Wiedereinweihung der Bartholomäuskirche Emtmannsberg

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner im Wiedereinweihungsgottesdienst der Bartholomäuskirche Emtmannsberg am 4. Mai 2013 zu Mt 6,7-15

Liebe Festgemeinde!

Sie alle kennen wahrscheinlich die Geschichte von der Tempelreinigung. Jesus wirft die  Geldwechsler und Opfertierverkäufer zornig aus dem Tempel. Sein Argument lautet: Gott hat selbst bestimmt: „Mein Haus soll ein Bethaus sein“.
In der letzten Gemeinde, in der ich selbst als Gemeindepfarrerin tätig war, in Holzkirchen in Oberbayern, durften die Evangelischen vor 200 Jahren keine Kirche errichten, nur einen Betsaal.

Der kurze Blick nach Oberbayern und auch die Erinnerung an die Tempelreinigungsgeschichte können verdeutliche, wie notwendig ein Raum des Gebets für eine Gemeinde ist. Selbst wenn den Evangelischen früher in Oberbayern keine Kirche zugestanden wurde, einen Raum zum gemeinsamen Gebet sollten sie haben dürfen. Händler gehören für Jesus nicht hinein in den Tempel, weil sie das Beten stören.
Eine Kirche bietet Raum zum Beten. Sie ist Raum zum Beten.
Auch, dass hier gelegentlich Theateraufführungen stattfinden ändert daran nichts, zumal hier nur aufgeführt wird, was zu einer Kirche passt. Bei der letzten Aufführung konnte ich mich selbst überzeugen. Das Theaterstück, „der Turm“ von Pfarrer Wilfert, fügte sich nicht nur zur Renovierung der Kirche, sondern war beste Verkündigung, war Predigt in anderer Form.
Klamm wird manchem bei diesem Stück geworden sein, weil es die wahre Begebenheit schilderte, dass bei Bauarbeiten im Jahr 1666 ein Geselle vom Turm fiel. Ich wage zu behaupten, dass etliche der Zuschauer vor zwei Jahren dafür beteten, dass wir bei den gegenwärtigen Arbeiten am Turm von einem solchen Unglück verschont bleiben. Und wir sind dankbar, dass dem so war.

Die Jahreszahl 1666 macht deutlich: Schon lange ist dieser Ort, an dem wir heute feiern, ein Ort des Gebets. Immerhin ist hier schon die Burgkapelle St. Peter für das 13. Jahrhundert belegt. Ob St. Peter um 1300 bzw. 1350 (Chronik von Pfarrer Wilfert „Emtmannsberg“ S. 121) oder um 1450 (Homepage der Kirchengemeinde) zur Bartholomäuskirche erweitert wurde, kann hier offen bleiben. Im oben erwähnten Jahr 1666 erfolgte dann eine innere Umgestaltung und eine Erweiterung nach Nord-West, bei der besagter Unfall geschah. Durch Markgraf Friedrich, zugleich Patronatsherr, erhielt die Kirche 1749 als Markgrafenkirche ihre jetzige Gestalt. Die gegenwärtige Renovierung mit Erneuerung des Dachstuhls wollte die Gestalt erhalten. Ihre Bartholomäuskirche ist wieder stabil und gesund.
Soviel auch verändert oder restauriert wurde - schon mindestens über sieben volle Jahrhunderte hinweg war und ist hier ein Ort des Gebets. Mindestens so lange erklingt hier schon das Vaterunser und natürlich gehörte es auch zu unserer Einweihungshandlung notwendig dazu. Wir alle und selbstverständlich auch – unsere katholischen Glaubensgeschwister -  haben mit diesem Gebet unsere Kirche geweiht. 

Schließlich hat unser Herr Jesus Christus es uns gelehrt, wie wir auch vorhin in der Lesung gehört haben. Das vorhin gelesene Bibelwort ist auch das reguläre Predigtwort für den morgigen Sonntag Rogate, betet.

