Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner bei der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November 2013 in Burgpreppach zu Lukas 6,27f

Liebe Schwestern und Brüder!
Bei der heutigen Feier gedenken wir der Opfer des Nationalsozialismus vor 75 Jahren. Doch es geht auch um die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Gerade im Gottesdienst hören wir, was Gott heute von uns fordert, was Gott uns heute schenkt.
Als Bibelwort zur Grundlage meiner Predigt wähle ich einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium. Er gehört für mich zu den wegweisendsten biblischen Worten. Ich lese aus dem sechsten Kapitel des Lukasevangeliums:

Liebt Eure Feinde;
tut wohl denen, die euch hassen;
segnet, die euch verfluchen;
bittet für die, die Euch beleidigen.

Haben Sie Feinde? Es gibt Menschen, die mir feindlich gesonnen sind. Seit vergangenem Mittwoch findet sich mein Bild auf der Startseite des „Freien Netzes Süd“. Dies ist die rechtsradikale Gruppierung, die in unserem Kirchenkreis ein Gebäude in Oberprex bei Hof erworben hat. Die Kirchengemeinde Regnitzlosau leidet sehr darunter.
Die Nachricht, die vom Freien Netz Süd über mich verbreitet wird, steht unter der Überschrift:  „Bayreuther Regionalbischöfin für Koran-Verteilungen“. Solch eine Meldung ist eine üble Verdrehung. Wer mich kennt, weiß, dass ich das nicht fordern würde. Es ging mir um die aktive Verbreitung von Bibeln. Doch wer als öffentliche Person das Thema Juden oder Muslime in unserer Gegenwart behandelt, muss damit rechnen, von Rechtsextremen genau beobachtet zu werden. Wer in ihren Augen zu judenfreundlich ist oder Muslimen ein Recht auf Religionsausübung zugesteht, muss damit rechnen im Fadenkreuz der Rechtsextremen zu landen.
Wenn ich nun weiter von dieser Internetseite zitiere, so nicht, weil es mir um mich ginge, sondern um deutlich zu machen, was in unserem Land läuft. Es heißt dort also: „Widerstand sei nach der gebürtigen Frankfurterin gegen das „Freie Netz Süd“ ebenso geboten wie gegen die NPD, hetzte die evangelische Kirchenfunktionärin des Jahrgangs 1957 … in Richtung der Nationalsozialisten….“ – ich danke für die Ehre, zwei Jahre älter gemacht worden zu sein, doch weiter im Text -  „Die Regionalbischöfin ist aber offensichtlich ein ganz besonderes Exemplar der Anwanzerei an die herrschende Klasse. So überreichte Greiner erst Mitte August 2013 eine satte Spende von 50.000 € der bayerischen evangelischen Landeskirche für das neue ´Jüdische Kultus- und Kulturzentrum` in Bayreuth. Ein Martin Luther würde sich angesichts der horrenden Finanzierung des Judentums und dem einhergehenden Mißbrauch von Kirchengeldern durch Protestanten wohl im Grabe umdrehen“.
Ich zitiere das hier auf der Kanzel, weil ich überzeugt bin, dass unsere Strategie nicht schon wieder das Wegschauen und Verschweigen sein darf, sondern das Hinschauen und Hinhören um im Geist Gottes diesem Ungeist entgegenzutreten.  Er ist verbreiteter als viele von uns denken. Es ist nicht zu glauben, welche Briefe und Mails ich nach der Spendenübergabe der 50.000 € erhalten habe.  Es hat mir noch mehr die Augen geöffnet, welch tiefe Juden- und auch Fremdenfeindlichkeit es in der Gegenwart in unserem Volk gibt. Dabei ist dieser Betrag doch winzig im Verhältnis zu dem, was den jüdischen Gemeinden und Privatleuten damals genommen wurde. Ganz zu schweigen davon, dass Heimat und vor allem Menschenleben durch keinen Geldbetrag ersetzt werden können.
Die Verbrennung der Synagogen und der jüdischen Schriften vor 75 Jahre, die Schläge gegen jüdische Mitbürger, ihre Verängstigung, Verfolgung, Ermordung geschah mitten unter uns.
Ich weiß nicht, ob ich damals Widerstand geleistet hätte, bei den Pogromen hier in Burgpreppach oder in den Dörfern ringsum. Ich zweifle daran. Ich bin nicht besser. Mit Ihnen zusammen will ich dazulernen und mich unserer Geschichte stellen, auch wenn es weh tut. Es tut uns heute in der Seele weh, in Berichten zu lesen, was jüdische Mitbürger vom Kind bis zum wehrlosen Greis erlitten haben. Und es tut uns auch in der Seele weh, dass Dorfkinder von ihren Lehrern verführt wurden, Steine in jüdische Geschäfte zu werfen, Synagogen zu verwüsten und ihre jüdischen Mitschüler auszugrenzen. Die Kinder glaubten doch ihren Lehrern.
Manche von diesen damaligen Kindern leben heute noch. Keiner unter uns wird sie beschuldigen. Sie sind in gewisser Weise auch Opfer des Nationalsozialismus; und doch schämen sich manche von ihnen heute noch dafür. Da hilft kein Verdrängen. Es hilft nur die Bitte: Vater vergib.
Mancher unter uns denkt vielleicht auch an seinen Vater und seine Mutter, die damals gelebt haben. Auch wenn etliche von ihnen schuldig wurden durch Wegschauen oder gar aktives Handeln, bleiben sie doch unsere Mütter und Väter. Es hilft uns heute, die Liebe zu ihnen nicht zu verlassen oder sogar wieder zu gewinnen, wenn wir bitten im Blick auf sie und unser Volk: Vater vergib.
Sollte hier im Raum jemand sein, der sich noch persönlich oder familiär belastet fühlt, so hilft nur eines als erster Schritt allein für sich oder in Begleitung eines Pfarrers: Gott um Vergebung zu bitten. Gott schenkt Vergebung und Freiheit von lähmenden Bindungen der Geschichte.
Dieses Verdrängen zu beenden, darüber zu reden und um Vergebung zu bitten ist wichtig, weil wir dadurch frei werden für die Gegenwart. Die Menschen in den Fängen des „Freien Netzes Süd“ wissen nichts von der Freiheit eines Christenmenschen, von der Freiheit durch Vergebung, von der Freiheit zum neuen Leben in Liebe.

