenen Gottes in Jesus Christus ist das eigentliche Ziel.

Profil und Konzentration will also zu allererst eine geistliche Profilierung, eine Konzentration darauf, dass wir - wie der Leitsatz beginnt: „Zeugnis geben von der Liebe des menschgewordenen Gottes und uns orientieren am Auftrag der Heiligen Schrift“.
Da steht nicht – wie sonst meist -  „kirchlicher Auftrag“. Diese Formulierung „orientieren am Auftrag der Heiligen Schrift “ zeigt, dass wir uns in allen kirchlichen Aufgaben, an dem orientieren, welche Handlungsanweisung wir in der Bibel finden. Gut so.

Daher macht mir Sorgen, dass das Lesen der Bibel nach meiner Wahrnehmung, allermeist nur in pietistischen Kreisen unserer Kirche und von Hochengagierten wie Ihnen gepflegt wird. Liebe Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen, wie kann es uns gelingen, dass mehr junge Menschen in unseren Gemeinden die Bibel lesen?
Ich habe mich sehr über alle Projekte in den Gemeinden in der Lutherdekade gefreut, die die Bibel ins Gespräch brachten und die Liebe zur Heiligen Schrift förderten: Vom Bibellesemarathon über ein Bibelabschreibeprojekt bis zu Gottesdiensten, in denen Kirchenvorsteher ihr Lieblingsbibelwort zitierten und ein paar persönliche Sätze dazu sagten, warum dieses Bibelwort sie trägt.
Der Thesenanschlag war am 31.10.1517, also vergangenen Reformationstag  vor 500 Jahren. Doch damit hat ja die Reformation erst begonnen – und somit muss auch unser  Reformations-gedenken weitergehen. Luther veröffentlichte seine erste Übersetzung des Neuen Testamentes in deutscher Sprache im September 1522. Wenn das in den kommenden Jahren kein echter Anlass ist, die Bibel in den Mittelpunkt zu stellen.

Am Reformationsfest 2016 feierte Papst Franziskus in der lutherischen Kirche zu Lund zusammen mit den Leitenden des Lutherischen Weltbundes Gottesdienst. In der Predigt sagte er wörtlich: „Dankbar erkennen wir an, dass die Reformation dazu beigetragen hat, die Heilige Schrift mehr ins Zentrum des Lebens der Kirche zu stellen.“ Die Bibel lieben und Bibel lesen, das ist eben evangelisches Profil.
Und es kann nicht nur Sache der pietistisch geprägten Christen sein, sondern aller, die sich als evangelisch-lutherisch empfinden, die Liebe zur Bibel zu nähren, zu pflegen. Wie sehr dies lutherisch ist, das wird an drei Lutherzitaten deutlich:
Das erste: „Wo das Wort ist, dort ist das Paradies und alles.“
Das zweite: „Siehe nur, dass du auf Gottes Wort Acht hast und darinnen bleibest, wie ein Kind in der Wiege. Lässt du das einen Augenblick fahren, so bist du daraus gefallen.“
Das dritte: „So müssen wir nun gewiss sein, dass die Seele alle Dinge entbehren kann, nur das Wort Gottes nicht, und ohne das Wort Gottes ist ihr mit keinem Ding geholfen. Wenn sie aber das Wort hat, dann bedarf sie auch keines anderes Dinges mehr, sondern sie hat in dem Wort Gottes Genüge, Speise, Freude, Friede, Licht, Kunst, Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Freiheit und alles Gut überschwenglich.“
Wenn das keine Liebeserklärungen sind!
Im Wort Gottes bleiben, das ist für Herzenschristen weniger Pflicht, als Sehnsucht und Genuss.

Diesem Aufruf Luthers zu folgen, ist heute viel einfacher als zur Zeit der Reformation. Viele von uns haben ein Handy mit Internetverbindung. Es ist ganz einfach, eine App herunterzuladen mit der neuen Revision der Lutherbibel. Man gebe nur ein: Lutherbibel 2017 App und schon wird man zum Download geleitet. Dann hat man sie stets dabei. Ich genieße das sehr.
Ob via handy oder in Buchform: Ich erlebe das Lesen in Gottes Wort als tiefe Erholung für meine Seele. Es macht mich wirklich glücklich. Und auch die Losungen am Morgen tun mir gut.

