Kundgebung des Bündnis KUnterBunT

Kurze Ansprache von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner und Lesung von Bonhoeffers "Wer bin ich" am 9. September 2013 bei der Gegendemonstration des Bündnis KUnterBunT in Bayreuth

Zurückgekehrt aus dem Urlaub habe ich heute von der  Kundgebung erfahren und beteilige mich gerne und spontan. Rechtsextremismus ist eine Bewegung, die klaren, begründeten Widerstand braucht. Da ich solchen Widerstand für geboten halte, möchte ich einen Schriftsteller zur Sprache bringen, der bereits im Dritten Reich Widerstand leistete, den Theologen Dietrich Bonhoeffer.
Viele kennen ihn insbesondere durch sein Gedicht, das er im Gefängnis geschrieben hat: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Dieses Gottvertrauen war die eigentliche Kraftquelle seines Widerstands.
Bereits 1933 schrieb er einen Aufsatz unter der Überschrift: „Die Kirche vor der Judenfrage“. Darin finden sich folgende zwei Sätze: „Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören… Wenn die Kirche den Staat ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht ausüben sieht, kommt sie in die Lage, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad in die Speichen zu fallen.“
Das hat er getan unter Einsatz seines Lebens. Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet. 
Auch in unseren Tagen hat der Rechtsextremismus neue Opfer durch die NSU-Morde erzeugt. Auch ihnen sind wir – wie Bonhoeffer es sehr gut ausdrückt – in unbedingter Weise verpflichtet. Auch in unseren Tagen verfangen sich Menschen in den Maschen des „Freien Netzes Süd“. Die Knoten dieses Netzes gilt es aufzulösen. Auch in unseren Tagen gibt es eine NPD, die die Strukturen des demokratischen Staates ausnützt, die sie eigentlich abschaffen will. Widerstand ist geboten.
Ich lese nun das Gedicht „Wer bin ich“ von  Dietrich Bonhoeffer. Dieser Text ist im Sammelband „Widerstand und Ergebung“ zu finden. Er ist im Militärgefängnis in Berlin-Tegel entstanden. Bonhoeffer legte ihn seinem Freund Eberhardt Bethge in einem Brief am 8. Juli 1944 bei. Er zeigt, wie schwer Widerstand sein kann und dass  auch unser Widerstand Mut und Gottvertrauen braucht.

Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin



WER BIN ICH?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich trete aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!