Eröffnungsgottesdienst WOCHE FÜR DAS LEBEN

Predigt der Regionalbischöfin zum ökumenischen Gottesdienst anlässlich der Aktion WOCHE FÜR DAS LEBEN am 13.04.2018, 17:30 Uhr, in der Stadtbücherei Bamberg

Liebe anwesende Gemeinde,
Wir haben gerade den Psalm 8 gebetet. Ich wiederhole die Verse 4-6, auf die ich in meiner Predigt Bezug nehme:

„Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, das du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“

Wir alle hier haben eine unsichtbare Krone auf unserem Kopf. Wir sind Königskinder Gottes. Er hat uns gemacht. Wir sind Werk seiner Finger, mit Liebe geschaffen; jeder und jede von uns, ohne Unterschied. Auch in der Lesung war Gottes eigentliche Aussage: „Ich habe Dich lieb, darum fürchte Dich nicht, Du bist mir teuer, wertvoll“.
Gehen wir in Gedanken in eine gynäkologische Praxis. Gerade wird Ultraschall gemacht. Der Gynäkologe schweigt, lässt den Schallkopf auf einer Stelle am Bauch lange stehen und schaut sehr intensiv auf seinen Monitor. Sein Schweigen macht der werdenden Mutter Angst und sie fragt: „Was sehen Sie?“ Seine Antwort: „Die Messung der Nackenfalte liegt über dem Toleranzbereich.“
Trisomie steht im Raum. Das Königskrönchen auf dem Kopf des Kindes im Mutterleib scheint zu verrutschen oder sich im Fruchtwasser aufzulösen.
Hinterher im Beratungszimmer sagt der Arzt: „Wir sollten eine Fruchtwasserpunktion vornehmen.“ Und weiter: „Diese Fruchtwasserpunktion birgt freilich ein geringes Risiko, dass eine Frühgeburt auslöst wird. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Sie den Bluttest zahlen. Er ist nichtinvasiv und daher ganz und gar ungefährlich. Er kostet allerdings zwischen 200 und 400 Euro.“ „Dieses Geld habe ich nicht“, sagt die Frau verzweifelt.

Ich habe diese Situation bewusst so geschildert, damit deutlich wird: Es wirkt so einleuchtend, dass die Kosten von so genannten nicht-invasiven Pränataltests zur genetischen Untersuchung von den Krankenkassen übernommen werden - wie gegenwärtig geplant. Er ist viel ungefährlicher für die Schwangerschaft und scheint gerechter gegenüber denen, die die Mittel für den Bluttest nicht aufbringen können.
Ich gebe trotzdem zu bedenken: Bisher waren die Diagnosen in der Schwangerschaft darauf gerichtet, die Schwangere zu unterstützen, ihr Kind zur Welt zu bringen und es - wenn eine Krankheit vorliegt - schon bei der Geburt passend behandeln zu können. Nach diesem Bluttest, der Trisomie zu Tage fördern kann, stellt sich aber nicht die Frage: Welche Therapie wenden wir an, sondern: Treiben wir ab oder nicht? Es ist ein Test, der in der Praxis zur Auslese führt. Er ist weniger Therapie-unterstützender Natur, als Abtreibungs-fördernder Natur. Zumal der Bluttest noch innerhalb der 14 Wochen gemacht werden kann, in denen die werdende Mutter die Schwangerschaft beenden kann ohne ärztliche Indikation.

Der Blick in andere Länder zeigt:
Nach Einführung der Kassenübernahme des Bluttest in Dänemark, hat sich im Folgejahr die Zahl der mit Trisomie Geborenen halbiert.
In Island lassen fast 85 % der Schwangeren durch pränatale Diagnosemethoden testen, ob ihr Kind einen Gendefekt hat. Dort wird kaum noch ein Kind mit Down-Syndrom geboren.
Dieser Test würde auch bei uns zur Routine werden und zu vermehrten Abtreibungen führen. Nach Tests werden neun von zehn Kinder mit Trisomie abgetrieben. Dabei kenne ich keine Mutter, keinen Vater, der sein Kind, das Trisomie hat, nicht lieben würde und es hergeben würde.  Es ist „unser Kind“, empfinden sie. Doch dazu musste es erst geboren werden können.

