Gottesdienst zum 1. Advent in der Kreuzkirche, Bayreuth

Predigt der Regionalbischöfin zum 1. Advent, 03.12.2017, und Beauftragung zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung

Gnade sei mit Euch!
Liebe Gemeinde und insbesondere, lieber Herr Matthes und liebe Frau Mauerer,

ein Lamm ist zu sehen außen an der Wand dieser Kirche. Es ist umgeben von 24 Kronen; die Vollzahl von 24 habe ich allerdings erst beim dritten Zählanlauf geschafft. Manche Kronen treten etwas zurück. Das Hervortretende ist ohnehin das Lamm. Es ist ein Symbol für Jesus Christus. Von ihm sagte Johannes der Täufer und zeigte dabei auf ihn: „Siehe, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt.“
Unser Bibelwort malt uns in einem großen Bild vor Augen, welch entscheidende Bedeutung das Lamm Jesus Christus für unser Leben, ja für die Geschichte der ganzen Welt hat. Lassen Sie sich mitnehmen in eine Szene vor Gottes Thron.  Johannes, der Seher, erzählt sie. Johannes blickt in seiner Vision hinter die Kulissen der Geschichte unserer Welt, die so verloren scheint. Aber sie ist es nicht. Das liegt am Lamm.  Ich lese aus der Offenbarung des Johannes, Kapitel 5:  

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.
Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es einsehen.
Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.
Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.
Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.
Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme:
Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Da muss schon viel passieren, dass ein Mann weint. Johannes weint, sodass es alle sehen. - Warum?
Niemand kann das Buch mit den sieben Siegeln öffnen. Niemand. Doch es braucht jemanden. Denn erst durch das Öffnen des Buches, wird die Geschichte, so wie Gott sie will,  geschehen.
Sieben Siegel hat das Buch, weil der Inhalt – das Ziel unserer Weltgeschichte - so wertvoll ist, sodass nur einer, der sich der Weltherrschaft würdig erweist, das Buch öffnen darf. Wer es liest und seine Geheimnisse kennt, wird die Geschichte dieser Welt und das Geschick aller Menschen auf dieser Welt bestimmen.
Nun wissen wir, warum Johannes weint. Wenn niemand da ist, der diese Welt gut regiert, dann trudelt sie ins Chaos. Sie wird versinken in Gewalt und Hass. Davon erlebt er schon zu viel. Seine Brüder und Schwestern im Glauben, die ersten Christen, werden verfolgt und getötet. Niemand scheint helfen zu können. Hoffnungslosigkeit ergreift ihn; er weint.

Einer, der 24 Ältesten, der um Gottes Thron steht, sieht seine Tränen und sagt: Weine nicht. Schau auf das Lamm. Es ist schon bei Gott. Es ist würdig, dieses alles entscheidende Buch zu öffnen.
Da erst fällt sein Blick auf das Lamm und wird hineingenommen in einen überwältigenden dreifachen Lobpreis: Erst beginnen die 24 Ältesten zu singen, dann fallen die unzähligen Engelscharen ein und singen:
Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.

