Einweihung der Weidenkirche Plech am 17.09.2017

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu 1. Mose 28, 10-19a

Liebe Gemeinde,
das für diesen Sonntag regulär vorgesehene Bibelwort aus dem Alten Testament passt als sei es für unseren Anlass ausgewählt:
Ich lese aus 1. Mose Kapitel 28.
Jakob zog aus von Beérscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, / da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, / und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: „Ich bin der HERR, / der Gott deines Vaters Abraham und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, / und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, / und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir / und will dich behüten, wo du hinziehst, / und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, / bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ – Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, / und ich wusste es nicht!“ Und er fürchtete sich und sprach: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, / und hier ist die Pforte des Himmels.“ Und Jakob stand früh am Morgen auf / und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal / und goss Öl oben darauf / und nannte die Stätte Bethel.

Schauen wir kurz auf den Hintergrund dieser Geschichte:
Zusammen mit seiner Mutter Rebekka hatte Jakob seinen Vater Isaak übertölpelt. Dem blinden Isaak hatten die beiden vorgegaukelt, Esau säße am Bett und bitte um den Segen. So erschlich Jakob sich den väterlichen Segen, der nach israelischem Recht dem Erstgeborenen, also seinem älteren Bruder Esau, zustand. Als wenige Stunden später Esau zum Bett des Vaters trat, flog der Schwindel auf. Esau stieß Morddrohungen aus. Jakob musste fliehen.

Auf der Flucht, fern von allen Bekannten, fern der Heimat kamen gewiss in ihm große Zweifel auf: Galt der erschwindelte Segen überhaupt, oder würde er sich in Fluch wandeln, weil Gott ihn für diesen Betrug straft? Wird er je wieder Frieden finden mit seinem Bruder? Mutterseelenallein schläft er unter freiem Himmel nahe der Stadt Bethel ein. Eigentlich eine Nacht für Alpträume.
Und dann diese tröstliche, stärkende Erfahrung im Traum.
Was bedeutet diese Geschichte für uns?
Vier Gedanken:

Der erste Gedanke:
Jahrelang habe ich mich über einen Vers in dieser Geschichte gewundert. Warum steht da, dass die Engel die Leiter auf- und niedersteigen. Engel sind doch im Himmel. Eigentlich müsste es doch heißen, dass die Engel nieder- und aufsteigen.
Aber inzwischen meine ich: das ist bewusst so formuliert, um deutlich werden zu lassen: Die Engel sind schon da. Sie sind schon bei Jakob.
Auch jetzt sind die Engel Gottes schon da, hier bei uns. Wir sehen sie nicht, ebenso wenig wie Jakob sie sah bevor Gott ihm diesen Traum schenkte. Doch sie umgeben uns. Vielleicht singen sie auch jetzt, ohne dass wir sie hören.
Um uns ist viel mehr als wir ahnen. Unsere Gemeinde hier ist groß. Doch sie ist noch viel größer, weil Gottes Engel um uns sind. Gott ist da, wo Menschen seine Gegenwart ersehnen. Er weiht mit uns die Weidenkirche ein mit seinen Engeln.
Der Himmel beginnt nicht im Blau bzw. in den Wolken. Er ist hier um uns und überall, wo Gott sein will. Heaven sagen die Engländern zum Himmel Gottes und sky zum irdischen Himmel. Heaven und Sky sind zweierlei. Und doch kann Gebet hier in der Weidenkirche unter offenem sky, ein Gefühl dafür entstehen lassen, dass der heaven, der Himmel Gottes um uns ist.

