Der Terror wird nicht siegen

Osterpredigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 26. März 2016 in der Stadtkirche in Bayreuth

Liebe Gemeinde

Hören wir unser Bibelwort für das Osterfest. Paulus geht es darin um den Kern des Glaubens. Er schreibt im 15. Kapitel des 1. Briefes an die Gemeinde in Korinth:

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.
Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.
Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. … Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt.

„So habt Ihr geglaubt“. Unser heutiges Bibelwort ist faszinierend, weil es das vielleicht früheste Glaubensbekenntnis enthält, das in Gottesdiensten der ersten Gemeinden gesprochen wurde.
Es enthält vier Teile: Wir glauben:
-    Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;
-    und dass er begraben worden ist;
-    und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;
-    und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.
Diese vier Sätze enthalten keine für Paulus typischen Formulierungsweisen. Paulus bildet grammatikalisch Sätze anders. Er formuliert sonst denselben Kreuzes- und Auferstehungsglauben mit anderen Worten.
Das bedeutet: Paulus zitiert hier vier Sätze, die er nicht selbst gebildet hat, sondern auf die er sich einlässt und die er weitergibt.
Diese vier Glaubensinhalte:
Christus ist erstens gestorben,
zweitens begraben worden,
drittens auferstanden,
viertens gesehen worden,
sind Urbekenntnis der ersten christlichen Gemeinden.
Paulus schreibt diesen Brief an die Korinther im Jahr 54 nach Christi Geburt. Das bedeutet, dass nach Jesu Kreuzigung, die vermutlich im Jahr 33 war, sich binnen zwanzig Jahren ein festes Glaubensbekenntnis der Christen herauskristallisiert hat, das so verbreitet ist, dass dieser große Theologe Paulus es zitiert und weitergibt.

„Was glaubst Du?“, sind Menschen gefragt worden, als sie sich als Erwachsene taufen ließen. Für das Bekennen des eigenen Glaubens im Taufgottesdienst entstanden Bekenntnisse. Die ersten Glaubensbekenntnisse handelten – wie dieses - rein von Christus, denn das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus, unterschied die Christen vom Glauben in ihrer Umwelt.
Diese Taufbekenntnisse wurden mit der Zeit umfangreicher und sie wurden trinitarisch. Das Bekenntnis zu Christus wurde eingebettet in das Bekenntnis zum Vater, der die Welt erschaffen hat, und zum Heiligen Geist, der Glauben weckt, die Kirche erhält und ewiges Leben schenkt.
Vorhin haben wir gemeinsam das Bekenntnis gesprochen, das auf den frühen christlichen Synoden in Nicäa im Jahr 325 und in Konstantinopel 381 als Konsens festgehalten wurde. Seit 1700 Jahren geben wir Christen damit unseren Glauben weiter.

Meist bekennen wir unseren Glauben mit dem kompakteren Apostolischen Glaubensbekenntnis aus dem 5. Jh. Das Nicäno-Konstantinopolitanum aber sprechen wir besonders an Christusfesten, wie heute, weil sein Mittelteil, der Christusteil, viel stärker ausgebaut ist. Das rührt eben daher, dass die frühen Glaubensbekenntnisse reine Christus-bekenntnisse waren.
„Am dritten auferstanden Tage nach der Schrift“, diese Formulierung in unserem Bibelwort, kommt wörtlich vor im Nicäno-Konstantinopolitanum. Es ist faszinierend, wie das Auferstehungs-Bekenntnis sich im Kern erhält über nun fast 2000 Jahre.

Schauen wir uns das biblische Urbekenntnis näher an.
Eigentlich ist es ein zweigeteiltes Bekenntnis. Der erste und der zweite Satz gehören zusammen, so wie auch der dritte und vierte.
Wir glauben, erstens dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und zweitens dass er begraben worden ist.
Der zweite Satz dient eigentlich nur zur Bestätigung, dass Christus wirklich tot war. Er wurde nicht zu früh vom Kreuz abgenommen und wieder aufgepäppelt. Nein, er war ganz und gar tot, sodass er auch begraben wurde.
Der zweite Satz bekräftigt den ersten, der besagt, dass Christus gestorben ist für unsere Sünden.
Dieser Satz war damals ein Hammer – und er ist es bis heute.
Er bedeutet: Eurer Bild vom Messias, vom Christus, vom Erlöser der Welt, ist anders als Ihr bisher dachtet. Bis zu Jesu Tod war klar: der Messias, Christus, wird in der Welt das Heft in die Hand nehmen, militärisch oder mit einem Wunder die Römer vertreiben und durch seine große Macht ein Weltreich des Friedens errichten.
Dieses Bild vom starken Mann zerplatzt mit diesem Bekenntnis: Christus der Erlöser, der Held Gottes, zeigt sich ganz anders: Er stirbt für unsere Sünden.

Dieses Bekenntnis mögen manche nicht, weil wir damit ja erst zu Sündern gemacht würden. Irre! Als ob wir Menschen erst zu Sündern gemacht werden müssten!
Wenn wir die Nachrichten wahrnehmen, dann sehen wir, zu was der Mensch fähig ist. Der Mensch ist nicht von sich aus gut. Es kommt darauf an, wem er dient – sich selbst und den eigenen Zielen oder dem vergebenden, liebenden Christus. Drittes gibt es nicht.
Die Attentäter von Paris (im November) und Brüssel (vor einer Woche) sind nicht von Gott geleitet, auch wenn sie Allahu akbar rufen. Sie sind geleitet vom Hass, von widergöttlichen Mächten. Denn wie Gott ist, wird in Christus sichtbar. Gott ist groß - in seiner Liebe.
Der Tod der Attentäter und der Tod Jesu bilden den größtmöglichen Gegensatz. Hier Selbsttötung aus Hass, um Tod und Angst zu säen; dort Foltertod  mit der Bitte „Vater vergib ihnen“, um noch im letzten Atemzug Liebe und Versöhnung zu säen.
Schauen wir aber nicht nur nach Paris und Brüssel, sondern hinter die Fassaden vieler Häuser bei uns. Wie machen sich viele Menschen das Leben gegenseitig schwer und nehmen sich wechselseitig Glück und Freiheit, weil sie zuerst sich selbst dienen und nicht Christus, der zum Leben und zur Liebe befreit.
Wirklich heil werden kann die weite und die private Welt nur durch Christus. Er ist gestorben für jede Sünde in dieser Welt, auch für die der Attentäter, auch für die großen und kleinen Tyrannen in den Familien. Wenn wir Christus, der uns vergibt, dienen, dann gehen wir den Weg, zu vergeben. Das ist ein Weg, der hier oft nur schwer gelingt und wohl erst im Himmel ans Ziel kommt, wenn wir alle vor Christus stehen.
Doch nur durch diesen Weg des Vergebens wird die Teufelsspirale der Gewalt und des Hasses durchbrochen.
Wir müssen uns schützen vor Attentätern und manchmal auch vor Menschen im beruflichen oder familiären Kontext; doch nicht aus Hass sondern aus einer durch Christus gestärkten Liebe und Klarheit, die dem Bösen Grenzen setzt.
Christen lernen zu verstehen, dass auch sie selbst nicht schuldlos durch diese Welt wandern. Wie schwer ist es manchmal, in der eigenen Familie nicht die vorhandenen Problemlagen zu verstärken, sondern lösend zu wirken. Das geht nur, wenn wir die eigenen Anteile sehen und bitten: Christus vergib mir und hilf mir Deine Liebe zu säen. Wir Christen sind durch den gekreuzigten Christus von uns selbst befreit, befreit den Weg der Liebe zu gehen.

Doch, liebe Gemeinde, Jesu versöhnender Tod wäre in Vergessenheit geraten, wenn Gott Jesu Weg der Liebe nicht durch die Auferweckung bestätigt hätte.
Zum Urbekenntnis gehört darum von Anfang an der zweite Teil,
dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;
und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.
Und wieder ist der zweite Satz die Bekräftigung für den ersten. Die Begegnung mit dem Auferstandenen warf ein neues Licht auf seinen Tod. Diese Begegnungen mit dem Auferstandenen veränderten die Sicht auf den Tod Jesu und auf die ganze Welt. Die Menschen wurden erfüllt von der Gewissheit, dass die Wirkmacht Jesu mit dem Tod nicht zu Ende war, sondern mit diesem Tod nur noch stärker wurde.
Mir ist Christus einmal so im Traum erschienen, dass ich aufwachte und positiv entsetzt und getröstet war. Bis heute bewegt mich das. Damals aber – nach Jesu Tod - begegnete Christus nicht nur im Traum, sondern mitten im Leben. Das war noch viel umstürzender hin zur Gewissheit: Der Gekreuzigte ist auferstanden. Wer sich an ihn hält wird leben und Leben bringen in diese Welt.

Beide Doppelsätze unseres Urbekenntnisses gehören zusammen.  Sie bilden sich auch vorne in unserem Hochaltar ab. Wie trostlos wäre der Altar nur mit dem Bild von Jesus, der den Kelch des Leidens trinkt. Doch über ihm ist der Auferstandene zu sehen. Es ist derselbe Herr, der den Weg der Liebe ging mit all den Schatten, die dieser Weg hat – und der nun lebt und regiert.

Was glauben wir? Dass der Terror siegen wird? Der Terror wird uns noch Jahre begleiten. Aber siegen wird er nicht. Mein Vertrauen gilt Christus. Er sammelt seine Gemeinde, die in ihrer großen Schwachheit und doch auch in der Kraft seiner Liebe die Welt gestaltet.
Immer wieder überrascht Gott mich. Da fahre ich in eine Gemeinde der Böhmischen Brüder in Tschechien und erwarte ein kleines überaltertes Grüppchen zu treffen wie sonst auch. Und was finde ich vor: Ein Gemeindehaus voll mit jungen Mütter und Kindern. Das Haus platzt aus allen Nähten, darum will die Gemeinde eine neue Kirche bauen.
Oder auch dies, dass nach dem letzten Internationalen Gottesdienst vor einer Woche 15 Menschen aus Iran darum bitten, getauft zu werden. Wir werden sie erst einführen in unser Glaubensbekenntnis. Doch sie haben im Gottesdienst schon begonnen es zu sprechen. Schon in den Gottesdiensten davor hatte ich mich gewundert, dass Muslime nach vorne kommen zu einer Frau im Leitungsamt mit dickem Kreuz auf der Brust – beides eigentlich höchst unattraktiv für Muslime - und sich mit strahlenden Augen segnen lassen.
Es ist die Liebe des Gekreuzigten, und die Kraft des Auferstandenen, die immer wirken werden in dieser Welt durch ihn selbst und Euch, die Ihr ihn in Euch wirken lasst. Immer führt dann Euer Weg zum Leben in Liebe – hier mit ihm und einst bei ihm. Das glauben wir, manchmal nur tastend und zweifelnd - dann erwarten wir wieder nur das überalterte Grüppchen. Wie gut, dass Christus größer ist als unser Glaube.
Wie gut ist es, dass wir tiefe Glaubensbekenntnisse haben. Wir tragen sie weiter; aber eigentlich tragen sie uns in die Zukunft. Amen.

Lasst uns jetzt kleines Experiment wagen, Michael Dorn hat es vorgeschlagen. Wir singen ein Glaubenslied auf die Melodie eines Osterliedes.
Denn unser Glaube ist durchdrungen von der Auferstehungshoffnung, vom Ostersieg.
Wir singen: „Ich glaube: Gott ist Herr der Welt“ – doch mit Ostermelodie und Halleluja.