Einweihung der Mikwe - Spendenübergabe für den Umbau der Bayreuther Synagoge

Ansprache von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zur Einweihung der Mikwe am 16. August 2013 im Garten der Synagoge

Liebe jüdische Gemeinde in Bayreuth,

allen voran lieber Herr Gothart als Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth!

Mit Ihnen grüße ich Ihre Vorstandskollegen im „Förderverein Synagoge Bayreuth“ sehr herzlich: Herrn Regierungspräsident Wenning und Frau Oberbürgermeisterin Merk-Erbe!

„Blickt auf Abraham euren Vater und auf Sarah, die euch gebar. Der Herr hat Erbarmen mit Zion. Er macht die Wüste zum Paradies und die Öde zum Garten.“
In der ganzen vergangenen Woche habe ich dieses Bibelwort täglich gesungen. Denn ich besuchte bei meinen Schweigeexerzitien in Wittenberg täglich das liturgische Abendgebet. Es lehnte sich thematisch an den vorausgehenden so genannten „Israelsonntag“ an.
Ja, wir Christen feiern in unserem Kirchenjahr jeden Sommer einen Israelsonntag. Christen, die das Kirchenjahr bewusst begehen, haben beginnend mit dem Sonntag eine ganze Woche, in der sie an das Volk Israel denken und für seine Zukunft beten.
Wir sind dankbar, dass Israel seit 1948 einen eigenen Staat hat und wünsche ihm Frieden inmitten des Friedens mit benachbarten Völkern. Gut, dass erneut Gespräche mit den Palästinensern begonnen haben. Mögen sie zur Verständigung führen.
Doch als Christen sehen wir Israel nicht nur als politische Größe, sondern davon unterschieden auch als religiöse Größe, als Volk, mit dem Gott einen Bund geschlossen hat. Manche Christen mögen durchaus Kritik anmelden an der Politik des Staates Israel, wie ja auch Juden politisch sehr unterschiedliche Richtungen vertreten können.
Doch politische Anfragen hindern nicht daran, dass Christen sich dem biblischen Volk Israel als dem bleibend erwählten Volk Gottes grundlegend verbunden wissen. Es gibt keine biblisch-theologischen Gründe, sich gegen das religiöse jüdische Bundesvolk zu stellen. Oder einfach gesagt: Wer Christus liebt, kann kein Feind der Juden sein.
Wir Christen haben die fünf Bücher Mose, die Propheten und die Schriften – also unser so genanntes Altes Testament – mit dem Bundesvolk Israel gemeinsam. Sicher, wir lesen diese Worte der Heiligen Schrift herkommend von Christus; doch wir lesen sie auch. Als ich in der jüdischen Synagoge in Ungarn den Psalm 121 durch einen jüdischen Kantor gesungen hörte, nahm ich ihn an als Segen für mich. Und als ich das eingangs zitierte Bibelwort aus dem Propheten Jesaja im Abendgebet sang, dachte ich fürbittend und segnend an die jüdischen Gemeinden, insbesondere an die in Bayreuth.
Mit keiner anderen Religion der Welt verbindet die Christen so viel, wie mit den Juden. Unser Heiland war Jude, wurde in Bethlehem geboren und in Jerusalem gekreuzigt. Dass die Kreuzigung Juden schuldzuweisend angelastet wurde, gehört zu den größten religiösen Heucheleien der Geschichte. Sollte nach Schuldigen am Kreuzestod Jesu gefragt werden, so ist es der Mensch, wie er eben ist, in jedem Volk.
Umso schlimmer, dass es zum millionenfachen Mord an Juden kam und diese Heuchelei bewusst angewendet wurde. Der Holocaust war ein ausschließlich gottloses Geschehen – in seiner Gottlosigkeit auf die Spitze getrieben, wo er pervertierend religiös überhöht wurde.