Eigentlich hat unser Bibelwort drei Teile:
Jesus mahnt erst einmal: Ihr sollte beim Beten nicht viel Worte machen.
Dann lehrt er eben im zweiten Teil die Umstehenden das „Vater unser“ zu beten
und drittens mahnt er abschließend, auch wirklich zu vergeben.
Schreiten wir die drei Teile ab:
Zuerst also zur Mahnung Jesu, nicht viel Worte beim Beten zu machen.
Ich bin mir nicht sicher, ob Jesus heute nicht eine ganz andere Mahnung aussprechen würde: z.B. Sagt Eurem Vater im Himmel jeden Morgen wenigstens ein paar Worte.
Da schellt der Wecker, raus aus dem Bett, rein ins Badezimmer. Eine Stunde später, der Kaffee ist längst getrunken, ist immer noch kein Gebet gesprochen. Das ist heute für ein Gemeindeglied kein ungewöhnlicher Start in den Tag.
Manche von Ihnen aber haben feste Gebets- Gewohnheiten. Der Wecker klingelt, sie setzen sich auf und sprechen ein Gebet, sagen sozusagen dem lieben Gott „Guten Morgen“. Andere nehmen sich bewusst am Frühstückstisch Zeit, Gott zu danken für den neuen Tag und ihn zu bitten für alle Aufgaben, die anstehen.
Wenn Sie morgens bisher keine feste Zeit haben, um mit Gott zu sprechen, dann möchte ich dies gerne anregen. Es wird ihnen gut tun, Sie werden es merken. Sie gehen ganz gewiss mit mehr Freude und mit mehr Frieden, mit mehr Kraft und mit mehr Ruhe in den Tag. 
Wenn es nicht gleich klappt und sie es immer wieder vergessen, dann brauchen Sie kein schlechtes Gewissen haben; doch bleiben Sie dran, hören Sie nicht auf, das Morgengebet einzuüben, ihr Leben lang.
Ich empfehle jedem Christen wenigstens drei Mal am Tag morgens beim Aufstehen oder Frühstück, mittags beim Mittagsläuten oder Mittagessen, abends beim Abendläuten, Abendessen und/oder Schlafengehen das Beten zu pflegen.
Wir Menschen pflegen nun mal unsere Beziehungen nicht durch Schweigen, sondern durch Gespräch. Wir Christen leben in einer Beziehung zum Vater im Himmel. Die Gefahr die Jesus bei seinen Zeitgenossen sah, zuviel Worte zu machen, sehe ich bei einem typisch evangelisch-lutherischen Christenmenschen der Gegenwart, wie wir es sind, nicht.
Unser Bibelwort entlastet uns auch: Es müssen gar nicht viele Worte sein; im Gegenteil; wesentlich ist, dass wir in Verbindung treten. Und wenn wir regelmäßig diese Verbindung pflegen, dann wird sie auch immer mehr den gesamten Tag durchziehen. Ein kurzer innerer Seufzer: „Hilf mir“ zwei Worte, oder, wenn wir etwas Schönes sehen: „Ich danke Dir“ – drei Worte – und unsere Seele lebt auf, weil ihr die Beziehung zu Gott Kraft und Freude schenkt. 

Kommen wir zum zweiten Teil unseres Bibelwortes. Als Beispiel für ein Gebet mit wenig Worten lehrt Jesus die Menschen das Vaterunser zu beten.
Einer aus Ihrer Gemeinde, das weiß ich, betet immer ein Vaterunser, wenn er ein Feld fertig gepflügt hat. Das Gebet schließt seine Arbeit ab. Das ist viel mehr als ein guter Brauch. Es hilft die Arbeit, Arbeit sein zu lassen, ruhig zu werden und den Erfolg der Arbeit Gott anzuvertrauen.
Mancher von Ihnen, da bin ich mir ziemlich sicher, betet das Vaterunser immer am Ende des Tages im Bett und schläft manchmal schon dabei ein. Macht nichts, es gibt wenig Schöneres als betend einzuschlafen. Der Vater im Himmel wacht.
Das Vaterunser passt eigentlich in jeder Situation. Es passt, wenn wir Angst haben vor der Zukunft: Wir beginnen mit dem Wort „Vater“. Ja, der Vater hört und ist da. Er ist im Himmel, doch der Himmel ist nicht das Blau hoch über uns, sondern der Himmel ist die Welt Gottes, die uns hautnah umgibt. Der Himmel öffnet sich um uns, wenn wir den Vater im Himmel ansprechen – ob auf dem Feld, in der Küche oder in der Kirche.
Das Vaterunser verbindet uns mit Gott und es verbindet uns untereinander. Christus lehrte uns ein Gebet, das uns in eine Gemeinschaft stellt. Wo immer wir es beten, entsteht ein Raum des Gebets und doch wird es uns immer wieder in das Bethaus, die Kirche führen, in der wir gemeinsam beten: Vaterunser.
Es gibt sicher viele Gottesdienste, da sprechen wir es, ohne bei der Sache zu sein. Die Gemeinschaft hat uns mitgetragen, wie gut. Dass wir das Vaterunser manchmal unbewusst sprechen macht nichts, es wirkt sich trotzdem an uns aus.