Und dann bekennt jedes Geschöpf auf Erden, unter der Erde und über der Erde, dass dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm „Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit gehören“. Jedes Geschöpf bekennt das.
Wird auch ein Mladic dies bekennen? Grauenvolles haben wir über ihn in den letzten Wochen gehört. Eine Zeitung nannte ihn „den unbelehrbaren Schlächter vom Balkan“. 8000 Männer über 14 Jahren ließ er allein in Srebrenica ermorden. In Sarajevo setzte er Scharfschützen an, die gezielt Frauen und Kinder erschossen, um die Bevölkerung zu demoralisieren. Für ihn war das Rache an den Türken. Die Völkervielfalt war ihm ein Dorn im Auge.
Vor wenigen Tagen, am 22. November wurde er des Völkermordes schuldig befunden. Selbst vor Gericht sah er keinen Fehler in seinem Tun.
Auch ein Mladic wird einst erkennen, dass dieses Lamm, dass Jesus Christus, von dem es heißt, dass er sich schlachten ließ und keine Gewalt anwendete – nicht einmal drohte als er litt, dass dem nun alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist. Es wird einem Mladic oder auch einem Hitler nicht erspart bleiben, den als Herrn anzuerkennen, der sich immer auf die Seite der Leidenden stellte:  Christus. Er, der sich hingebend Liebende, ist Herr und Ziel der Weltgeschichte.
Welch eine Perspektive für alle Opfer und für alle Täter und für alle, die beides waren. Auch jeder und jede von uns wird vor Christus stehen, ihn sehen und anbeten. Auch wir werden dann erkennen, wo wir nicht gehandelt haben, wie es ihm und seinem Weg sich hingebender Liebe entsprach und wir werden ihn preisen.

Johannes wird auch in vielen weiteren Visionen sehen, wie die Geschichte der Welt sich bis dahin gestalten wird. Schreckliche Dinge wird er sehen. Doch er wird noch in einer anderen Vision sehen, was das Ziel der Welt sein wird: Er sieht vor seinem inneren Auge die große Stadt Gottes. Diese Stadt braucht kein künstliches Licht. Es heißt: Das Lamm wird strahlen und ihr Licht sein. Christus wird das Licht und die Freude aller sein, die in dieser Stadt um Gottes Thron leben. Alle, die im Lebensbuch des Lammes stehen, werden dort mit ihm sein.
Wer wird im Lebensbuch des Lammes stehen? Alle, die sich vom Lamm, von Christus, die eigene Lebensschuld vergeben lassen. Ich zitiere Luther:
„Die Sünde hat nur zwei Orte, wo sie ist. Entweder ist sie bei Dir, dass sie dir auf dem Halse liegt, oder sie liegt auf Christus, dem Lamm Gottes. Wenn sie nun dir auf dem Rücken liegt, so bist du verloren; wenn sie aber auf Christus ruhet, so bist du frei und wirst selig. Nun greife zu, welches Du willst.“
Das Blut des Lammes, ist das stärkste Heilmittel der Welt. Im Abendmahl, wenn wir Christi Blut zu uns nehmen, nehmen wir auch für uns an, dass Christus uns vergibt; und wir beginnen neu seine Macht in uns wirken zu lassen, seine Kraft der Liebe. Diese Kraft ist stark und verwandelt uns schon hier und macht uns mehr und mehr zu liebevollen Menschen.
Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus auf einem Esel in die Stadt Jerusalem hineinreitet, nicht auf einem Schlachtross. Es ist der König des Friedens.
Das Bild des Lammes verstärkt diesen Friedenszug. Ein Lamm ist der Inbegriff von Unschuld und Duldsamkeit. So war Jesus. Stetig war er in Verbindung mit dem Vater im Himmel und hat den Menschen von ihm erzählt, sie geheilt, sie auf den Weg der Liebe gerufen. Und er ist ihn gegangen bis zum Tod am Kreuz, ohne sich zu wehren, so wie sich ein Lamm nicht wehrt, wenn es geschlachtet wird.
Johannes sieht also ein Lamm am Thron Gottes. Wer den griechischen Text liest, merkt Eigentümliches. Es steht ein anderes Wort für „Lamm“ als Johannes der Täufer es benutzt, als der auf Jesus zeigt und sagt: „Siehe das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“. Johannes der Seher benutzt ein Wort für Lamm, das auch die Bedeutung „Widder“ hat. Es ist ein starkes Lamm.
Das schwache Lamm, das sich im Kreuz nicht wehrte, sondern sogar seinen Schlächtern vergab, das ist nun das starke Lamm, das am Kreuz alles überwunden hat, allen Hass, alle Gewalt, alles Böse dieser Erde. Er hat es besiegt. Und so sieht Johannes sogar sieben Hörner an ihm als Symbol seiner Kraft, die alles besiegt hat.
Kein Wunder, dass Johannes aufhört zu weinen, als er das sieht. Da begreift er, worauf diese Welt zuläuft. Da geht es hin. Advent. Erwartungszeit. Das erwarten wir. Ihn Christus, das Lamm, erwarten wir am Ziel aller Zeiten.