Auch die nationalsozialistischen Bewegungen von heute speisen sich niemals aus der Herzensverbindung mit Christus. Mich schaudert vor dem Missbrauch des Wortes „christlich“ durch manche nationalsozialistische Ideologen. Sie meinen mit „christlich“ in Wirklichkeit antijüdisch oder antimuslimisch und haben keine Ahnung von dem, was eine christliche Existenz im Kern bedeutet. Christliche Existenz sucht Frieden mit jedermann, übt Liebe gegen jedermann und sieht sich in der Pflicht für Benachteiligte und insbesondere für Fremde einzutreten.
Juden allerdings sind für Christen keine Fremden, sondern sind die Wurzel, aus der wir stammen und von der wir uns solange wir leben gar nicht trennen können.
Daher sage ich: So sehr ich Christ bin, so sehr weiß ich mich gerade darin den Juden verbunden. Das gilt für mich persönlich, als Regionalbischöfin und als Mitglied der Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Diese Verbundenheit bringt unsere Kirche sogar in ihrer Kirchenverfassung und dort sogar in ihrem Grundartikel zum Ausdruck. Ich zitiere ihn:
„Mit der ganzen Kirche Jesu Christi ist sie (d.i. die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern) aus dem biblischen Gottesvolk Israel hervorgegangen und bezeugt mit der Heiligen Schrift dessen bleibende Erwählung.“
Wort und Tat gehören zusammen. Es war mir daher ein Herzensanliegen, die jüdische Gemeinde tatkräftig im Bau ihrer Mikwe und im Umbau ihrer Synagoge zu unterstützen und ich fand wiederum Unterstützung vom ganzen Landeskirchenrat, insbesondere von Oberkirchenrat Martin, der für die Beziehung von Juden und Christen als Abteilungsleiter zuständig ist. Ich grüße Sie herzlich von ihm.
Wie ich von Regionaldekan Dr. Josef Zerndl weiß, befasst sich auch das Erzbistum Bamberg mit dem Antrag, für die Renovierung und Ausstattung der Bayreuther Synagoge einen angemessenen Beitrag zu leisten. Der Zuschuss wird in den nächsten Jahren von katholischer Seite übergeben werden.
Das anfangs zitierte Bibelwort spricht davon, dass die Wüste zum Paradies und die Öde zum Garten wird. Nun, hier in Bayreuth wurde die Synagoge Gott sei Dank nie verwüstet. Und doch war auch die jüdische Gemeinde in Bayreuth vom Holocaust schwer betroffen. Gerade in den letzten Jahren erlebt die Gemeinde eine neue Blüte. Das Wasser der Mikwe ist dafür wie ein Zeichen. Kein Paradies, kein Garten ohne Wasser.
Wir stehen in wirklich historischen Tagen hier in diesem Garten. Rabbiner Meir Posen hat die Nutzung der Mikwe schon freigegeben. Man könnte sie schon nutzen, doch wartet die Gemeinde noch, dass sich Regenwasser und Grundwasser küssen.
Diese Mikwe – mit dem reinsten Mikwen-Wasser Europas durch den artesischen Brunnen mit Wasser aus 70 Metern Tiefe – wird das kultische Leben der jüdischen Gemeinde vertiefen.
Möge der Gott unserer Väter und Mütter im Glauben, der Gott Abrahams und Sarahs alle jüdischen Gemeindeglieder, die in dieser Mikwe ein rituelles Bad nehmen,  segnen an Leib und Seele, durch Reinigung von Leib und Seele.
Nun beginnt der zweite Bauabschnitt. Und er kostet finanziell noch mehr als die Mikwe. Diese Synagoge ist die älteste noch in Gebrauch befindliche Synagoge Deutschlands und noch dazu die einzige Barocksynagoge. Sie ist ein großes Kulturgut Deutschlands und Europas.
Es war mir selbst ein großes Anliegen, dass wir als Evangelisch-Lutherische Kirche zur baulichen Erneuerung der alten Synagoge beitragen. Doch wir zielen mit unserer Spende nicht primär auf die Kultur, sondern auf den Kultus. Der jüdische Glaube ist eine Religion der Praxis. Wir wollen mit unserer Spende dazu beitragen, dass die jüdische Gemeinde Freude hat in dieser Synagoge, dass sie ihr dienlich ist, ihren Glauben zu leben, dass sie ihre Gemeindeglieder anzieht, in ihr den Schabbat zu feiern. Wir wollen mit unserer Spende nicht nur den Gebäudeerhalt befördern, sondern das Blühen der Gemeinde.
Das am Anfang zitierte, gesungene Abendgebet hatte die gekürzte, katholische Einheits-übersetzung zur Grundlage. Am Ende meiner Rede lese ich die beiden Verse aus dem Propheten Jesaja Kapitel 51 ungekürzt aus der Lutherübersetzung. Ich lese sie als Wort der Verheißung für die jüdische Gemeinde in Bayreuth:
„Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren.
Ja, der Herr tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.“
So sei es in Ihrer Gemeinde und so werde es in der erneuerten Synagoge. Mögen die 50.000 € Spende unserer Evangelisch-Lutherischen Landeskirche dazu beitragen.


Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin des Kirchenkreises Bayreuth