Der zweite Gedanke:
Diese biblische Geschichte gehört für mich zu den schönsten Geschichten der Bibel. Verdient hat Jakob diesen Traum, diesen großen Trost nicht.
Wie liebevoll zeigt sich Gott da! Er straft Jakob nicht, hält keine Strafpredigt. Gott verändert Jakob durch Güte.
Das ist keine biblische Ausnahmegeschichte. Jesus erzählt vom barmherzigen Vater, der den verlorenen Sohn in seine offenen Arme nimmt, bevor der etwas sagen kann. Jesus erzählt in dieser Geschichte, wie Gott ist. Und er zeigt auch in seinem eigenen Verhalten, wie Gott sich verhält zu uns. Heute haben wir in der Lesung gehört, wie liebevoll Jesus auf Zachäus zugeht und ihn aus seinem Versteck auf dem Maulbeerbaum herausholt; er bringt Aussätzige in die Gemeinschaft zurück und er vergibt am Kreuz seinen Folterern.
Über uns hängt dieses große Kreuz. Manche wollen kein Kreuz mehr in Klassenzimmern oder auf Bergen, in Gerichtsgebäuden und Rathäusern. Wissen diese Menschen, was das Kreuz bedeutet? Kein anderes Zeichen in der Welt steht so für die Liebe, die vergibt und versöhnt wie das Kreuz.
Wie gut, dass es hier so unübersehbar in der Weidenkirche hängt.
Es ist kombiniert mit dem Rund der Erde. Diese Welt mit ihren Konflikten, mit kindisch-gefährlichen Despoten braucht nichts anderes mehr als den Frieden, den Christus schenkt, seine Kraft der Versöhnung.
Das Erdenrund ist perforiert. Licht fällt durch. Wir können die runde Scheibe auch als Auferstehungssonne deuten. Der Tod hatte bei Christus nicht das letzte Wort und er wird es auch in der Welt und in unserem Leben nicht haben. Wir brauchen diese Welt niemals aufgeben, denn Christus der Befreier und Erlöser hat den längeren Atem als alle Tyrannen. Wir brauchen uns nie aufgeben und keinen Menschen. Wir vertrauen uns und unsere Lieben Christus an.  Er ist unser Licht.
Wenn wir Menschen anderer Religionen von ihm erzählen, dann doch nicht, damit wir Christen stärker werden, sondern damit die Liebe und der Friede stärker wird auf dieser Erde, und Christus, der Friedefürst, auch das Herz anderer Menschen erfüllt.
Wir haben allen Grund von unserem Gott zu erzählen, von unserem Gott, der liebt und tröstet, so wie er Jakob getröstet hat, der versöhnt und Frieden schenkt in Christus.

Ein dritter Gedanke:
Jakob wacht auf und sagt: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Jakob ist unter freiem Himmel, hat keinerlei Mauern um sich herum und sagt: Hier ist nichts anderes als Gottes Haus.
Bei unserer Weidenkirche haben wir auch keinerlei Mauern. Und doch sagen auch wir: Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Dass dieses Bibelwort das vorgesehene Bibelwort dieses Sonntags ist, empfinde ich als große Bestätigung für alle, die am Werden dieses Gotteshauses beteiligt waren durch gute Gedanken, Gebete und Geldgaben, durch handwerkliche Unterstützung und tatkräftiges Zupacken, durch gute Worte und Lob.
Ihr lieben katholischen Schwestern und Brüder, seht diese evangelische Weidenkirche auch als Eure Kirche an. Wie schön, dass die Einweihungsgemeinde ökumenisch ist.
Ihr alle - von Pfarrer Weißmann und dem Kirchenvorstand angefangen über Bürgermeister Escher und Stadtrat bis hin zu allen, die in Gedanken oder durch Taten das Werden dieser Kirche unterstützt haben; und Ihr alle, die Ihr heute gekommen seid, Ihr könnt dieses Wort als Zusage verstehen, dass Gott selbst diesen Ort zu seinem Ort gemacht hat, zu seinem Haus, in dem er Menschen begegnen wird. Hier wird er Menschen stärken für ihren Weg und ihre Aufgaben in der Welt, sodass sie ein Segen sein werden für ihre Familie, für die Schöpfung.

