Ordination von Kathrin Brunner

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zur Ordination von Kathrin Brunner am 14. April 2013 in Marktredwitz zu Johannes 21,15-19

Liebe Gemeinde, vor allem liebe Frau Brunner!

Die Pfarrei Marktredwitz ist Rekordhalterin. Zweimal war ich auch schon in anderen Gemeinden zum Ordinieren – dreimal noch nie. Das Pfarrersehepaar Röhm wurde am 26. April 2009 ordiniert und am 12. Oktober letzten Jahres Sie, liebe Frau Pfarrerin Wappmann. Und nun heute die dritte Ordination, von Ihnen, liebe Frau Brunner.
Aller guten Dinge sind drei. Nach der heutigen Ordination soll ruhig einige Jahre Pause sein, nicht weil ich nicht gerne zu Ihnen nach Marktredwitz käme, da finden sich bestimmt auch andere Gelegenheiten, sondern weil es der Pfarrei gut tut, wenn nun mit diesem neuen Team Kontinuität eintritt. Das wünsche ich der ganzen Pfarrei. Wie erlösend, dass nun endlich wieder alle vier Pfarrstellen besetzt sind.
Die Pfarrei Marktredwitz ist auch aus einem anderen Grund Rekordhalterin. Sie ist die einzige Gemeinde im Kirchenkreis Bayreuth, in der zeitgleich drei Frauen im Amt sind. Ich gratuliere den Marktredwitzern, denn alle drei sind – nach meiner Einschätzung – richtig gute Pfarrerinnen.
Ob das Verhältnis 3 zu 1 – Frauen zu Männern auf den Pfarrstellen hier in den letzten Wochen Gesprächsthema war? Mancher traut sich vielleicht kaum etwas zu sagen, nicht dass er den Vorwurf des Sexismus an der Backe hat, wie jener FDP-Politiker nach einer Aussage, die er ein Jahr zuvor nachts an der Bar gemacht haben soll. Das Thema ist sensibel, aber übersensibel brauchen wir auch nicht sein.
Reden wir ruhig über die Frauen im Amt, denn es ist zweifellos eine gewisse Umgewöhnung nötig, wenn ein Ort auf einmal eine Oberbürgermeisterin hat und dann die erste Pfarrerin und dann sogar drei. Schließlich hat jeder dieser Schritte eine Jahrhunderte währende Tradition verändert.
Ich spreche das bewusst an, weil das Reden über eine Sache dazu beitragen kann, dass sie ihre Ungewöhnlichkeit verliert. Durch Reden und vor allem auch durch gute Erfahrung hat sich im Gefühl der Menschen in den letzten Jahrzehnten in der Geschlechterfrage ungeheuer viel verändert.
Bei Stellenbesetzungsgesprächen merke ich, wie sehr die Gemeinden mit mehreren Pfarrstellen es inzwischen schätzen, wenn beide Geschlechter im Amt sind. Sie wollen gar nicht mehr „nur Männer“; sie möchten sicher auch nicht nur Frauen, denn manchmal will ein Mann zu einem Mann in die Seelsorge und eine Frau zu einer Frau. Wie gut, wenn dies möglich ist. Die Mehrheitsverhältnisse sind nicht entscheidend. Und das Gerede davon, dass der Pfarrberuf ein Frauenberuf wird, stimmt nun wirklich nicht. Das Verhältnis der Neuzugänge hält sich im Wesentlichen die Waage mit leichter Mehrheit der Frauen. Doch wir haben immer noch deutlich mehr Männer im aktiven Pfarrdienst und das wird sich auch so schnell nicht ändern.

Doch bei all meinen Beobachtungen der kirchlichen Praxis habe ich im Kern festgestellt, dass das Geschlecht im Amt völlig zurücktritt, wenn nur der Dienst in guter Weise geschieht.
Als ich vor 27 Jahren einen meiner ersten dienstlichen Krankenbesuche bei einem Mann machte nach OP eines typischen Männerleidens, da erzählte er in einer Offenheit, die mich erstaunte. Sofort merkte ich, da redet nicht primär Mann mit Frau, sondern ein Kranker, der Seelsorge sucht und annimmt.
Natürlich predigen wir als Frauen und Männer nuanciert anders, wählen teilweise andere Beispiele, doch entscheidend ist, dass wir das Evangelium predigen, dass wir sagen, was Christus für uns alle getan hat und heute und in Zukunft für uns alle und an uns und durch uns tut. 
Petrus ist das Urbild der Hirten und Hirtinnen der Kirchen. Der Stuhl Petri ist der Predigtstuhl in den Kirchen. Und auf den werden Sie, liebe Frau Brunner, heute eingesetzt. Darum gilt die Frage, die Jesus Petrus stellt, heute in ganz besonderer Weise Ihnen, liebe Kathrin Brunner. Der Auferstandene fragt heute Sie: „Hast Du mich lieb?“. Und Christus sendet heute Sie, wie er Petrus gesandt hat. „Weide meine Schafe“; „weide meine Lämmer“.

