Festgottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum des Posaunenchors Mühlhausen

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner im Festgottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum des Posaunenchors Mühlhausen am 28. April 2013 zu Jesaja 12,1-6

Liebe Festgemeinde!

Das für den heutigen Sonntag Kantate in der Ordnung der Predigttexte vorgegebene Bibelwort steht beim Propheten Jesaja Kapitel 12, Verse 1-6
1 Zu der Zeit wirst du sagen:
Ich danke dir, Herr, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.
2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.
3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.
4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit:
Danket dem Herrn, ruft an seinen Namen! Macht kund unter den Völkern sein Tun, verkündigt, wie sein Name so hoch ist!
5 Lobsingt dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!
6 Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Liebe Gemeinde!
Das heutige Fest ist bewegend. Denn in unserer schnelllebigen Zeit, in der sich vieles unfassbar schnell wandelt, feiern wir heute Beständigkeit:
100 Jahre Posaunenchor,
50 Jahre Bläser Martin Schmidt
30 Jahre Bläserin Birgit Morgenroth
20 Jahre Bläserin Petra Rebhahn
Dass Menschen beständig und treu sind, ist die Grundlage für die Beständigkeit unserer Kirche und auch eines kirchlichen Posaunenchores.
Wir haben jüngst in unserer Landeskirche eine – wie ich finde – hervorragende Studie erarbeitet, die so genannte „Ehrenamtsstudie“. Raten Sie mal, welcher Gemeindebereich die mit Abstand treuesten Ehrenamtlichen aufweist? Die Instrumentalmusik – das sind, neben wenigen Flötenkreisen und Bands, vor allem die Posaunenchormitglieder.
Der Durchschnitt der Dauer des Engagements von Ehrenamtlichen liegt – ich nenne einige Beispiele – in der Konfirmandenarbeit bei 4,1 Jahre,
in der Jugendarbeit bei 7,2 Jahren,
in der Kindergottesdienstarbeit bei 8,8 Jahren,
bei den Gemeindebriefausträgern bei 12 Jahren (das ist schon eine ganz erstaunliche Dauer, wenn man bedenkt, dass es sich um einen Durchschnittswert handelt, in den auch die eingerechnet sind, die nur zwei Jahre lang austeilen),
in der Instrumentalmusik aber, also bei den Posaunenchören, bei 21,4 Jahren. Hier finden wir die Höchstdurchschnittsdauer im selben Engagement.
Was wir also heute in diesem Gottesdienst erleben, ist zweifellos etwas ganz Besonderes in unserer schnelllebigen Gesellschaft, aber es ist typisch für das Leben der Posaunenchöre.

Warum ist das so? Warum sind unsere Posaunenchöre so beständig? Es ist die Verbindung von Musik und Sinn und diesen Sinn beschreibt das Motto Ihres Mühlhäuser Posaunenchores folgendermaßen: „Gott zur Ehre, der christlichen Gemeinde zur Erbauung und zur Pflege edler Geselligkeit.“ 
Über dieses Motto habe ich ja schon in der Festschrift quasi meine erste Predigt gehalten. Doch jetzt erst beim Vorbereiten der heutigen Predigt ist mir aufgefallen, dass Ihr Posaunenchormotto auch sprachlich schön mit den Buchstaben „E und G“ gestaltet ist: Ehre Gottes, Erbauung der Gemeinde, edle Geselligkeit. Das kann man sich merken.
Letztendlich ist dies das Motto aller lebendigen christlichen Posaunenchöre. Ich bin überzeugt, in diesem Dreiklang können sich alle Bläser und Bläserinnen wiederfinden, die heute anwesend sind im Kirchenraum. Schön, liebe Mitbläser und Mitbläserinnen, dass Ihr da seid. Mein Mann und ich werden nach dem Gottesdienst auch unsere Posaune auspacken und uns zu euch gesellen.
Da haben wir schon das Wort „Geselligkeit“ wieder. Mitwirkung im Posaunenchor hat etwas ungeheuer Verbindendes. Dass so viele aus anderen Gemeinden da sind, ist das beste Zeichen dafür. Bläser und Bläserinnen wissen sich verbunden.

Hat das Ganze nun auch etwas mit unserem Bibelwort zu tun?
Eigentlich sind bisher alle Sätze schon eine Auslegung des Bibelwortes gewesen, denn bei und durch christliche Posaunenchöre geschieht, was unser Bibelwort will.
Schauen wir uns genauer an, was es uns als Posaunenchormitglieder und als Gemeindeglieder der christlichen Gemeinde zu sagen hat.