Der vierte Gedanke:
Jakob wird von Gott beschenkt ohne, dass er etwas tut. Die Geschichte erzählt nichts davon, dass er um ein Zeichen oder um Trost und Stärkung gebetet hätte. Gott schenkt ihm das einfach. Jakob ist ganz und gar passiv. Er schläft. Der Himmel ist aktiv.
Je älter ich werde, desto stärker wird meine Überzeugung, dass Gott sich immer wieder Bahn bricht in unserem Leben und zwar von sich aus.
Ein junger Mann erzählt mir, dass er völlig unkirchlich aufgewachsen ist, nicht an Gott glaubte. Eines Nachts wacht er auf und merkt entsetzt, dass er gerade im Schlaf gebetet hatte. Das hat sein Leben völlig umgekrempelt.
Ein anderer erzählt mir, dass er einem iranischen Flüchtling ein Neues Testament in dessen Muttersprache farsi geschenkt hat. Wenige Tage später steht der Flüchtling aufgelöst und zitternd vor seiner Haustüre und sagt, eine helle, leuchtende Gestalt sei ihm in der Nacht erschienen, und sie habe ihm gesagt „Fürchte Dich nicht“ und sie habe ihm ihre durchbohrten Hände gezeigt.
Immer deutlicher wird mir: Gott bricht sich immer wieder Bahn und stellt – im Bild unserer biblischen Geschichte gesprochen – eine Himmelsleiter neben uns auf. Er will und kann unsere Herzen erreichen. Manchmal tut er das so, dass Menschen völlig von den Socken sind – wie bei Jakob, wie bei den beiden jungen Männern unserer Gegenwart, meist aber eher unspektakulär. Auch bei Dir klopft er immer wieder an und meldet sich. Sonst wärst Du nicht hier, er wird es auch weiter tun.
Auch diese Weidenkirche wird er dazu gebrauchen:
Vor drei Tagen ging ich vom Bayreuther Marktplatz zum Dekanatsgebäude. Da muss ich an der Stadtkirche vorbei. Allein, dass die Kirche da ist und dass sie offen ist, ist eine Einladung sie zu betreten. Wie jedes Mal, wenn ich diesen Weg ging, betrat ich die Kirche, betete kurz und ging dann wieder weiter. Das tut so gut, dieses Innehalten. Das Innehalten hält unser Inneres stabil. Es stärkt uns.
Mindestens so einladend wie die Bayreuther Stadtkirche auf mich, wird diese Weidenkirche auf viele Menschen wirken, die hier einkaufen gehen und diese grüne Kirche sehen. Gott wird durch diesen visuellen Reiz Menschen rufen, inne zu halten. Diese Kirche lockt. Sie ist anziehend. Ihre Tür ist immer offen. Sie hat keine Schwelle, weder real noch symbolisch. Hier, nahe der Autobahn wirkt sie wie ein Rastplatz für die Seele, den jeder nutzen kann.
Manche werden ahnen: dort im Laden finde ich, was mein Magen braucht. Aber Leben ist mehr. Hier finde ich, was ich was meine Seele nährt.

Unsere Weidenkirche transportiert sichtbare Botschaft, durch die Gott reden kann und wird:

der offene Himmel über uns lässt uns ahnen, dass der Himmel Gottes uns umgibt;
das Kreuz mit Erdenrund und Auferstehungssonne weckt Hoffnung durch Christus, unser Licht;
die festen Sitzplätze zwischen den Weiden, lassen spüren, dass wir Teil der Schöpfung und Welt sind, die der Vater im Himmel durch uns erhalten und segnen will;
die Kirche grünt. Die Kirche Jesu Christi ist nie auf dem absteigenden Ast. Christus erhält sie. Gott bricht sich Bahn, so wie das Grün dieser Kirche kaum aufzuhalten ist und wachsen wird.

Jakob hat diese alles verändernde Liebe Gottes erfahren - unerwartet und unverdient; und viele werden sie hier erfahren, indem Gott selbst diesen Ort zur Pforte des Himmels werden lässt.
Amen.