Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zur Fastenzeit

Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner hat der Deutschen Presse-Agentur Bamberg ein Interview zur Fastenzeit gegeben. Die Fragen stellte Kathrin Zeilmann:

1.    Warum lohnt es sich, in der Fastenzeit auf etwas bewusst zu verzichten?
Wer verzichtet, sagt damit: „Ich brauche das nicht!“ Wer fastet, setzt für sich selbst ein Zeichen der Freiheit. Wir brauchen viel weniger als wir denken, um glücklich zu leben. Manche verzichten auch bewusst auf Dinge, von denen sie wissen, dass sie tendenziell zu viel zu sich nehmen: Fleisch, Süßigkeiten, Alkohol sind dafür typisch. Manche lassen von diesen drei Genüssen gerade das, worauf zu verzichten ihnen am schwersten fällt. Eine Parallele zur Passion Christi ist das bestimmt nicht und doch erinnern sie sich dabei an das Leiden Jesu. Danach wird Ostern, die Auferstehung Jesu, auch zu einer sinnlichen Freude.

2.    Ist die Fastenzeit ein „altmodischer Brauch“ - oder beteiligen sich womöglich auch gerade viele jüngere Menschen daran?
Viele Junge sind aufgewachsen in einer Situation, in der es jeden Tag alles gibt und alles möglich ist. Jeder Tag ist gleich – manchmal auch gleich langweilig. Die Bräuche des Kirchenjahres setzen unterscheidbare Zeiten. Wie die Jahreszeiten die Natur wandeln, sodass wir in diesem Wandel die Natur bewusster wahrnehmen, so sind die Kirchenjahreszeiten mit ihren Bräuchen eine christliche Kultur, in der wir auch die Inhalte unseres christlichen Glaubens  bewusster wahrnehmen. Manche Inhalte gehen uns völlig verloren, wenn wir keine passenden Bräuche haben. Glaube braucht  Bräuche.

3.    Das Motto der evangelischen Kirche für die Aktion „Sieben Wochen ohne“ lautet in diesem Jahr der Verzicht auf Vorsicht: „Riskier was, Mensch!“ Was haben wir darunter zu verstehen?
Es könnte ja sein, dass wir nicht nur zu viel Schokolade im Magen haben, sondern auch zu viel Angst. Zu viel Angst hindert uns am Leben, an der Liebe, an der Freude. Riskier was, trau dich – hab Vertrauen, dass Christus bei Dir ist. Christus kann uns sanft berühren in der Magengrube, dort wo die Angst sitzt: „Fürchte Dich nicht“. Er geht mit und hilft zu sagen und zu tun, was notwendig ist. Wer glaubt, verzichtet auf lebenshindernde Angst. In diesem Sinne: Wer glaubt, riskiert mehr.

4.    Abseits vom Verzicht gilt die Fastenzeit auch als Gelegenheit, sich besonders intensiv mit Glaubensfragen zu beschäftigen: Sie hatten die Idee, mit dem Erzbistum Bamberg erstmals Exerzitien im Alltag anzubieten. Warum?
Ich habe eine große Sehnsucht: Gegen bröckelnde Bräuche geben wir unserem Glauben wieder Gestalt, wir reden über ihn, freuen uns über ihn, leben ihn selbst und gemeinsam. Gegen religiöse Erosionsprozesse können wir etwas tun. Alltagsexerzitien helfen zu neuer Glaubensvertiefung. Gerade weil die Fastenzeit eine begrenzte Zeit ist, machen manche mit.

5.    Welche Impulse für die Ökumene erhoffen Sie sich dadurch?
Es gibt kein festeres Fundament für theologische Lehrgespräche auf höchster Ebene als das Gespräch des Kirchenvolkes über die Bibel.  Bamberg und Bayreuth kann darin Vorbild sein für Rom und Genf. In den Alltagsexerzitien beten evangelische und katholische Gemeindeglieder miteinander, und es geht um den gemeinsamen Glauben und nicht um Kirchenpolitik. Das gemeinsame Gebet hat größere Macht als kirchenpolitische Widerstände.

6.    Nach der Fastenzeit folgt der Karfreitag, dann Ostern. Erlebt man diese Tage intensiver, wenn man vorher auch die Fastenzeit bewusst erlebt hat?
Wie könnte es anders sein?

Dr. Dorothea Greiner, Bayreuth, 11.2.2013