Der heutige Predigttext – er ist ja das reguläre Bibelwort für diesen Sonntag – gehört zu den schönsten Bibelworten bei Ordinationen. Er ist ein Text, der heilt, vergewissert, sendet. Und wenn ich sonst bei Ordinationen predige, habe ich immer diese Geschichte von Jesus und Petrus im Hinterkopf.
Ich weiß nicht, liebe Frau Brunner, ob Sie das Bild wahrgenommen haben, das in Ihrer Blickrichtung zu sehen war, als Sie in meinem Dienstzimmer beim Ordinationsgespräch saßen. Sie bekommen ein Foto davon. Es trägt nämlich den Titel „Die dreifache Frage“ und stellt bildlich unsere heutige biblische Geschichte dar.
Dieses Bild hängt bei mir im Amtszimmer, weil es mich selbst an diese Frage erinnern soll, die Christus auch mir stellt: „Hast Du mich lieb?“ Es ist die entscheidende Frage, für unser Amt.
Das Amt der Kirche, in das Sie heute berufen, gesegnet und gesendet werden, vertraut Ihnen nicht nur die Verkündigung des Evangeliums an – denn das Amt der Verkündigung des Evangeliums haben wir alle hier im Kirchenschiff durch unsere Taufe – sondern es vertraut Ihnen dieses Amt sogar für den öffentlichen Raum an, sodass Sie auf Kanzeln predigen und die Sakramente verwalten dürfen und sollen – und dies bis Sie einst sterben, ihr ganzes Leben lang.
Sie stehen ab heute in einer pastoralen Existenz. Sie haben nicht nur einen Beruf, Sie  sind  Pfarrerin.
Pastoral, Pfarrerin, Pfarrei – alle diese Worte leiten sich wortgeschichtlich her vom Hirtendienst. Mit der Ordination ist klar: Sie sind Hirtin der Gemeinden, in die Sie Ihr Weg führen wird. Ordination ist viel mehr als die Einsetzung in den Dienst in einer Gemeinde. Sie als Gottesdienstgemeinde bitte ich um Ihr stilles Mitbeten nachher bei der Ordinationshandlung, dass Gott Frau Kathrin Brunner segnen möge für den lebenslangen Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Beten Sie mit, dass sie zum Segen wird, wo immer sie leben und arbeiten wird, dass die Liebe zu Christus in ihr von Jahr zu Jahr wächst und die Liebe zu all den Schafen und Lämmern, die Christus ihr in ihrem Leben anvertrauen wird, zuerst hier in Marktredwitz.

Es ist sehr eindrücklich, dass Jesus Petrus – nach allem, was geschehen ist – keine andere Frage stellt, als die: „Hast Du mich lieb.“ Das ist die entscheidende Frage für das Hirtenamt an jedem Ort, auch für Ihren Dienst, liebe Frau Brunner, in Marktredwitz. In der Liebe zu Christus ist die Quelle der Heilung von Verletzungen, des Friedens mit jedem Menschen, der Freude am Dienst.
Ich glaube, liebe Gemeindeglieder, es ist sogar die entscheidende Frage für jedes Amt in der Kirche. Für das Amt des Kirchenvorstehers allemal: Christus fragt auch Sie als Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen: „Hast Du mich lieb?“ Und wie können Menschen wirklich in guter Weise Mesner sein, ohne dass die Liebe zu Christus sie leitet. Im Chor singen ist ein Dienst, der in Liebe zu Christus geschehen kann und soll. Wer Christus lieb hat, der hat die wesentliche Motivation für jeden Dienst in der Kirche.
Schauen wir uns darum diese Geschichte im Blick auf uns alle an, denn Christus hat Aufgaben für uns, an dem Ort, an dem wir stehen. Er fragt heute Sie, liebe Frau Brunner, in besonderer Weise, doch er fragt uns alle nach unserer Liebe.
Er fragt uns nicht nach unseren Zweifeln, nach unserem Versagen, nach unserem Können. Er fragt uns nach unserer Liebe zu ihm. Er will, dass wir alle  an dem Platz, an dem wir leben, in der Familie, im Freundeskreis, im Kollegenkreis, in der Nachbarschaft – und Sie, liebe Frau Brunner, sogar in der Öffentlichkeit – das Evangelium weitersagen und zu Jesus führen.
Können wir das? Das ist nicht die Frage, die weiterhilft. Die Frage, die uns selbst weiterführt, ist die Frage Jesu: „Hast Du mich lieb?“
Schauen wir uns unser Bibelwort genauer an im Blick auf diese Frage an Petrus und an uns.

Es ist ein merkwürdiges Beichtritual. Dreimal hat Petrus die Verbindung zwischen Jesus und ihm am Feuer geleugnet, bevor der Hahn krähte. Er hatte mehr versagt, als er es für möglich gehalten hätte. Dreimal gibt Jesus ihm nun die Möglichkeit, seine Liebe zu bekennen. Danach ist es gut. Die Verleugnung steht nicht mehr zwischen Petrus und Jesus. Jetzt, nachdem es besprochen ist, kann Petrus Jesus wieder in die Augen schauen. Die Liebe zueinander ist gewiss viel tiefer als vor der Verleugnung. Eine Liebesbeziehung, die Verletzungen und Brüche anschaut und heilen lässt, wird viel reifer; so ist das zwischen Menschen, so ist das auch zwischen uns und Christus.