Warum wirkt die Bibel so? Weil der Heilige Geist durch sie wirkt. Luther war sehr eindeutig. Er lehrte: Ohne äußeres Wort, das wir lesen oder in der Predigt hören – kein inneres Wort. Wenn Menschen meinen, Gott würde zu ihnen sprechen, ohne die Bibel zu lesen oder ausgelegt zu hören, dann ist das Schwärmerei, Humbug.
Wer will, dass Gott zu ihm spricht, ihn leitet und seine Seele nährt, der lese regelmäßig in der Bibel.
Noch einmal Luther: „Zum andern sollst du meditieren; das ist: nicht allein im Herzen, sondern auch äußerlich die mündliche Rede und buchstäbliche Worte im Buch immer treiben und reiben, lesen und wiederlesen, mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der Heilige Geist damit meinet. Und hüte dich, dass du nicht überdrüssig werdest und denkest, du habest es ein Mal oder zwei genug gelesen, gehöret, gesagt und verstehest es alles zu Grund; … Denn Gott will dir seinen Geist nicht geben ohn das äußerliche Wort. Da richt dich nach!“
Ich kenne die Bibel doch, mag mancher sagen. Doch wer so denkt, hat noch keinen Zugang zu ihr. Nochmals Luther:  „Ich hab nun 28 Jahr, seit ich Doktor geworden bin, stetig in der Biblia gelesen und daraus gepredigt, doch bin ich ihrer nicht mächtig und find' noch alle Tage etwas Neues drinnen.“
Und nicht nur dies. Er hat die Erfahrung gemacht: „Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein; je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.“

Diese Liebe zur Heiligen Schrift ist unser reformatorisches, lutherisches Profil und wie schön, dass diese Liebe längst schon zu unseren katholischen Schwestern und Brüdern übergesprungen ist. Echte Liebe lockt und steckt an. Vertraut darauf auch in der Gegenwart. Die Ökumene ist – trotz aller Irritationen nicht aufzuhalten. Dazu morgen in einer Woche mehr.
Heute ist es mir eine Freude, Ihnen nun die von mir einzeln gewidmeten und unterschriebenen Altarbibeln überreichen zu dürfen.
Pünktlich zum Reformationsjubiläum ist die neue Revision der Lutherbibel erschienen. Unsere Landeskirche schenkt jeder Kirchengemeinde eine Altarbibel mit neuem Revisionstext – überreicht von den Regionalbischöfen.
Ich weiß, manche Ihrer Gemeinden haben Schmuckbibeln, teils sogar mit Frakturschrift. Das sind Kostbarkeiten, die wir auch sorgsam in einer schönen Vitrine ausstellen können. Doch auf den Altar gehört eine lesbare Bibel. Denn Kirchen sind keine Museen, sondern Gottesdiensträume.
Unsere Kirchen sollen, wenn irgend möglich, tagsüber offen sein - und die Bibeln auch, am besten immer beim Evangelium des Sonntags. Manche Menschen treten still zum Altar und schauen in die Bibel.
Offene Kirchen, offene Bibeln sind Konkretisierungen des Leitsatzes, den Menschen einen einfachen Zugang zur Liebe des menschgewordenen Gottes zu eröffnen.
Liebe Kirchenvorsteher und Kirchenvor-steherinnen, habt keine Sorge, dass die Bibel gestohlen wird. Wenn, dann möge der Dieb durch das Lesen gesegnet werden, und Ihr bekommt von mir eine neue Bibel, wieder von mir unterschrieben und einzeln gewidmet für Eure Gemeinde. Versprochen.
Lasst uns mit dem angefangenen Lied noch einmal Gottes Wort singend preisen, bevor ich Ihnen die Bibeln überreiche.