Ich kann mir  kaum einen größeren Gegensatz denken als den zwischen rechtsextremen menschenverachtenden Ideologien und der Idee der Liebe, die Christus in uns pflanzt.
Liebt Eure Feinde;
tut wohl denen, die euch hassen;
segnet, die euch verfluchen;
bittet für die, die Euch beleidigen.
Dieses Wort Jesu ist so umstürzend, weil aus ihm deutlich wird: Jesus will unsere Liebe zu Opfern von Gewalt und sogar zu den Tätern. Er hasst die Tat und liebt doch den Täter, den er nicht aufgibt, sondern zur Umkehr ruft.
Was heißt dieses Gebot für die Auseinan-dersetzung mit den Rechtsextremen heute?
Zum einen braucht es die staatliche Überwachung und auch die staatliche Gewalt, die Grenzen setzt und straft, wenn rechtsextreme Straftaten begangen werden. Denken wir an die NSU-Morde. Es gibt Böses in dieser Welt und der Rechtsstaat hat die Aufgabe Grenzen zu setzen – zur Not mit Gewalt. Er ist dazu da, Rahmenbedingungen aufrecht zu erhalten, sodass ein Leben im Frieden für alle Bürger möglich bleibt.
Christus widerspricht einer solchen staatlichen Rechtsordnung, die im Notfall Gewalt anwenden muss, nicht mit seinem Liebesgebot, weil und wenn sie dem Leben in Liebe aller dient. Das ist das durch dieses Gebot gesetzte Kriterium.
Es geht zum anderen aber noch einen gewaltigen Schritt weiter. Es ruft Christen dazu auf, das Böse mit Gutem zu überwinden. Was heißt das heute?
Das Gebot Jesu ist klar. Auch ich habe die Aufgabe, für die, die mich beleidigen zu bitten, auch für die, die hinter jenem Internetauftritt stehen. Wie oft werden Polizisten beleidigt. Es hilft ihnen maßvolle Maßnahmen zu ergreifen, wenn sie im Stillen Gott für diesen Menschen bitten.
So geistesgegenwärtig sind wir alle meist nicht, doch es ist so entscheidend für unser aller Christsein in diese Grundhaltung mehr und mehr hinein zu finden – in die Liebe gegenüber jedem Menschen egal welcher Gesinnung, Nationalität oder Religion er ist.
Das Gebet für Internetautoren ist nicht schwer: für Menschen, die uns in unserer direkten Verwandtschaft, Nachbarschaft, Bekanntschaft ärgern, ist es viel schwerer, weil viel näher. Sollten wir in unsere Leben Menschen kennen, von denen wir uns beleidigt fühlen, oder die uns wirklich beleidigen, so gibt Christus uns den Auftrag gerade für diese Menschen in Liebe zu beten. Ich glaube an die Macht der Liebe Jesu Christi, die jeden Menschen verändern kann und die nie einen Menschen aufgibt. Wir Christen glauben, dass die Liebe Christi stärker ist als alles. Dieses Gebet in Liebe verändert auch uns selbst; es macht uns frei von Ärger und frei von Angst.
Wir Christen haben dieser menschenverachtenden Ideologie das Wirksamste überhaupt entgegenzusetzen. Wir setzen Liebe zu allen Menschen - gegen den Hass. Wir setzen menschenfreundliche Zuwendung - gegen menschenverachtendes Handeln. Wir setzen das Kreuz - gegen das Hakenkreuz. Es stand schon immer dagegen.
Denn nirgendwo sehen wir größere Liebe als am Kreuz. Nirgendwo hören wir stärke Worte gegen Hass und Gewalt als die des sterbenden Jesus: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Der Gefolterte bittet für seine Schinder.

Diesen Weg der Bitte „Vater vergib“ können wir gehen im Blick auf unsere Schuld und auf die anderer. Unter diesem Blick der Liebe Jesu werden wir fähig jede Schuld anzuschauen.
Es gehört zu den großen Perversionen in der Geschichte des Christentums, dass der Tod Jesu als Grund missbraucht wurde, um Juden zu verfolgen. Erstens haben wir Christen kein Recht denjenigen etwas nachzutragen, denen Christus schon vergeben hat. Zweitens brüllte das ganze Volk „Kreuzige ihn“ – und es ist die große Frage, ob wir nicht mitgebrüllt hätten. Wir sind nicht besser.
Golgatha war nicht die Schuld der Juden im völkischen Sinne. Vielmehr zeigt in dem Volk von damals die Menschheit ihr Gesicht. Und in der Reichspogromnacht zeigte sie wieder dieses entsetzliche Gesicht – dieses Gesicht, das die Liebe vergessen hat. Auch wir Christen sind nicht davor gefeit, diese Liebe zu vergessen, uns zu vergessen, Christus zu vergessen. Auch in diesem Sinne wenden wir uns heute gegen das Vergessen.

Es hat mich theologisch und menschlich sehr bewegt als ich Luthers judenfeindliche Texte las. Luther gab den Landesherren Ratschläge. Hören wir uns nur den ersten an. Wir können erahnen was in den sechs weiteren folgt. Luther erteilte also folgenden Rat: „Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schulen mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun, unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien… „

Sieht man daran, dass wir Christen sind? Luther irrt. Luther war kein rassistischer Antisemit, sondern Antijudaist. Es ging ihm nicht um rassistische Reinheit, sondern religiöse. Er meinte Christus zu dienen, indem er jüdisch-religiöses Leben vernichtet, Juden vertreibt.
Und das genau ist der Punkt, der mich theologisch und menschlich so betroffen macht. Luther liebte Christus und weil er sich an Christus gebunden wusste, bekämpfte er die Juden in einer Weise, mit der er Christus letztlich verleugnete. Er meinte Christus zu dienen und verließ ihn in Wirklichkeit. Und das gilt bis heute: Wer ein judenfreies christliches Abendland will, geht in eine unchristliche Nacht.
Dort, wo wir die Liebe verlassen, verlassen wir Christus. Selbst wenn die Juden zur Zeit Luthers die Feinde Jesu gewesen wären, hätte doch das Wort Jesu gegolten: „Liebt Eure Feinde“. 
Daher ist die entscheidende Frage heute: Wem gegenüber regen sich in uns feindliche Gefühle: Der eigenen Schwester gegenüber, dem Nachbarn, den vielen Asylbewerbern gegenüber, vor allem wenn sie Muslime sind? Gerade, wenn wir glauben, dass in Christus das Heil ist, so gilt es seine Liebe gegenüber allen zu leben.
Dort, wo wir die Liebe verlassen, verlassen wir Christus. Wir können aber dankbar sein, dass er uns nachgeht in unserer eigenen Verlorenheit. Er ging dem Petrus, der ihn verleugnet hatte, nach und fragte ihn: „Hast Du mich lieb“. Die Liebe Christi hörte, obwohl Petrus ihn verlassen hatte, nicht auf. Die Liebe Christi hört nicht auf. Er ruft uns in diese Liebe und verwandelt uns durch sie.
Wie gesagt: Es braucht die Staatsgewalt, damit das Böse, der Hass nicht überhandnimmt. Doch der Königsweg ist es, Menschen aus jedem Hass durch Liebe zu befreien. Es ist der Weg des Königs, der am Kreuz stirbt und an Ostern aufersteht.

Ein allerletzter Gedanke: „Nun aber bleiben Glaube Hoffnung und Liebe, diese drei. Die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“ Dieses Wort war vorhin der letzte Vers der Lesung. Er ist so erstaunlich wie das Gebot der Feindesliebe. Ich habe mich viele Jahre gefragt, warum ist der Glaube nicht größer als die Liebe. Heute meine ich, es ist gerade das Proprium unseres Glaubens an Christus, dass wir sagen: Die Liebe ist größer. Denn Christus will unsere Liebe und schenkt sie uns. Diese Liebe gegenüber jedermann mitten in unserem Alltag hat gesellschaftsverändernde Macht. Sie ist der stärkste Widerstand gegen jede menschen-verachtende Ideologie. Sie ist die Wurzel jedes guten Widerstandes. Und wir haben sogar die Hoffnung, dass diese Liebe in uns und zwischen uns stärker ist als alles - weil Gott selbst sie will.
Amen.