Nun zu Ihnen, lieber Herr Matthes und liebe Frau Mauerer. Was hat das nun mit Ihnen zu tun? Wo stehen Sie in dieser Vision? Sie werden – so Gott will - bei denen stehen, die den Lobpreis aus vollem Herzen singen, denn Sie stimmen schon jetzt in ihn ein.
Ich sehe Sie aber auch in einer anderen Rolle. 24 Älteste stehen um den Thron Gottes. Sie symbolisieren die 12 Stämme Israels und die 12 Jünger, die Jesus nachfolgten und in alle Welt gesandt wurden und seine Botschaft weitertrugen. Einer der Ältesten sieht, dass Johannes weint. Er sieht seine Traurigkeit und sagt ihm: Weine nicht, da ist doch das Lamm.
Das lieber Herr Matthes und liebe Frau Mauerer ist unsere Rolle, unsere Aufgabe, wenn wir predigen, zu sagen: Weine nicht, da ist doch das Lamm. Es trägt Deine Schuld, gib sie ihm. Und mehr noch, hab keine Angst in dieser Welt. Er hat sie doch in der Hand. Er ist das Ziel der Geschichte, der Herr der Welt.

Viele von Ihnen haben in den letzten Wochen das Gemälde von Leonardo da Vinci, Salvator Mundi, Erlöser, Retter der Welt, gesehen. Es zählte zu den breaking news, dass dieses Bild für sage und schreibe 450 Millionen Dollar ersteigert wurde. Nie wurde für ein Gemälde mehr Geld geboten. Es zeigt Christus, wie er mit der rechten Hand segnet und mit der linken eine Kugel in Hand hat, die Welt. Die Kugel ist aus Glas, zerbrechlich, durchscheinend. Durch das Glas hindurch bleibt seine Hand, die die Kugel hält, doch schimmernd erkennbar.
Man kann sich fragen, warum ausgerechnet dieses Bild diese Rekordsumme erzielt. Vielleicht war es Geldwäsche. Warum so viel Geld für Kunst ausgegeben wird, ist sowieso dubios. Und doch ist es sprechend, dass in einer Zeit, in der die Welt so aus den Fugen scheint – insbesondre durch den unberechenbaren und immer diabolischer werdenden Terror - ein Gemälde „Salvator Mundi“ diesen Höchstpreis erzielt.
Der Käufer  bleibt unbekannt. Vielleicht war es jemand der an ihn glaubt, als Retter der Welt, vielleicht jemand, der kriminelles Geld gewaschen hat an ihm. - Wer auch immer: Letztlich kennen auch die Dämonen Christus - und zittern. Denn alle werden einst seine Macht und Würde bekennen.
Inmitten dieser Welt, die so ambivalent ist, wie der Kauf dieses Gemäldes, werden Sie, lieber Herr Matthes und Sie, liebe Frau Mauerer mit Worten malen: Christus ist es, der uns segnet und vergibt und der die zerbrechliche Welt doch in der Hand hat - als Erlöser der Welt und Ziel der Weltgeschichte.
 
Sie bringen für diesen Dienst Lebens- und Glaubenserfahrung mit. Zudem haben Sie die Ausbildung zum Prädikantendienst absolviert, die immerhin ein Zeitvolumen von umgerechnet 16 Wochenenden umfasst. Sie dürfen nun selbständig die Schrift auslegen und den Gottesdienst inclusive Abendmahl leiten.
Für diesen Dienst Christus öffentlich zu verkünden in Wort und Sakrament wollen wir Sie nun beauftragen. Amen.