Liebst du mich mehr als diese? Petrus lässt sich auf den Vergleich mit anderen nicht mehr ein. Er ist nicht besser, er kann nicht mehr lieben und ob er Jesus mehr liebt als alles auf der Welt, das weiß allein Jesus selbst. „Du weißt es“, Du weißt, dass ich Dich liebe.
„Du weißt es“, sagt Petrus. Vielleicht ist er sich selbst unsicher geworden und weiß nicht mehr, ob er seinen Gefühlen trauen kann. Er möchte dem trauen, was Jesus von ihm glaubt und weiß.

Im griechischen Text wird erkennbar, dass Jesus Petrus nach seiner Agape, dem Feuer der göttlichen Liebe fragt. Aber Petrus antwortet nicht „agapao – ich liebe Dich brennend mit göttlicher Liebe“, sondern er antwortet „philo – ich liebe Dich wie ein Freund, wie ein Mensch“.
Jesus lässt nicht locker und fragt zum zweiten Mal nach der Agape; er fragt: „agapas me“, liebst du mich, und Petrus antwortet wieder nicht „agapao se“, sondern „philo se“.
Es ist, als ob Jesus sich zu Petrus hinunter bückt und sich auf das einlässt, was Petrus kann, bzw. nicht kann. Jesus fragt beim dritten Mal nicht nach der brennenden göttlichen Liebe; er fragt nach der Liebe des Freundes. Er fragt beim dritten Mal „phileis me?“ Und Petrus antwortet wie die drei anderen Male „philo se“; ich liebe dich wie ein Freund, so wie ein Mensch eben lieben kann.
Die Antwort entspricht der Frage, weil Christus sich auf das eingelassen hat, was Petrus antworten kann.
Man darf dieses Sprachspiel wohl nicht überbewerten und doch ist es ein Bild dafür, dass Jesus sich ganz auf Petrus einlässt, mit all den Grenzen, die Petrus hat.

Dreimal antwortet Petrus dasselbe und er ist danach doch nicht derselbe. Dreimal hat er gegenüber Jesus seine Liebe geäußert. Ob es wichtig ist, dass wir unsere Liebe nicht nur im Herzen tragen, sondern äußern? Natürlich ist das wichtig. Es ist in jeder Ehe wichtig, sonst vertrocknet sie. Jede Freundschaft braucht Äußerungen, die dem anderen sagen, ich bin dein Freund, du bist mir wichtig. Ich halte zu dir. Und ist es nicht so, dass – wenn wir unsere Liebe ausdrücken – wir selbst unsere Liebe zum anderen eindrücklicher spüren denn je? Liebe festigt sich mit dem Ausdruck.

Hätte Christus nicht dreimal fragen müssen, „Petrus, warum hast Du mich verleugnet?“ Nein, Christus fragt nach seiner Liebe, weil er Petrus zutiefst lieb hat, ihn nicht beschämen will, sondern in die Zukunft führen will. Christus ist der Hirte des Hirten Petrus, nährt ihn mit seiner Liebe und gibt ihm damit auch ein Vorbild, wie Petrus seinen Hirtendienst versehen soll. Mit Liebe.
Christus fragt uns nach unserer Liebe. Er fragt nicht, warum hast Du in jener Situation nichts von mir und Deinem Glauben an mich gesagt? Warum hast Du nicht anders gehandelt? Er fragt nicht, warum zweifelst Du daran, dass ich Dich brauche, als Pfarrerin, als Kirchenvorsteher, als Chorsänger. Er stößt uns nicht auf unsere Grenzen. Er führt uns in die Weite seiner Liebe. Durch seine ungebrochene Liebe zu uns führt er uns zu immer tieferer Liebe zu ihm und zu den anderen Menschen, die uns als Hirten brauchen.

Liebe Frau Brunner, auch Sie fragt er heute nicht nach Ihren Zweifeln, er fragt Sie auch nicht nach Ihren Fragen, nicht nach Ihren Grenzen, nicht nach Ihren Stärken, nicht nach Ihren Gaben und Sie haben viele. Er fragt Sie viel grundlegender: nach Ihrer Liebe zu ihm. Diese Liebe zu ihm ist da, das weiß ich. Sie macht das Wesen Ihres Hirtendienstes, ja ihres ganzen Lebens aus und sie wird weiter wachsen und immer tiefer werden, da bin ich gewiss.
Ich werde Ihnen nachher Fragen stellen, die Inhalt des Hirtendienstes sind, in den Christus Sie sendet und Sie werden antworten: „Ja ich bin bereit“ und im Geist steht dahinter: Ja, ich bin bereit aus Liebe zu ihm.

Amen.

Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin