Weihnachtspredigt der Regionalbischöfin

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 1. Weihnachtsfeiertag in den Gottesdiensten in der Spitalkirche Bayreuth

„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsere Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“ (Galater 4,4-7)

Liebe Gemeinde,

Gott sandte seinen Sohn, geboren von einer Frau. Ja, wie denn sonst?, mag man fragen. Doch andere Religionen haben ganz andere Vorstellungen vom Kommen eines Gottessohnes. In den griechischen Sagen erscheinen die Göttersöhne als athletische Männer schönen Frauen und zeugen Halbgötter. Sie selbst aber waren nie im Status eines neugeborenen, hilflos schreienden Säuglings.
Oder denken wir an die Drusen auf den Golanhöhen und im Libanon. Sie meinen, dass der Erlöser von einem Mann geboren wird. Daher tragen die Männer der Drusen ja auch diese weiten Hosen, damit das Kind weich fällt.
Allein der Blick in diese beiden Religionen zeigt: Das Sonderbare im christlichen Glauben ist gerade die Normalität, in der unser Erlöser kommt: Nackt wie jeder Neugeborene und von einer Frau zur Welt gebracht, wie wir alle geboren wurden.

Und es geht auch ganz normal weiter. Von diesem in die Welt gesandten Gottessohn heißt es in unserem Bibelwort: „Er war unter das Gesetz getan.“ Er wuchs auf unter den Gesetzen, die zu seiner Zeit galten: Von den religiösen über die gesellschaftlichen Gesetze bis hin zu den ungeschriebenen in den Dörfern und Familien.

Max Ernst malte im Jahr 1926 ein Bild, auf dem Maria dem etwa dreijährigen Jesus den nackten Hintern versohlt. Die Backen sind schon gerötet, sein Heiligenschein ist gerade dabei auf den Boden zu fallen. Auf der Suche nach diesem Bild im Internet, habe ich es gefunden mit einem Kommentar einer Unbekannten: „Oh, das ist wunderschön, das Bild. Und auch wenn ich natürlich dagegen bin, Kinder zu schlagen, macht es mir die Maria doch gleich etwas sympathischer“ – und ich füge hinzu und es macht mir auch Jesus sympathischer – wenn das überhaupt noch möglich ist. Es ist jedenfalls ein Bild, das konkretisiert: Jesus war Mensch wie Du und ich, in einer ganz normalen Familie.
Als Erwachsener aß und trank er gern und konnte Gutes fröhlich genießen. Und ansonsten hielt er sich auch an die allermeisten staatlichen und religiösen Gesetze, mit wenigen Ausnahmen, zu denen wir noch kommen.
Was Menschen ihm Böses zudachten, erlitt er ungefiltert.  Als er gefangen genommen wurde, entführten die Engel Gottes ihn nicht in den Himmel. Er starb am Kreuz. Das Gesetz, dass jedermann, der geboren wird, auch sterben muss, war auch ihm gesetzt.
All das meint unser Bibelwort, wenn es sagt: „Er war unter das Gesetz getan.“
Wozu? Unser Bibelwort nennt das Ziel: „damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen“.
Er teilt unser Leben, um sein Leben mit uns zu teilen. Er stellt sich in die Fesseln normalen menschlichen Lebens, um unsere Fesseln zu lösen, uns zu erlösen. Er – der Gottessohn – wird Knecht, damit wir freie Gottessöhne und -töchter werden.

Diese Symbolik, dass wir verwandelt werden vom Sklaven zum freien Gotteskind ist für mich wesentlich plastischer geworden seit ich auf Sansibar war, einem Zentrum des ostafrikanischen Sklavenhandels.  Dort kann man noch die alten Keller besichtigen, in denen die Schwarzen, die aus ihren Dörfern entführt wurden, eingepfercht waren wie Tiere; ein Raum, nicht höher als 1,20m, in der Mitte eine große Rinne, durch die das Wasser bei Flut steigt, alles überflutet und bestenfalls die Exkremente wegspült. Tagelang sollen die Schwarzen darin eingepfercht gewesen sein, so eng, dass sie manchmal ihre Arme und Beine nicht mehr gerade bekamen, wenn man sie nach oben zerrte.
Dann wurden sie an einen Pfahl gebunden und einzeln an Gutsbesitzer zum Verkauf angepriesen. Manche wurden noch extra geschlagen, um zu sehen, wie leidensfähig und duldsam sie sind. Dann wurden sie verkauft als leibeigener Knecht, bzw. Sklave oder Sklavin.
Erst als die Engländer nach Sansibar kamen, beendeten sie 1897 den Sklavenhandel, und errichteten mitten auf diesem Sklavenmarkt die erste Kirche Sansibars.
In ihr steht ein Altar.  Auf seiner Frontseite ist der in Stein eingemeißelte Jesus zu sehen, wie er unter der Last zusammenbrechend sein Kreuz trägt. Und dieser Altar steht genau am Ort des Pfahles, an dem früher die Sklaven angebunden und verkauft wurden.

Wenn wir nun unser Predigtwort genauer anschauen, dann ist das Wort, das Luther im Deutschen wiedergegeben hat mit „erlösen“ eigentlich richtiger mit „freikaufen“ zu übersetzen. Gott sandte seinen Sohn – und nun wörtlich: „damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen und damit wir die Sohnschaft erlangen“. Das Wort für Freikauf heißt im Griechischen: Ex-agorase. Agora, auf Deutsch: „Markt“. Exagorase bedeutet wörtlich – weg vom Markt. Wir werden nicht mehr vermarktet, verkauft. Das Gegenteil geschieht durch Christus: Wir werden freigekauft; wir sind frei.
Paulus redet nicht von irgendjemand. Er bezieht diesen Freikauf auf sich und auf jeden Mann, jede Frau in der Gemeinde. Wir – freigekaufte Sklaven?
Wenn man in jenen Keller auf Sansibar hinabsteigt, und sich hinsetzt auf die Steinplatte unter der niedrigen Decke, braucht es nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie man selbst in dieser Situation leiden würde und auch wie es wäre, gebunden mit Fußfesseln am Pfahl zu stehen. Der Sklavenhändler kommt, zieht die Lippen weg, damit man sieht, wieviel Zähne noch im Mund sind, haut gegen den Bauch, um die Muskeln und die Reaktionsfähigkeit zu testen. Tobende Angst: Wer wird mich kaufen, was wird mit mir geschehen?
Aber dann geschieht im Bild unseres Predigtwortes das völlig Unerwartbare: Einer tritt vor, er sagt zum Sklavenhändler: „Den kaufe ich, und die auch.“  Dann geht er auf die Gefesselten zu, bindet sie selbst los und sagt zu beiden: „Du bist frei. Mein Vater nimmt dich an als sein Kind, wie ich es bin. Du gehörst jetzt zu unserer Familie. Du bist Tochter meines Vaters, du bist Sohn meines Vaters, wie ich auch.“
Durch Christus geschieht genau dies mit uns.

Aber halt, wieso wird unser Leben ohne die Begegnung mit Christus verstanden als Leben in Knechtschaft, in Sklaverei? Für Paulus sehr klar: Keiner ist frei; es sei denn, er ist durch Christus aus allen Gesetzen und Gesetzlichkeiten befreit. Menschen, die libertinistisch leben, denen ihre Freiheit über alles geht, wären es übrigens am allerwenigsten. Sie wären Sklaven ihres Freiheitsbedürfnisses.
Und wir? Wer oder was hat uns im Griff? Unglaublich, wie beispielsweise jeder normale Mensch der Maschinerie des Marktes gehorcht. Wer von Ihnen hatte vor zwanzig Jahren ein Handy? Wer von Ihnen hat heute keins? Entschuldigung, manche haben schon gar kein ordinäres Handy mehr, sondern ein Smartphone. Kennen Sie Pomelos? Eine neue Citrusfrucht. Mir schmeckt sie sehr gut. Gehört, gekauft. Oft merken wir gar nicht, wie gesteuert wir sind und den Mächten des Marktes gehorchen.

Nun, das ist nicht alles schlecht. Jesus war auch mitten drin. Den Gesetzen untertan, ganz normal. Interessant ist aber, wo er das Gesetz bricht. Er bricht als frommer Jude sogar eines der 10 Gebote. Am Sabbat darf man nicht arbeiten. Jesus aber heilt einen Menschen, der seit Jahren gelähmt war am Sabbat. Hätte das nicht warten können? Nein, jetzt begegnet er diesem Menschen. Jetzt ist die Chance ihn zu heilen. Jesus nimmt sich die Freiheit das Sabbatgebot zu brechen, warum? Aus Liebe zu diesem Menschen, aus Erbarmen. Und er sagt dazu: „Der Sabbat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Die Freiheit, die Jesus verkörperte, hatte ihren Grund in der Liebe zum einzelnen Menschen. Die meisten Gebote hat er beachtet, doch überall hat er geschaut, welchen Spielraum zur Liebe sie eröffnen. Das ist der freie Umgang mit allen Gesetzen, den er lehrte und lebte und den es auch heute braucht.

Auch ihr seid frei, sagt Paulus. Ihr seid Gotteskinder wie Christus. Ihr seid sogar eingesetzt zu Erben. Euch gehört der Himmel. So lebt in der Freiheit der Kinder Gottes, in der Freiheit der Liebe. Ihr seid dem Gesetz untertan wie Christus es war, aber wie er, seid ihr frei. Der Geist ist in euch, der euch zum Vater rufen lässt: Vater unser im Himmel, Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Warum betont Paulus die Freiheit und die Kindschaft so sehr? Weil Paulus wahrnimmt, dass die Christen im Alltag die herrliche Freiheit der Kinder Gottes zu verlieren drohen. Sie lassen sich wieder binden an den Pfahl irgendwelcher ungeschriebenen Gesetze, sie lassen sich wieder vermarkten und einkaufen wie der Rest der Gesellschaft auch. Und nichts unterscheidet uns Christen dann mehr von anderen.
Doch, sagt Paulus, ihr seid anders. Ihr seid frei. Ihr gehört dem Himmel, nicht den Mächten dieser Welt, nicht dem Markt. Es geht nicht ums Handy und nicht um die Pomelo. Es geht um die Frage, wo wird die Liebe verletzt?
Ich habe den Eindruck, dass einer der Brennpunkte in unserer Gesellschaft unser Umgang mit Asylbewerbern ist.
Am Montag vor einer Woche war ich im Asylbewerberheim im Kronach. Wir waren zu Gast bei Schwarzen aus Äthiopien. Vier Frauen kochten für uns, vegan sogar, denn sie sind Christen und halten den Advent als Fastenzeit.
Eine andere Familie, muslimisch, hatte wunderbaren Kuchen gebacken. Der Mann bedankte sich überaus, für alles, was seiner Familie in Deutschland an Gutem geschieht. Sein Sohn war, als sie hier vor zweieinhalb Jahren ankamen, völlig traumatisiert. In der Einrichtung der Lebenshilfe lernte er wieder, Menschen überhaupt anzuschauen.
Vergangenen Freitag bekam ich eine Mail mit einer schlimmen Nachricht. Völlig überraschend stand direkt drei Tage nach unserem Besuch um 6 Uhr morgens die Polizei mit dem Leiter der Ausländerbehörde vor der Tür der Familie; binnen ungefähr einer Stunde mussten sie die Koffer packen. Ohne jede Vorwarnung wurden sie sofort abgeschoben. Wer achtet schon bei geduldeten Flüchtlingen auf ein traumatisiertes Kind?
Gesetzlich ist bei dieser Abschiebung nichts einzuwenden. Aber suchen alle, die mit der Anwendung der Asylgesetze zu tun haben, wirklich nach den Spielräumen der Liebe? Nein, das sehe ich nicht. Zu groß ist auch in unserer Gesellschaft, die Angst um unseren geliebten Wohlstand.
Ich bin überzeugt, in der Asylbewerberfrage wären einige Gesetze – übrigens auch zum Wohle unserer Gesellschaft  – zu ändern. Doch wenn wenigstens bei den bestehenden Gesetzen die Spielräume der Liebe ausgelotet würden, wäre schon viel gewonnen. Das an manchen Orten der Fall, doch längst nicht überall.
Ich bin dankbar, dass durch meinen Besuch und durch die Zeit vor Weihnachten, die uns sensibler macht für Unmenschlichkeit, dieser Fall in die Öffentlichkeit gekommen ist.
Wir können nicht allen Flüchtlingen Bleiberecht einräumen. Und doch, lasst uns als Christen die Freiheit der Kinder Gottes nutzen und nach den Spielräumen der Liebe fragen und nach ihnen Ausschau halten – überall, in unseren Familien, an unserer Arbeitsstelle, dort, wo wir Einfluss haben und leben. Unser Gott ist uns heilig, nicht unser Wohlstand. Die Mächte dieser Welt haben zu dienen – auch das Geld.
Ihr seid freigekauft von der Herrschaft aller Mächte. Ihr seid keine Knechte, sondern Kinder Gottes, der Himmel gehört Euch. Christus wurde Euch geboren, um Euch zu befreien, Euch den Blick zu öffnen für die Spielräume der Liebe. Unsere Kindschaft, unsere Freiheit von allen bindenden Mächten – unsere Freiheit zur Liebe – war das Ziel der Geburt Jesu Christi. Dazu sandte Gott seinen Sohn.
„Er äußert sich all seiner G’walt wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.“ Damit wir frei sind, frei sogar zu der Liebe und der Freundlichkeit, die er uns erweist. Amen.