Es schadet aber auch gar nichts, dieses Gebet einmal ganz bewusst bejahend und sehnend zu sprechen:
Ja Gott, ich möchte dass Dein Name geheiligt und geehrt wird,
 ja ich ersehne, dass Dein Reich des Friedens und der Liebe kommt,
ja, ich will, dass Dein Wille geschieht, weil Dein Wille gut ist für diese Welt und für mich,
ja, gib uns unser tägliches Brot, eben alles was wir zum Leben brauchen.

Wenn wir uns einmal mehr Zeit nehmen wollen zu einer Gebetsmeditation zu Hause, ist auch das Vaterunser ein Weg zu meditieren,  indem wir nach jeder der sieben Bitten eine Konkretion einfügen, z.B. „auch in unserer Familie“:
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde Dein Name – auch in unserer Familie.
Dein Reich komme  - auch in unserer Familie.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden – auch in unserer Familie.
Unser tägliches Brot gib uns heute – auch in unserer Familie.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – auch in unserer Familie.
Und führe uns nicht in Versuchung – auch nicht in unserer Familie.
Sondern erlöse uns von dem Bösen – auch in unserer Familie.
Und dann aber auch, das Gotteslob am Ende auf die Familie beziehen:
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit – auch in unserer Familie. Auch für unsere Familie vertraue ich, dass sein Reich sich durchsetzt, seine Kraft sich stärker erweist und seine Herrlichkeit über uns leuchtet bis wir uns wiedersehen in der Ewigkeit.

Diese Konkretion, die wir zufügen, kann auch anders lauten:
z.B.: „auch in meinem Leben“ oder „auch an meinem Arbeitsplatz“, „auch in der Schule“, „auch in unserem Kirchenvorstand“, „auch in der Vakanz“, „auch in unserem Dorf“, „auch in unserem Staat“.
Kann sein, dass wir dann an einer Bitte hängen bleiben, weil wir hören, dass Gott uns da etwas zu sagen hat, was sich verändern muss. Oder er hilft uns gelassen zu werden und uns in seinen Willen einzufügen: „Sein Wille geschehe“ – nicht meiner – auch in der Angelegenheit, an die ich gerade konkret denke. Das Vaterunser klärt, tröstet, ordnet, mahnt, wenn wir uns Zeit nehmen, es bewusst zu beten. Wir werden still und hören nicht mehr uns reden, sondern Gott, der zu uns spricht.

Sören Kierkegaard hat diese Veränderung beim Beten einzigartig formuliert. Ich zitiere ihn, zumal er morgen an Rogate seinen zweihundertsten Geburtstag feiert:
„Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer.
Ich meinte zuerst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.
So ist es: Beten heißt nicht sich selbst reden hören. Beten heißt: Still werden und warten, bis der Betende Gott hört.“

Zum dritten Teil unseres Bibelwortes :„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ - dieser Teil des Vaterunsers wirkt wie ein Nachklapp zur fünften Bitte: „und vergib uns unsre Schuld“. Doch für Jesus ist das kein Nachklapp, sondern betonter Teil der Bitte. Er schärft uns ein: Ihr könnt nur erwarten, dass Gott Euch vergibt, wenn ihr den Menschen vergebt.
Noch schärfer formuliert er, ich zitiere: „Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“. Jesus ist radikal. Er sagt nicht: Vergebt den Menschen, wenn sie Euch darum bitten, sondern einfach: „Vergebt“. Gemeint ist – egal ob sie Euch darum bitten oder nicht. „Vergebt!“
In meinen Augen sind wir hier in der Mitte der Ethik Jesu Christi angelangt. Wir werden die Feindesliebe nicht annähernd praktizieren können, wenn wir uns nicht einüben in das Vergeben ohne Wenn und Aber. Vergeben - Ärger und Bitterkeit loslassen, nicht mehr nachtragen, frei werden - in dieser Mahnung Jesu steckt so viel Weisheit.
Wir meinen, es sei schwer zu vergeben? Es ist viel schwerer für unsere Seele, wenn wir nachtragend bleiben. Nachtragend sein macht schon vom Wortsinn deutlich, dass wir zu tragen haben. Christus führt uns durch das Vaterunser einen Weg der Befreiung, nicht nur von unserer Schuld, sondern auch von der Schuld der anderen, die wir ihnen bisher nachtragen.
Beten ist viel mehr als Reden. Es ist sogar noch mehr als Hören. Es ist die Weise, in der Gott uns verändert, uns Heil und Heilung schenkt.

Wie ihre Kirche gesund geworden ist, so kann auch unsere Seele gesunden. Wie wir die Kirche auf´s Neue Gott geweiht haben durch Gebet, so kann auch unser ganzes Leben ihm geweiht sein durch Gebet. Er will unser ganzes Leben füllen mit seiner liebenden Gegenwart.
Amen.