Ein befreundetes Ehepaar antwortete auf die vorhin genannte Diagnose des Gynäkologen: „Wir möchten keinen Test machen. Wir nehmen das Kind an, wie es ist.“
Keiner Schwangeren, die anders antwortet, werde ich jemals auch nur die Andeutung eines Vorwurfs machen. Viele haben die berechtigte Angst, dass das sie umgebende System ihr Kind nicht mittragen würde. Vielleicht würde sie sich sogar anhören müssen: „Warum hast du es nicht wegmachen lassen?“ Solch eine Schwangerschaft scheint oft zu schwer und der Schritt zur Abtreibung leichter.
 
Der Druck auf Schwangere wird zunehmen, Tests, die möglich sind und gezahlt werden, auch durchzuführen. Mit der Übernahme der Bluttests durch die Kassen würde unsere Gesellschaft unweigerlich einen weiteren großen Schritt  hin zur Selektion von Kindern mit Trisomie gehen.
Und es wäre nur wieder ein Schritt zur Eliminierung von Menschen mit Behinderung, dem weitere folgen würden. Denn viele genetisch bedingte Krankheiten können schon früh erkannt werden. Wir nähern uns auf anderem Weg einer Selektion, die wir in diesem Land schon einmal hatten.
Wir nähren damit den Geist, der Menschen mit Behinderung Wert und Würde abspricht. Es ist der Geist, der den Wert den Menschen an seiner Handlungs- und Leistungsfähigkeit bemisst.
Das Bibelwort, das dem Menschen Wert und Würde und Geliebtsein vor Gott zuspricht, würde entweder ganz beiseite geschoben, oder nur auf Gesunde angewandt.
Doch wer ist gesund? Viele der scheinbar Gesunden, die uns täglich begegnen, denen wir nichts ansehen, haben einen hohen Grad an Schwerbehinderung.
Einige wenige davon fühlen sich so unnütz oder beeinträchtigt, dass sie ihr Leben am liebsten beenden wollen. Da hat es unser Gott manchmal schwer, sich durchzusetzen, damit diese Menschen ihm glauben: „Du bist für mich nicht weniger wert. Du bist mein geliebtes Kind. Ich ehre Dich. Du bist herrlich in meinen Augen. Ich nehme mich Deiner an. Vertraue darauf, ich bin jede Stunde bei Dir. Wirf Dein Leben, das ich Dir gegeben habe nicht weg. Es ist wertvoll, Du bist wertvoll. Ich rufe Dich zu mir, wenn es Zeit ist. Fürchte Dich nicht.“


Es geht um viel mehr in der Gegenwart als um die Frage „Bluttest als Kassenleistung ja oder nein“. Es geht um die Frage: Welchen Wert und welche Würde, welche Liebeswürdigkeit hat menschliches Leben unabhängig von Leistungsfähigkeit und Grad, so genannter Normalität?

Wie das Gottesbild, so das Leitbild für das eigene Verhalten:
Wenn Leistung oder Geld Gott sind oder Gott hart und fordernd ist, dann ist für ein mitmenschlich liebevolles Miteinander alles verspielt.
In Menschen dagegen, die Gott als Schöpfer jeden menschlichen Lebens ansehen, der sein Geschöpf liebt und ehrt, wächst seine Liebe. Wenn der Geist Gottes in unserem Leben wirkt, dann ändert sich der Blick. Dann sehen wir, was unsichtbar ist:
Wir alle hier – und alle, an die wir jetzt denken - haben eine unsichtbare Krone auf unserem Kopf. Wir sind Königskinder Gottes. Er hat uns gemacht. Wir sind Werk seiner Finger, mit Liebe geschaffen; jeder und jede von uns, ohne Unterschied.
Amen.