Unser Bibelwort ist bei genauerer Betrachtung zweigeteilt:
Es beginnt mit einer persönlichen Anrede an jeden Einzelnen:
„Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, Herr“
In der Mitte des Predigttextes folgt eine zweite, fast gleichlautende Anrede an die Gemeinschaft:
„Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn“.
Da ist eine Bewegung in unserem Bibelwort:
Vom Dank des Einzelnen hin zum Dank in der Gemeinschaft.
Glauben allein zu leben, ist nur ein Notbehelf - genauso wie Posaune jahrelang allein spielen. Das hält keiner lang durch. Unser Glaube führt in die Gemeinschaft.
Wie eine kostbare Münze zwei Seiten hat, so hat auch unser Glaube notwendig zwei Seiten, die zusammen gehören:  Auf der einen Seite das persönliche Gespräch mit Gott: „Ich danke Dir, Herr“. Und auf der anderen Seite das Danken in der Gemeinschaft zu dem wir aufgerufen sind: „Danket dem Herrn“. Der persönliche Dank und der gemeinsame Dank sind nicht voneinander zu trennen und auch nicht durch die jeweils andere Seite zu ersetzen.
Unser Glaube hat zweifellos und notwendig eine sehr persönliche Seite. Im ersten Teil unseres Bibelwortes findet sich ein sehr persönliches Bekenntnis und vielleicht können Sie es innerlich mitsprechen: „Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“ Wer so dankt, ist innerlich bewegt und wird zugleich fester, stabiler und aufrechter.
Es ist schon sehr intim, was der Beter gleich zu Beginn unseres Bibelwortes spricht:
„Ich danke dir, Herr, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest“.
Danken für den Zorn Gottes? Gibt es den Zorn Gottes überhaupt? Über den Zorn Gottes redet doch heute kein Mensch mehr. Der Zorn Gottes ist fast ein Tabu-Thema geworden. Gott ist so gnädig und liebevoll, dass er doch nicht zornig ist, oder?
In unserem Bibelwort dankt der Einzelne sogar für den Zorn Gottes. Unsere Bibel redet sehr wohl vom Zorn Gottes und wir können es auch tun, wenn wir eines beachten: Wenn Gott zornig ist, dann ist er zornig aus großer Liebe zu uns Menschen.
Meinen wir, er war nicht zornig, als unser Volk in den zurückliegenden 100 Jahren zwei Mal einen Krieg angefangen hat? Meinen wir, er sei nicht zornig und verzweifelt gewesen angesichts der Unmenschlichkeit zu der Menschen im Dritten Reich fähig waren? Ich glaube, das war er. Wenn wir uns Gott - im Bild gesprochen - weinend vorstellen wollen, dann sind während der Kriege Ströme von Tränen des Zorns aus Liebe zu uns Menschen geflossen. Und sie fließen gegenwärtig über die Zustände in Syrien.
Gott ist nicht fern und unbeteiligt. Er ist uns Menschen in Liebe zugewandt und zu dieser Liebe gehört auch sein Zorn über alles, was Menschenleben im Großen und Kleinen, in den Kriegen weltweit und in den Kriegen in unseren Familien und Nachbarschaften zerstört. Gott unser Schöpfer, Christus unser Heiland, will ein Leben in Liebe und Frieden für uns und alle Menschen auf der ganzen Welt. Auch wenn er in Liebe zornig ist über menschliche Lieblosigkeit,  liebt er doch alle – auch uns und sogar die Menschen, über die wir manchmal in liebloser Weise zornig sind.
Immer wieder gibt es in unserem Leben – auch in meinem – Dinge, die wir tun, über die Gott zornig ist, weil wir etwas tun, das – oft ungewollt - zerstörerisch ist für ein Leben in Liebe und Frieden. Das kann ein akuter oder schwelender Konflikt sein in Ehe, Familie, Nachbarschaft oder Beruf, eine Sucht, eine innere Entwicklung zur Härte. Gott will das nicht. Er will für jeden von uns, für jeden Menschen ein Leben in Liebe und Frieden, in Fröhlichkeit und Gemeinschaft. Da will er mit jedem und jeder von uns hin. Nach jeder Krise ist Neuanfang möglich – vielleicht nicht so, wie wir ihn ersehnen, doch er ist möglich durch Gottes Liebe.
Solch ein Neuanfang nach den Kriegen wurde auch dem Mühlhäuser Posaunenchor geschenkt.
Das älteste Bild des Posaunenchores zeigt den Neuanfang des Chores nach dem ersten Weltkrieg. Da spielen die Männer bei der Kriegsheimkehrfeier auf dem Friedhof am 26.1.1919. Ob sie gespielt haben „Nun danket alle Gott“? Vielleicht schon. Dieser Vers: „Ich danke dir, Herr, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest“ hätte diesen Männern und auch ihren Frauen und der ganzen Gemeinde aus der Seele gesprochen. Das war handfester Trost mit dem Gott sie getröstet hat: Dastehen zu können, lebend, die Trompete nach langer Zeit wieder in der Hand. Welche Dankbarkeit mag das damals gewesen sein, die Mitschwang in den Klängen. Jeder war gewiss für sich dankbar und doch fanden sie sich in Dankbarkeit zusammen und gemeinsam wurde ein Lied daraus: Das Lied vom neu geschenkten Leben durch Gottes Liebe, die doch siegt.
Wer Gott dankbar ist, den führt die Dankbarkeit in die Gemeinschaft hinein. So wie diese Männer sich da zusammengefunden haben.
Auch Sie alle hier im Kirchenschiff hat Ihre Dankbarkeit dafür, dass Mühlhausen so lange schon einen Posaunenchor hat, in diesen Gottesdienst geführt.
Uns Christen führt unsere Dankbarkeit zusammen und sie mündet ein in das Lob Gottes – eben Gott zur Ehre, wie das Motto des Posaunenchores sagt. Natürlich ehren wir heute Menschen, die so treu waren und beständig. Doch diese drei Menschen werden heute besonders bewegt Gott ehren, weil er sie geführt hat die 50, 30, 20 Jahre. Und ich bin überzeugt, die drei stimmen ein in das Bibelwort und rufen alle hier mit auf: „Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündigt wie sein Name so hoch ist.“
Dieser Zweischritt der persönlichen Dankbarkeit und des Aufrufs gemeinsam Gott zu danken und zu loben, gehört zum Wesen des Trompeten- und Posaunenspiels. Da bläst jeder selbst und bekennt sich zum Glauben und tönt doch so laut, um andere einzuladen: „Lobsingt dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen“. Wer diese Instrumente spielt, der tritt automatisch in die Öffentlichkeit mit seinem Glauben und lädt andere ein, mitzutun.
Er oder sie baut damit Gemeinde, wie es im Motto heißt: „der christlichen Gemeinde zur Erbauung“. Die Gemeinde baut sich durch das Bestehen  eines Posaunenchores allein schon dadurch auf, dass – wenn der Posaunenchor spielt auch manches Familienmitglied in die Kirche kommt, das sonst nicht ginge. Und es ist uns allen doch klar, dass Jungbläser und Jungbläserinnen durch den Posaunenchor im Gottesdienst sitzen – so gewinnen sie ihn lieb und werden zu Säulen der Gemeinde. So geschieht ganz natürlich Gemeindeaufbau durch Beteiligung.
Und was ist mit der Pflege edler Geselligkeit? Auch die gehört dazu. Liebe Mitchristen, unser Glaube ist vom Grundton fröhlich. Die Grundtonart unseres Glaubens ist D-Dur. In der Philosophie der Musik ist D-Dur die hellste Tonart. Viele unser Choräle sind in D-Dur notiert – zum Leidwesen mancher Bläser und mancher Hörer, denn D-Dur hat zwei Kreuze und das Spielen in B-Tonarten ist einfacher.
Doch Gott will uns alle – um im Bild zu bleiben -  zu einem Leben in D-Dur führen. Gewiss er ist auch bei uns, wenn unser Leben gerade in Moll spielt. Da trägt er uns. Doch er will uns stets wieder zu neuer Freude führen, sogar im Tod, bis wir einst im Himmel singen und spielen in Tonarten, die wir noch nicht kennen. Die können dann auch alle Unmusikalischen singen und spielen.
Der Weg zur Freude führt manchmal über Klage und Bitte, immer aber über den Dank. Freude wächst in uns, wenn wir Gott danken für das wofür wir trotz allem dankbar sein können.
Gerade weil unser Weg als Christen ein Weg zu größerer Freude ist, ist es passend, wenn wir Posaunenchöre selbst fröhliche Geselligkeit pflegen und ruhig auch bei geselligen Anlässen inmitten des Dorflebens und der Vereine spielen, so wie das der Mühlhäuser Posaunenchor auch tut und dabei etwas von seiner Glaubensfreude zeigt – ruhig auch mit Märschen, Volksliedern und Pop. Allerdings bin ich überzeugt, dass die Vereine es gut finden, wenn wir mit Swing das eine oder andere Gospel oder einen verjazzten Choral einfügen und unser Profil nicht verleugnen. Denn in den Vereinen sind auch Christenmenschen, die sich freuen über „evangelische“ Töne, die das Evangelium transportieren.
Unser Bibelwort ruft Euch auf: „Lobsingt dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!“  Spielt in allen Landen, in den Dörfern und Vereinen, in Kirchen und unter freiem Himmel zur Ehre Gottes, zur Erbauung der Gemeinde und zu edler Geselligkeit. So bewegt Ihr die Menschen und seid selbst beständig.
Ein letztes. Wir schauen heute natürlich zurück auf 100 Jahre. Unser Bibelwort richtet unseren Blick voraus. Es ist sogar im Futur geschrieben. In ihm ist Verheißung für die Zukunft: „Du wirst sagen: „Ich danke Dir, Herr“. Ihr werdet sagen: danket dem Herrn“. „Ihr werdet mit Freuden schöpfen aus den Heilsbrunnen.“ Ihr Gemeindeglieder werdet in Eurem Leben, und Ihr Posaunenchormitglieder werdet in Euren Chören Grund zu persönlicher und gemeinsamer Dankbarkeit haben. Geht mit dieser Verheißung in die Zukunft.
Amen.